Kritik

Die Liebe Frisst das Leben

„Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde“ // Deutschland-Start: 23. April 2020 (Vimeo) // 15. Mai 2020 (VoD)

In der Rezeption von Kunst hält sich in vielen Köpfen unter anderem das Bild des leidenden Künstlers, ein Klischee, welches immer wieder neu befeuert wird durch entsprechende Biografien, egal ob in Buchform oder als Film. Immer ist es ein Konflikt, der das Leben begleitet, welcher dann wiederum im Zentrum steht, wenn es um die Bewertung der Kunst geht, wobei es dann beinahe selbstverständlich ist, das (Halb-)Wissen über ein Leben als Fundament für die eigene Lesart zu nehmen. Mag die biografiezentrierte Herangehensweise an Kunst innerhalb der Wissenschaft doch eine Rolle spielen, stellt sie doch nur eine Variante unter vielen dar, die gerade in zeitgenössischer Bewertung oftmals den Blick für die künstlerische Leistung verstellt.

Insofern ist es leicht bei einem Leben wie das des deutschen Sängers und Songschreibers Tobias Gruben eben jene Lesart zu bemühen, stellt jedoch nicht die Basis dar für den Dokumentarfilm Oliver Schwabes, für den Grubens Kunst, dessen Lieder und Texte im Vordergrund stehen, damit diese „endlich gehört werden“, wie Schwabe im Regiestatement sagt. Für seinen Dokumentarfilm  Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde steht daher wenig überraschend die Musik im Zentrum, aber auch das Leben dieses Musikers, seine problematische Beziehung zum Vater sowie seine Erfahrungen mit Drogen. Die teils unveröffentlichten Texte Grubens lässt Schwabe durch Sänger und Bands einsingen wie Isolation Berlin, Messer, Timm Völker und Tellavision. Auch der bekannte Schauspieler Tom Schilling, mit dem Schwabe bereits in der Vergangenheit an Filmprojekten arbeitete, trägt einen Song (Meine weiße Welt) am Klavier vor.

Das Leben den Lebenden
Innerhalb der 92 Minuten Laufzeit folgt der Film dem persönlichen wie künstlerischen Werdegangs Grubens, seinem gespannten Verhältnis zum Vater, seinem Mitwirken als Frontmann von Die Erde und seiner Beziehung zu Drogen. Schwabe verfolgt also zwei Narrative, das des Lebens und das der Kunst, wobei sich immer wieder Überschneidungen ergeben, aber auch interessante Kontraste, wenn man die Innigkeit der Briefe Grubens, eingelesen von Robert Stadlober und Gutav Peter Wöhler, mit der rauen Intensität seiner Lieder vergleicht. Jedoch fällt die Trennung im Falle Grubens immer wieder in sich zusammen, sie ist unmöglich, lässt Schwabes Film doch keinen Zweifel daran, dass in der zerbrechlichen Darbietung der Texte Künstler und Mensch überschneiden. Dieses Aufheben der Trennung, so Schwabes Gesprächspartner, Freunde und Familienmitglieder Grubens, ist fatal, bestürzend und schwer zu ertragen, schafft aber auch große Kunst.

Über die verschiedenen Lebensstationen bestätigt sich der Eindruck der fortwährenden Veränderung des Künstlers und des Menschen Tobias Gruben. Das Material für die Lieder liefert sein Leben, wie beispielsweise die Stücke Vater oder Heroin, deren Bedeutung für die Biografie Grubens selbsterklärend sind. Es entsteht beim Zuschauer der Eindruck der Rastlosigkeit, der Verwandlung als Prinzip im Leben und im Schaffen Grubens, der immer den Drang verspürt das, was gerade in seinem Kopf ist, zur Papier zu bringen, wie es an einer Stelle im Film heißt. Selbst das Blut, welches beim Spritzen von Heroin heraus sickert, wird als Material genutzt, für jene Blutporträts, die noch einmal unterstreichen sollen, wie hier die Trennung von Leben und Kunst aufgehoben wird.

Credits

OT: „Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Oliver Schwabe
Drehbuch: Oliver Schwabe
Musik: Tobias Gruben, Die Erde, Cyan Blue
Kamera: Nikolas Jürgens

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Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde
"Die Liebe frisst das Leben – Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde" ist die Geschichte von Tobias Gruben, seines Lebens und seiner Kunst. Oliver Schwabes Dokumentation gibt ein intensives Porträt eines in Vergessenheit geratenen Künstlers, dessen Werk aber, nicht zuletzt wegen der vielen Künstler im Film, die Grubens Songs einsingen, so hell scheint wie der Gruben, den man auf der Bühne sieht und in seinen Texten kennenlernt.
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