Kritik

Tokyo Ghoul S

„Tokyo Ghoul [S]“ // Deutschland-Start: 28. April 2020 (Anime on Demand) // 21. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Auch wenn es ihm mehr als schwer fiel, Ken Kaneki (Masataka Kubota) hat sich mittlerweile an das Leben als Halbghul gewöhnt und mit anderen einen Weg gefunden, friedlich neben den Menschen zu koexistieren. Aber nicht alle folgen diesem Ideal. Shuu Tsukiyama (Shota Matsuda) beispielsweise denkt gar nicht daran, auf delikates Menschenfleisch zu verzichten. Im Gegenteil, er hat sich unter Ghulen einen Namen als genussvoller Gourmet gemacht, der immer auf der Suche nach delikaten Erfahrungen ist. Als er die Bekanntschaft von Kaneki macht, braucht er dank seiner feinen Nase auch nicht lange um zu erkennen, dass der junge Mann anders ist als die übrigen Ghule. Und dieses Geheimnis plant er schon bald sich einzuverleiben …

Wenn im Unterhaltungsbereich etwas erfolgreich ist, dann finden sich immer Mittel und Wege, aus dem Produkt ein ganzes Franchise zu machen, mit möglichst vielen verschiedenen Versionen, mit denen man Geld verdienen kann. Das gilt insbesondere in Japan, wo die verschiedenen Formen der Unterhaltungsindustrie sehr fließende Übergänge haben und man schnell nicht mehr weiß: Was war eigentlich das Original? Im Fall von Tokyo Ghoul wurde das komplette Sortiment aufgefahren, das man im Land der aufgehenden Sonne so erwarten kann. Ursprünglich „nur“ ein Manga von Sui Ishida folgten bald Animes und Light Novels, dazu Videospiele, die manchmal eine direkte Adaption voneinander waren, manchmal auch ganz eigenständig.

Konzentration aus Wesentliche
Außerdem ließ man den Standardprodukten noch eine Live-Action-Verfilmung folgen. Solche gibt es bei Mangas natürlich auch immer mal wieder, sie sind jedoch deutlich seltener als Animes. Aus mehreren Gründen. Was in gezeichneter Form stimmig ist, kann mit Menschen nachgestellt schnell lächerlich aussehen, vor allem wenn das Geld knapp ist. Außerdem ist es natürlich weniger einfach, die Designs einer gezeichneten Vorlage so umzusetzen, dass das Ergebnis der Vorlage entspricht. Hinzu kommt, dass Mangas meistens auf viele Bände ausgelegte Geschichten erzählen, die sich nicht so einfach auf Spielfilmlänge pressen lassen. Das 2007 veröffentlichte Tokyo Ghoul schlug sich in der Hinsicht aber ganz wacker. Ein paar Sachen sahen zwar schon etwas komischer aus, insgesamt passte das aber, inhaltlich konzentrierte man sich auf wenige Punkte und vermied daher, wie der Anime zu einem Stückwerk zu werden.

Im zwei Jahre später veröffentlichten Tokyo Ghoul [S] ist das ganz ähnlich. Dieses Mal stellte man den Gourmet Tsukiyama in den Mittelpunkt und konzentrierte sich auf seine Schandtaten bzw. die Konflikte, welche die Helden und Heldinnen mit ihm austragen. Diverse Ghule, die im Vorgänger noch eine wichtige Rolle hatten, tauchen nur noch am Rande auf. Der Konflikt zwischen Ghulen und Menschen wurde ebenfalls zu einem Nebendetail degradiert. Das ist einerseits schade, da gerade hier die spannendsten Themen der Reihe warteten. Während man bei Ishidas Werk und dem ersten Film also durchaus noch ein bisschen über universellere Punkte nachdenken konnte, geht es hier letztendlich „nur“ um ein Duell. Der Inhalt ist also überschaubar, was später auch zu Längen führt.

Weg mit dem Helden!
Damit einher geht leider eine Degradierung von Ken Kaneki. Obwohl er die Hauptfigur der Reihe und des Films ist, wird er von anderen komplett dominiert. Die Auseinandersetzungen mit der meinungsstarken Touka Kirishima, die dieses Mal von Maika Yamamoto verkörpert wird, dienen dabei noch der Unterhaltung. Außerdem bekommen wir einen schönen, wenn auch kurzen Kampf zu sehen, in dem es tatsächlich mal um Körperlichkeit geht und nicht irgendwelche CGI-Attacken. Taucht aber erst einmal Tsukiyama auf, wird der Halbghul an die Seitenlinie verdrängt, seine besonderen Kräfte kommen kaum zum Vorschein, seine Persönlichkeit ist ohnehin zu unterwürfig, um da mithalten zu können.

Während Kaneki also eher blass bleibt, trumpft sein Gegenüber umso mehr auf. Genauer zeigt Shota Matsuda (Over the Fence) viel Lust am Camp, darf aber – anders als die Animeadaption – dabei tatsächlich auch unheimlich wirken. Woran die Maske ihren Anteil hat, die tatsächlich Stoff für Albträume ist. Die Mischung aus Horror, Drama und Groteske kann zwar nicht völlig verbergen, dass der Film ein bisschen dünn ist und weder die Geschichte, noch die Figuren voranbringt. Das Gesamtpaket ist aber immerhin solide. Wer den Vorgänger mochte oder generell das Franchise, der macht hier nicht wirklich etwas verkehrt. Neue Fans wird Tokyo Ghoul [S] aber wohl eher nicht gewinnen.

Credits

OT: „Tokyo Ghoul [S]“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Takuya Kawasaki, Kazuhiko Hiramaki
Drehbuch: Chūji Mikasano
Vorlage: Sui Ishida
Musik: Tomomi Oda, Naruyoshi Kikuchi
Kamera: Mitsuru Komiyama
Besetzung: Masataka Kubota, Maika Yamamoto, Shota Matsuda, Shunya Shiraishi, Mai Kiryū

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Tokyo Ghoul [S]
„Tokyo Ghoul [S]“ schließt nahtlos an den Vorgänger an, kümmert sich diesmal aber in erster Linie um den Gegenspieler, während die sonstigen Figuren und die Geschichte eher dünn sind. Da dieser gut umgesetzt wurde, gleichzeitig überzogen und unheimlich ist, macht die Manga-Adaption phasenweise einiges her, ist letztendlich aber weniger interessant als der erste Teil.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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