„Over the Fence“, Japan, 2016
Regie: Nobuhiro Yamashita; DrehbuchRyô Takada; Vorlage: Yasushi Satô; Musik: Takuto Tanaka
Darsteller: Joe Odagiri, Yû Aoi, Shota Matsuda

Over the FenceSo ganz freiwillig ist Shiraiwa (Joe Odagiri) ja nicht an diese Berufsschule gegangen. So wie es den meisten seiner Mitschüler ergeht, die nun dasitzen und lernen sollen, wie man richtig schreinert. Aber er braucht nun einmal das Arbeitslosengeld. Das gibt es aber nur für die Fortbildung, damit er eine Perspektive findet. Denn die hat er nicht. Nicht beruflich. Nicht privat: Auch nachdem er Tokio verlassen hat, um in seiner alten Heimat wieder von vorn anzufangen. Das Scheitern seiner Ehe hängt ihm nach, das Kind, das er nicht mehr sieht. Da begegnet er der lebenshungrigen Satoshi (Yû Aoi), die sich nur wenig um berufliche Perspektiven oder auch die Meinung anderer Menschen schert. Dabei hat auch sie ein Kreuz zu tragen, wie Shiraiwa bald feststellt.

Es ist einer dieser Momente, bei denen man auf Anhieb so gar nicht sagen kann, wie man reagieren soll. Lustig ist es, wie Satoshi da herumstolziert, eigenartige Geräusche von sich gibt, während sie mit ihren Händen das Balzverhalten zweier Schwäne nachmacht. Faszinierend auch. Und irgendwie ein bisschen furchterregend. Stehen bleiben und dem Spektakel weiter zusehen? Oder schnell fortgehen, so tun, als würde sich da nicht gerade jemand mit vollem Eifer zum Affen – pardon Vogel – machen?

Zwei Pole, die sich suchen
Shiraiwa bleibt stehen, sieht ihr zu. Amüsiert ja, aber ohne sie dabei auszulachen. Vermutlich weil er selbst schon lange nicht mehr gelacht hat. Over the Fence, welches auf einer Kurzgeschichte von Yasushi Satô basiert, erzählt die Geschichte zweier Menschen, die am Leben scheitern. Der eine traumatisiert und antriebslos, nicht einmal die Kartons in seiner Wohnung hat er ausgepackt. Die andere ist das genaue Gegenteil, energiegeladen und aufmüpfig, geht keiner Konfrontation aus dem Weg. Und von denen gibt es in ihrem Leben eine Menge.

Warum sie immer wieder austickt, oft aus nicht nachvollziehbaren Gründen, das verrät der Film nicht. Allgemein hält sich Over the Fence nicht lang mit Erklärungen auf, auch Shiraiwas Vorgeschichte wird nur knapp abgehandelt. Aber darum geht es in dem Drama auch nicht. Der Beitrag von Nippon Connection 2017 bzw. dem Japan-Filmfest Hamburg 2017, zeigt uns, wie schwierig es ist, wie schwierig es sein kann, im Leben Fuß zu fassen. Man geht zur Arbeit jeden Tag, tut seine Pflicht, kommt nach Hause – und nichts funktioniert. Auch Satoshi hat eine Arbeit, kümmert sich im Zoo um Kinderattraktionen, obwohl sie nicht einmal dafür wirklich zu gebrauchen ist.

Nichts geht mehr
Over the Fence handelt dann auch oft davon, wie nützlich man ist, wie gut man funktioniert. Shiraiwas Klasse ist voller Leute, die eigentlich viel zu alt sind für eine Ausbildung. Die längst im Leben stehen sollten. Aber entweder sind sie herausgerutscht oder verbringen ihre Zeit lieber mit dem Träumen. Hin und wieder kommt es dort wie auch an anderen Plätzen im Film zu offenen Konflikten. Die meiste Zeit über bleiben sie aber lieber für sich, wollen nicht über Probleme, Ängste oder Schmerzen reden, verstecken schnell die Spuren ihrer Vergangenheit unter dem Shirt. Over the Fence ist ein trauriger Film voller trauriger Leute, die aber meist lächeln. Mein Leben mag eine Katastrophe sein, kein Grund aber, dass andere davon wissen müssen.

Over the Fence ist gleichzeitig aber auch ein heiterer Film, rührend, streckenweise sogar komisch – und das nicht nur wegen der kuriosen Musik, die sich irgendwo zwischen Western und Walgesängen bewegt. Gerade die gemeinsamen Szenen von Odagiri (Her Love Boils Bathwater) und Aoi (Hana & Alice) zaubern einem immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Die Hoffnung, doch noch da zu sein, einen Platz zu haben. Man muss bei diesem ruhigen Drama schon ein ziemlicher Zyniker sein, um den beiden Gestrandeten nicht die Daumen zu drücken, dass sie ihr Glück finden. Verdient hätten sie es schließlich, so wie – auch das macht Over the Fence klar – wir es alle eigentlich verdient hätten, glücklich zu sein.

Over the Fence
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Over the Fence
In „Over the Fence“ treffen ein schwermütiger Arbeitsloser und eine lebenshungrige Durchgeknallte aufeinander, um gemeinsam das Glück zu suchen. Das ist ruhig, tendenziell auch traurig, geht aber doch auch immer wieder zu Herzen und zaubert das eine oder andere Lächeln aufs Gesicht – trotz der nur fragmentarischen Erklärungen.
7von 10

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