Kritik

Erdbeben Earthquake

„Erdbeben“ // Deutschland-Start: 14. Februar 1975 (Kino) // 13. März 2020 (DVD/Blu-ray)

Es scheint ein ganz normaler Tag zu werden in Los Angeles, auch für Ingenieur Stewart Graff (Charlton Heston), der am Nachmittag eine wichtige Präsentation hat und sich wie jeden Morgen mit seiner alkoholkranken Frau Remy (Ava Gardner) streitet. Sie wirft ihm Untreue vor, während er zunehmend angewidert von ihrem Alkoholkonsum ist und schon seit längerem in die Arme von Denise (Geneviève Bujold) flüchtet, einer jungen Schauspielerin, die versucht eine Anstellung in der Traumfabrik zu erhalten. Auch für den Polizisten Lew Slade (George Kennedy) bringt der Tag sehr viel Ärger mit sich, denn nach einer langen Verfolgungsjagd auf einen Verdächtigen, wird er von seinem Chef suspendiert. Frustriert geht er in seine Stammkneipe, wo er darüber nachdenkt, was nun passieren soll. Jedoch stehen die Probleme und Sorgen Lews, Remys und Stewarts schon bald im Schatten eines großen Ereignisses, denn der Erdstoß am Morgen war erst der Anfang, wie ein junger Wissenschaftler des Seismologischen Instituts vermutet. Schon bald wird ein noch viel heftigeres Erdbeben die Stadt erschüttern, doch leider schenkt ihm kaum jemand Glauben, bis es dann wirklich am Nachmittag zur Katastrophe kommt. Binnen weniger Momente zerstört das Beben weite Teile der Stadt und die Menschen müssen um ihr Überleben kämpfen, wobei einige über sich hinauswachsen und andere ihre Stunde sehen, sich für erlittenes Leid zu rächen.

Die Netze der Gesellschaft

Die 70er Jahre sind vor allem im Mainstreamkino die Ära des Katastrophenfilms. Wie Autor Alexander Feist in seinem höchst interessanten Essay zu Mark Robsons Erdbeben beschreibt, definierten Filme wie Flammendes Inferno oder Die Höllenfahrt der Poseidon eine Art Gegenpol zu dem New Hollywood und durch ihre Geschichten von Menschen und wie diese eine Katastrophe versuchen zu meistern, ein Narrativ, welches zeigte, das man solchen Ereignissen gewachsen ist, dass man Schwierigkeiten und Ungleichheiten in der Not überwinden kann und als Gemeinschaft zusammenwächst. Im Gegensatz zu späteren Filmen des Genres wie beispielsweise Mick Jacksons bedrückendem Threads sind Filme wie Erdbeben vom Grundton her wesentlich optimistischer angelegt und in vielerlei Hinsicht hoffnungsvoller.

Dennoch ist die Ausgangslage immer gleich und hat sich auch in modernen Vertretern des Genres nicht wesentlich verändert, selbst wenn solche Filme heutzutage eher das Narrativ des einsamen Helden bedienen wie in Skyscraper oder San Andreas. Die Theorie der Gesellschaft als in sich verwobenes Netz ist das Fundament des Drehbuchs Mario Puzos und George Fox’, welches zunächst einzelne Charaktere separiert darstellt, diese aber spätestens bei Eintritt der Katastrophe miteinander verknüpft. Ihr jeweiligen Schicksale, Geschichten sowie ihre Überzeugungen entscheiden letztlich, welche Rolle sie innerhalb der Katastrophe spielen werden, auch wenn die Besetzung der Helden und der Bösen im Kontext der Handlung auch die recht konservative Ideologie eines solchen Filmes aufdeckt.

Parallel zu Filmen wie Flammendes Inferno, der im gleichen Jahr wie Erdbeben in die US-amerikanischen Kinos kam, offenbart die Besetzungsliste nicht zuletzt einen Einblick in die Prominenz Hollywoods. Charlton Heston wieder einmal als grimmigen Helden zu erleben, ist man im Kontext des Kinos zu dieser Zeit beinahe gewohnt, doch es sind vor allem Darsteller wie George Kennedy oder Ava Gardner, die wichtige Akzente setzen. Gerade Kennedy gibt seiner recht einfach gestrickten Figur eine tiefe Menschlichkeit und Sympathie, die seine Darstellung glaubwürdig machen.

Das Beben in den Sitzen

Neben dem restaurierten Bild ist, wie in so vielen neueren Veröffentlichungen des Films, vor allem der Klang bei der aus dem Hause Capelight hervorzuheben. Seinerzeit wurde Erdbeben mit der Sensurround-Technik versehen, welche, so das Kino die entsprechende Anlage aufwies, den Zuschauern das Gefühl des Erdbebens vermitteln sollte und damals einige Menschen zum panischen Verlassen des Kinosaals veranlasste. Auch wenn sich dies aus heutiger Sicht wie eine Spielerei aus der Tüftlerkiste eines William Castle anhört, ist der Klang ein sehr wichtiger Aspekt des Films, der schon vor der Katastrophe, beispielsweise in den Szenen, die am Staudamm spielen, unheilvoller Vorbote ist.

Zusätzlich betont die großartige Filmmusik John Williams’ die anfänglich bedrohliche Atmosphäre, die fragile Idylle einer Stadt und eines Fortschritts, der sich für unerschütterlich hält.

Credits

OT: „Earthquake“
Land: USA
Jahr: 1974
Regie: Mark Robson
Drehbuch: George Fox, Mario Puzo
Musik: John Williams
Kamera: Philip H. Lanthrop
Besetzung: Charlton Heston, Ava Gardner, George Kennedy, Geneviève Bujold, Richard Roundtree

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1975 Bester Ton Sieg
Beste Spezialeffekte Sieg
Beste Kamera Nominierung
Bestes Szenenbild Nominierung
Bester Schnitt Nominierung
BAFTA Awards 1975 Bester Ton Nominierung
Golden Globe Awards 1975 Bester Film – Drama Nominierung
Beste Musik John Williams Nominierung

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Erdbeben
„Erdbeben“ ist ein packender, sehr unterhaltsamer und spannender Katastrophenfilm. Egal ob in der Kinofassung oder der 30 Minuten längeren TV-Version, die Capelight seiner Veröffentlichung beilegt, wird man auch als heutiger Zuschauer der Inszenierung noch viel abgewinnen können, was vor allem an der technischen Umsetzung in Sachen Sound geschuldet ist.
7von 10

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