Kritik

Anna Karenina 2012

„Anna Karenina“ // Deutschland-Start: 6. Dezember 2012 (Kino) // 11. April 2013 (DVD/Blu-ray)

Anna Karenina (Keira Knightley) mangelt es nach außen hin an nichts: Sie kommt aus gutem Haus, ist wohlhabend, schön, verkehrt in besten Kreisen. Doch glücklich ist sie nicht, die Ehe mit dem Regierungsbeamten Alexei Alexandrowitsch Karenin (Jude Law) bringt ihr nicht die Zuneigung, nach der es sie verzehrt. Die findet sie dafür beim Grafen Vronskij (Aaron Taylor-Johnson). Auf den hatte aber auch Kitty (Alicia Vikander) ein Auge geworfen, deren ältere Schwester Dolly (Kelly MacDonald) mit Annas Bruder Fürst Oblonski (Matthew Macfadyen) verheiratet ist – bis sie ihn wegen Untreue rauswirft. Und dann wäre da auch noch der Gutbesitzer Levin (Domhnall Gleeson), der sich Kitty begehrt …

Leo Tolstoi zählt ohne Zweifel zu den ganz großen Namen der Literaturgeschichte. Dabei ist die Zahl seiner Romane eigentlich ziemlich gering. Während er zahlreiche Kurzgeschichten verfasste, ebenso Schriften zu Philosophie und Kunst, gibt es nur drei „echte“ Romane von ihm: Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung, entstanden zwischen den Jahren 1869 und 1899. Sie alle befassen sich mit der Gesellschaft und schildern in großer Detailfreude von Verhältnissen, von Missständen und komplexen Figuren, gelten als Meisterwerke der realistischen Literatur. Die Stoffe sind dabei Ausdruck ihrer Zeit, geben aber auch für nachfolgende Generationen genug mit – weshalb alle drei Romane mehrfach verfilmt wurden.

Romanze mit langer Vorgeschichte
Anna Karenina ist in der Hinsicht die mit Abstand beliebteste Vorlage, knapp zwanzig Mal wurde der Roman fürs Kino oder das Fernsehen schon umgesetzt. Entsprechend gemischt dürften die meisten im Vorfeld reagiert haben, als vor einigen Jahren eine weitere Filmversion angekündigt wurde. Wozu braucht es denn noch eine Fassung? Andererseits durfte man sich hier auf eine Vielzahl bekannter Schauspieler und Schauspielerinnen freuen, welche den alten Figuren neues Leben einhauchen sollten. Zudem führte Joe Wright Regie, dank vorheriger Werke wie Stolz und Vorurteil und Abbitte deutlich erfahren darin, große Romane zu verfilmen.

Im Gegensatz zu den beiden Titeln war die Resonanz auf Anna Karenina jedoch etwas gemischt. Zwar gab es in Folge die zu erwartenden Filmpreise bzw. Nominierungen rund um die visuelle Ausgestaltung, also von Kostümen über das Szenenbild bis zu Make-up und Haaren. In der Hinsicht ist der Film auch ein absolutes Fest, eine berauschende Abfolge von Farben, Orten und Stimmungen, mit makellos zurechtgemachten Figuren und verschwenderisch eingerichtetem Interieur, das mehr nach Hochglanzmagazin als nach Film aussieht. Landschaftsaufnahmen gibt es natürlich auch, die sind jedoch eher selten.

Der schöne Schein
Doch das ist dann auch das Problem, mit dem sich der Film herumschlägt: Er ist so sehr mit dem eigenen Äußeren beschäftigt, so betrunken von der eigenen Schönheit, dass nicht mehr viel Platz für die Menschen bleibt. Natürlich steht Wright ein hochgradig talentiertes Ensemble zur Verfügung. Einen wirklichen Vorwurf kann man diesem auch nicht machen. Jude Law, der versucht, sich möglichst würdevoll aus seiner misslichen Lage zu befreien. Die resolut auftretende Kelly Macdonald. Der verträumte Domhnall Gleeson. Und auch Keira Knightley hat ein paar schöne Auftritte als Frau, die ein Glück will, das ihr nicht zugestanden wird.

Man kann sich schon ganz gut damit die Zeit vertreiben, ein bisschen schwelgen und sich in den großen Bildern verlieren. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass dabei allzu viele Emotionen geweckt werden. Gerade die zentrale Affäre zwischen Anna und dem Grafen lässt einiges zu wünschen übrig, die großen Gefühle, die hier für sich in Anspruch genommen werden lassen sich nicht wirklich ablesen. Teilweise ist dieser distanziertere Blick nicht verkehrt, dreht sich vieles doch um den schönen Schein und um eine Verdrängung all dessen, was in einem vor sich geht. Teilweise möchte man dann aber auch einfach nur mit den Schultern zucken, wenn die Konstellationen ebenso künstlich wirken wie das Dekor.

Credits

OT: „Anna Karenina“
Land: UK
Jahr: 2012
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Tom Stoppard
Vorlage: Leo Tolstoi
Musik: Dario Marianelli
Kamera: Seamus McGarvey
Besetzung: Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson, Matthew Macfadyen, Kelly Macdonald, Domhnall Gleeson, Alicia Vikander

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2013 Beste Musik Dario Marianelli Nominierung
Beste Kamera Seamus McGarvey Nominierung
Bestes Szenenbild Sarah Greenwood, Katie Spencer Nominierung
Beste Kostüme Jacqueline Durran Sieg
BAFTA Awards 2013 Herausragender britischer Film Nominierung
Beste Musik Dario Marianelli Nominierung
Beste Kamera Seamus McGarvey Nominierung
Bestes Szenenbild Sarah Greenwood, Katie Spencer Nominierung
Beste Kostüme Jacqueline Durran Sieg
Bestes Make-up und Haare Ivana Primorac Nominierung
Europäischer Filmpreis 2012 Bestes Szenenbild Sarah Greenwood Sieg
Bester Hauptdarsteller Jude Law Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Keira Knightley Nominierung
Bestes Drehbuch Tom Stoppard Nominierung
Publikumspreis Nominierung
Golden Globe Awards 2013 Beste Musik Dario Marianelli Nominierung

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Anna Karenina (2012)
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Anna Karenina (2012)
„Anna Karenina“ ist eine bildgewaltige Adaption des großen Romanklassikers, die mit viel Aufwand und schauspielerischer Prominenz protzt. Allerdings wirkt vieles hier doch eher künstlich, gerade bei den Figuren hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass sie wirklich Teil des Lebens sind und sehr viel in ihnen vor sich geht.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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