Kritik

3100 Meilen Laufen für die Seele

„3100 Meilen: Laufen für die Seele“ // Deutschland-Start: 29. Mai 2020 (DVD)

Ashprihanal Aalto ist 45 Jahre alt, lebt in Finnland, arbeitet als Zeitungsbote und ist der wohl extremste Langstreckenläufer der Welt. Ganze 13 Mal hat er an dem längsten Lauf der Welt, dem 3100-Meilen-Lauf in New York, teilgenommen, 5 Mal hat er als Erster die 3100 Meilen (ca. 5000 km!) erreicht und bei seinem letzten Versuch sogar einen neuen Weltrekord aufgestellt. Aalto spürt, dass sich sein Zeitfenster langsam schließt, in dem er körperlich in der Lage ist, solch extreme Läufe zu meistern und beschließt, ein letztes Mal teilzunehmen. Schnell wird klar, dass es ihm nicht ums Gewinnen geht, vielmehr ist das Laufen für ihn eine Meditation. Gründer des berüchtigten Laufes in New York war Sri Chinmoy, ein indischer Philosoph und Lauf-Guru – Aaltos großes Idol. Es ist das derzeit längste zertifizierte Straßenrennen der Welt. Chinmoy bezeichnete das Laufen als dauerhaften Weg zur Erleuchtung. Wir begleiten Ashprihanal Aalto auf seinem Weg zum Ziel und erfahren zusätzlich, welche Bedeutung das Laufen für die Menschen in verschiedensten Kulturen hat.

Laufen als spirituelle Erfahrung?
Anstrengung als Meditation – genau wie die körperliche Ausdauer und die Muskulatur muss ebenso der Geist trainiert werden, durch sich ständig wiederholende Meditationen, gleichzusetzen mit Trainingseinheiten. Laut Guru Chinmoy müssen körperliche Fitness und Spiritualität zusammenpassen. Sie sind wie zwei Beine. „Mit einem Bein kann ich nicht laufen; ich brauche zwei Beine, um mein Ziel zu erreichen.“

Nur 11 Athleten nehmen neben Aalto an dem kräftezehrenden Lauf in New York teil, eine von ihnen ist die österreichische Cellistin Shamita Achenbach-Koenig. Mindestens 95 km müssen am Tag zurückgelegt werden, 52 Tage lang, immer um den selben Häuserblock, bei brütender Sommerhitze. Shamita wird unterstützt von ihrem Ehemann, der an der Pausenstation jede Runde auf sie wartet und sich darum kümmert, dass sie genügend trinkt und reichlich Kalorien zu sich nimmt (Die Läufer müssen täglich 10.000 Kalorien zu sich nehmen). Shamita geht es von Tag zu Tag schlechter, ihr steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben, sie ist dehydriert und kann nichts essen. Während Ashprihanal Aalto lediglich mit etwas Husten und einer leichten Erkältung zu kämpfen hat, wird die außerordentliche Anstrengung des Laufs an Shamita immer sichtbarer. Profitiert Aalto von seiner Erfahrung oder hat er tatsächlich einen Zen-artigen Zustand erreicht, der ihn Übermenschliches erreichen lässt?

Die Bedeutung des verstorbenen Gurus Chinmoy ist unverkennbar, überall hängen Plakate mit seinem Gesicht und spirituellen Sprüchen. Zur Meditation wird genauso ermutigt, wie ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

Was bedeutet Laufen für verschiedenste Kulturen der Erde?
Regisseur Sanjay Rawal hebt das Thema „spirituelles Laufen“ noch auf eine höhere Ebene. 3100 Meilen: Laufen für die Seele enthält auch die Geschichten von drei anderen Läufern in drei verschiedenen Ländern und Kulturen – Shaun Martin, einem Navajo-Läufer und Vorstandsmitglied von Wings of America, Gaolo von den San Bushmen der Kalahari Wüste und Ajari Misunaga von den Mönchen des Berges Hiei in Japan.

In einem Navajo-Reservat in Arizona wurden Tausende von indianischen Kindern gezwungen, staatliche Internate zu besuchen. Den Kindern wurde amerikanische Geschichte beigebracht, die nicht ihre eigene war und die es ihnen nicht erlaubte, ihre Muttersprache zu sprechen. Daher veranstaltet Shaun Martin einen Gedenklauf von der Schule zum Stammhaus seiner Familie, eine Entfernung von ca 290 km. Zu Ehren seines Vaters und allen, die versucht haben, der Schule zu entkommen.

In Afrika rannten die San Buschmänner tagelang hinter ihrer Beute her, um ihre Familien zu versorgen. Als die Jagd in ihren Ländern verboten wurde, fühlten sich die Buschmänner gezwungen, sich auf die Regierung zu verlassen, um zu überleben. Dies ist nicht nur ein herber Schlag für ihre traditionelle Lebensweise, sondern auch für ihre Würde und Souveränität.

