Kritik

Shrek

„Shrek – Der tollkühne Held“ // Deutschland-Start: 5. Juli 2001 (Kino) // 1. März 2018 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich war Shrek immer ganz glücklich mit seinem Leben, so wie es war. Der Oger lebte allein und zurückgezogen in seinem Sumpf, erschreckte hin und wieder mal ein paar Menschen, genoss die Stille und seine kleinen Schlammbäder. Doch damit ist es vorbei, als Lord Farquaad einen schrecklich plappernden Esel und zahlreiche andere Märchengestalten in Shreks Sumpf verbannt. Das kann der natürlich nicht so auf sich sitzen lassen und tritt deshalb die Reise an, um dem fiesen Möchtegernkönig so richtig seine Meinung kundzutun. Das klappt alles nicht so wie geplant, aber immerhin handeln sie einen Deal aus: Shrek soll für Farquaard die schöne Prinzessin Fiona herbeischaffen, die er zu ehelichen gedenkt, dafür bekäme er seinen Sumpf zurück. Der Oger stimmt den Bedingungen zu, ohne dabei zu ahnen, worauf er sich da eingelassen hat …

Während die Animationsstudios von Disney in den 1990ern einen Riesenhit nach dem anderen landeten, ging ihnen zum Jahrtausendwechsel langsam die Puste aus. Ein Grund: Computergenerierte Animationsfilme waren auf dem Vormarsch und verdrängten zunehmend den klassischen Zeichentrick, wie ihn Disney trotz diverser Modernisierungen damals noch pflegte. Konkurrenz drohte dem Traditionsunternehmen dabei nicht nur durch die Pixar Studios, welche Disney einige Jahre später aufkaufte. Auch DreamWorks Animation war angetreten, dem Mäusekonzern das Publikum abspenstig zu machen. Das hatte durchaus persönliche Gründe: Jeffrey Katzenberg, einer der Mitbegründer von DreamWorks, hatte jahrelang die Animationssparte von Disney geleitet, bis es zum Bruch mit Disney-Boss Michael Eisner kam.

So wie im Märchen, nur anders
Inwieweit diese persönliche Feindschaft bei Shrek – Der tollkühne Held eine Rolle spielt, darüber lässt sich nur spekulieren. Auffällig ist aber, wie sehr der Film die klassischen Disney-Märchen aufgreift, sie auf den Kopf stellt und sich über alles lustig macht, wofür diese standen. Einem heiter trällernden Vögelchen wird so sein eigenes Lied zum Verhängnis, ein Märchenbuch wird zum Abwischen des Hinterns missbraucht, der strahlende Held ist ein hässlicher Oger, der mit niemandem was zu tun haben will. Wo es bei Disney immer makellose Prinzessinnen und Prinzen gab, zu schön und rein für diese Welt, da ist Shrek der komplette Gegenentwurf.  Vieles an Shrek – Der tollkühne Held ist dann auch darauf ausgelegt, dass man die Vorbilder kennt, auf die hier verwiesen wird. Genauer ist der Film vollgestopft mit Anspielungen und Parodien, die sich auch auf Werke jenseits des Disney-Kanons beziehen.

Ein solcher Film riskiert natürlich, schnell wieder überholt zu sein: Ist das Publikum nicht mehr mit den Vorlagen vertraut, die zum Vergleich herangezogen werden, funktionieren die Witze nicht mehr. Parodien sind, stärker noch als die Originale, eben doch ein Produkt ihrer Zeit. Um Erwartungen zu unterwandern, etwa in den überraschend brutalen Szenen, müssen diese Erwartungen ja erst einmal da sein. Die Geschichte um den grünen Oger, welche lose auf dem gleichnamigen Buch von William Steig basiert, hat es da schon etwas einfacher. Wer sich zeitlose Klassiker vorknüpft, der riskiert nicht so schnell, aus der Mode zu geraten. Zumal einige Gags selbst ebenfalls zeitlose Qualität haben, wenn sie doch mal ohne Kontext geschehen.

Der gierige Zahn der Zeit
Wobei diese Qualität alles andere als konstant ist. Mit zeitlichem Abstand zu dem Film und ohne den damaligen Überraschungseffekt ist die Trefferquote der Witze nicht mehr so hoch, wie es seinerzeit den Anschein hatte. Während manche Einfälle heute noch schön absurd sind, verlässt man sich an anderen Stellen zu sehr auf das irgendwann langweilende Geplapper des Esels. Die in der Kinderunterhaltung oft herangezogenen Furzwitze sind ohnehin immer nur eine Verlegenheitslösung, wenn man keine andere Idee für die Szene hatte. Ebenfalls wenig beglückend ist die Optik, die vor knapp zwanzig Jahren noch State of the Art war, aber seither wie viele CGI-Animationsfilme unschön gealtert ist. Vieles ist hier grob modelliert, es fehlt an nennenswerten Details, die Animationen bestehen aus den üblichen Springball-Bewegungen.

Aber auch wenn der Film heute nicht mehr die Sensation ist, die er seinerzeit war – beispielsweise lief er im Wettbewerb von Cannes und war der erste Titel, der einen Oscar als bester Animationsfilm erhielt –, spaßig ist Shrek – Der tollkühne Held natürlich schon noch. Es ist zudem sympathisch, wie man sich hier für eine innere Schönheit stark macht. Das wird anderswo zwar ebenfalls propagiert, jedoch mit Schauspielern und Schauspielerinnen, die so gutaussehend sind, dass dieses Vorhaben ad absurdum geführt wird. Aber wenn hässliche, grüne Oger zu Helden werden und am Ende die Prinzessin abbekommen, dann darf man tatsächlich daran glauben, dass es im Leben nicht nur auf das Äußere ankommt – was dem Fantasy-Abenteuer aller Subversionen zum Trotz dann doch wieder etwas Märchenhaftes verleiht.

Credits

OT: „Shrek“
Land: USA
Jahr: 2001
Regie: Andrew Adamson, Vicky Jenson
Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio, Joe Stillman, Roger S. H. Schulman
Vorlage: William Steig
Musik: Harry Gregson-Williams, John Powell
Animation: DreamWorks Animation

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2002 Bestes adaptiertes Drehbuch Ted Elliott, Terry Rossio, Joe Stillman, Roger S. H. Schulman Nominierung
Bester Animationsfilm Sieg
BAFTA Awards 2002 Bester Film Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Ted Elliott, Terry Rossio, Joe Stillman, Roger S. H. Schulman Sieg
Bester Nebendarsteller Eddie Murphy Nominierung
Beste Musik Harry Gregson-Williams, John Powell Nominierung
Bester Ton Andy Nelson, Anna Behlmer, Wylie Stateman, Lon Bender Nominierung
Beste Spezialeffekte Ken Bielenberg Nominierung
Golden Globe Awards 2002 Bester Film – Musical oder Komödie Nominierung

Filmfeste

Cannes 2001

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Shrek – Der tollkühne Held
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie auch heute noch hässlich. „Shrek – Der tollkühne Held“ schnappte sich klassische Disney-Märchen, machte sich jedoch kräftig darüber lustig, wenn ein hässlicher Oger plötzlich zum Helden wird. Der Animationsfilm ist nicht ganz so zeitlos wie die verhöhnten Vorbilder, ist mit seiner Bekenntnis zur inneren Schönheit aber auch heute noch sehenswert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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