In Japan umkreisen buddhistische Mönche einen Berggipfel auf der Suche nach Erleuchtung. Die unglaubliche Zahl von 1000 beschreibt nicht die Meilen oder Kilometeranzahl, sondern Tage! Ganze 1.000 Tage, etwas weniger als 3 Jahre, wandern sie um den Gipfel des Berges Hiei. Wer es nicht bis zum Ende schafft, muss sich selbst umbringen. Denn was man beginnt, bringt man auch zu Ende.

Atemberaubende Szenerien geben dem Film mehr Tiefe
Wundervolle Landschaftsaufnahmen verbinden die afrikanische Weite und die japanische Natur mit Shauns Lauf durch die rote Wüste Arizonas, untermalt von Läuferin Shamitas warmem Cello-Spiel. Diese künstlerische Bild- und Musikgestaltung füllt die Dokumentation erst als Ganzes aus. Die Story über den 3100-Meilen-Lauf alleine hätte die Spiritualität des Laufens nicht genügend herausheben können, nicht alleine wegen der eher eintönigen Szenerie des New Yorker Häuserblocks.

In allen Kulturen hat Laufen eine höhere, spirituelle Bedeutung. Und es geht nicht um ein Ziel, oder ein Ergebnis. „Das Beten und Meditieren selbst macht ihnen Freude.“ so Chinmoy. Trotzdem nimmt die Dokumentation gegen Ende nochmal mehr Fahrt auf, als die beiden Erstplatzierten des Laufs in New York sich ein Kopf-an-Kopf Rennen liefern. Unsere Hauptfigur Aalto scheint tatsächlich von einer höheren Macht getrieben – ein kleiner, dünner, etwas schüchtern wirkender Mann, der die Kraft eines Superhelden zu haben scheint, aber trotzdem eine unglaubliche Ruhe und innere Ausgeglichenheit ausstrahlt.

Es ist bekannt, dass körperliche Anstrengung zu einem Gefühl des Wohlbefindens führen kann. Nicht nur beim Joggen, sondern auch durch andere Sportarten werden Endorphine ausgeschüttet und die Laune verbessert sich merklich. 3100 Meilen: Laufen für die Seele betont die Spiritualität des Laufens und zeigt auf, zu was wir Menschen in der Lage sein können. Nicht nur durch körperliches, sondern auch mentales Training. Beachtliche Bilder, die das Gefühl vermitteln, alles sei möglich.

Credits

OT: „3100: Run and Become“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Sanjay Rawal
Musik: Michael A. Levine
Kamera: Sean Kirby
Beteiligte: Ashprihanal Aalto, Shamita Achenbach-Koenig

Bilder

Trailer

Infos

Nice to know:

Auf der Seite www.3100film.com können interessante Fakten zum Thema nachgelesen werden. Hier eine kurze Zusammenfassung:

„Gehirn-Ausdauer Training“: Ein Anstieg der Zeit bis zur Erschöpfung um 126 Prozent bei nicht trainierten Probanden, die eine kombinierte mentale und physische Trainingsroutine absolvieren, verglichen mit nur 42 Prozent bei denjenigen, die nur das physische Training absolvieren. Eine der wichtigsten mentalen Anforderungen an Ausdauertraining ist die „Reaktionshemmung“ – die Fähigkeit, dem Drang zu widerstehen, den Finger aus einer Kerzenflamme zu ziehen (oder in einem Rennen langsamer zu werden). Das Gehirnausdauertraining konzentriert sich auf bestimmte ausdauernde Aspekte der geistigen Müdigkeit.

Gina Tomaine: „Läufer sprechen oft davon, dass Laufen wie Balsam für die Seele ist – eine Möglichkeit, Probleme zu lösen, negativem Denken zu entkommen oder persönliche Dämonen zu überwinden. Und es wird tatsächlich von der Wissenschaft unterstützt: Eine Studie in Medizin und Wissenschaft in Sport und Bewegung zeigte, dass selbst 30 Minuten Zeit auf einem Laufband sofort die Stimmung eines Menschen heben können.“

Sri Chinmoy: „Laufen und Werden, Werden und Laufen! Das Laufen erinnert uns auch an unsere ewige Reise, auf der wir auf dem Weg der Ewigkeit zu unserem ewigen Ziel gehen, marschieren und rennen. Meditation ist Stille, Ruhe, Stille, während das laufende Bewusstsein dynamisch ist. Auch hier hat die äußere Geschwindigkeit des Läufers eine besondere Art von Ausgeglichenheit oder Stille im Herzen. Wir können diese Stille in unser äußeres Leben bringen. Haltung ist eine unsichtbare Kraft, und diese unsichtbare Kraft ist immer bereit, dem äußeren Läufer zu Hilfe zu kommen.“

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3100 Meilen: Laufen für die Seele
"3100 Meilen: Laufen für die Seele" bricht eine Lanze für Langstreckenläufe und deren Bedeutung für die seelische Gesundheit. Anhand von verschiedenen kulturellen Beispielen wird die Wichtigkeit des Laufens noch klarer und der eine oder andere Laufmuffel könnte sich angesprochen fühlen, seine Einstellung zu ändern. Eine sehenswerte Dokumentation mit realen Helden und wunderschönen Bildern.
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