Kritik

„Wahrheit oder Lüge“ // Deutschland-Start: 13. Februar 2020 (TV)

Annabelle Martinelli (Natalia Wörner) hat sich auf die Verteidigung bei Sexualdelikten spezialisiert und ist dabei sehr gefragt: Eine Anwältin bei dem Thema, das kommt immer gut. Es bedeutet daher business as usual, als ihr aufgetragen wird, Momo Makiadi (Lefaza Jovete Klinsmann) zu verteidigen, der von seiner Ex-Freundin beschuldigt wird, missbraucht worden zu sein. Es bedeutet auch viel Publicity, schließlich hat der Rapper mit seinen frauenfeindlichen Texten große Erfolge gefeiert. Deutlich schwieriger ist für sie da eine zweite Geschichte, denn ihre Freundin Mirella Hayek (Franziska Hartmann) wirft ihrem Chef vor, sie im Hotel vergewaltigt zu haben – ein guter Kunde von Martinellis Kanzlei. Und die besteht darauf, dass die Anwältin ihn vertreten soll, was sie in ein moralisches Dilemma stürzt …

Und wer lügt jetzt?
Anfang Februar wurde der Hashtag #JusticeForJohnnyDepp zum Trend, als eine öffentlich gewordene Audioaufnahme zeigte, dass Amber Heard gegenüber dem Schauspieler gewalttätig geworden war – obwohl sie ihn der Gewalt bezichtigte. Hatte das vermeintliche Opfer also gelogen, war sogar vielmehr selbst Täterin? Während die eine Seite das Gespräch als unwiderruflichen Beweis anführt und entsprechend triumphiert, herrscht auf der anderen betretenes Schweigen. Aus gutem Grund: Die mühsam im Rahmen der #MeToo-Bewegung erkämpfte Aufmerksamkeit für unterdrückte und missbrauchte Frauen droht wieder relativiert zu werden, nach dem Motto: Wenn eine Frau lügt, dann könnte jede lügen. Das Vertrauen, das man aufgebaut hat, es kann ebenso schnell wieder entzogen werden.

Auch Wahrheit oder Lüge befasst sich mit dem Thema und der Schwierigkeit, in einer Sache entscheiden zu müssen, die letztendlich nur auf Aussagen beruht. Wer sagt hier die Wahrheit? Wer lügt? Hat eine Vergewaltigung stattgefunden oder inszeniert sich die Frau nur als Opfer? Die Beweislage ist dünn, wie sie es oft in solchen Fällen ist, am Ende steht meist Aussage gegen Aussage – was im Zweifelsfall dazu führt, dass nichts passiert. Regisseur und Drehbuchautor Lars Becker wagt sich hier auf ein denkbar dünnes Eis, indem er diese Ambivalenzen herausarbeitet. Zumal in seinem Film noch hinzukommt, dass die Anwältin den mutmaßlichen Vergewaltiger verteidigen, sie sich damit gegen ihre Freundin stellen soll.

Eine schwierige Entscheidung
Wahrheit oder Lüge, das auf dem Filmfest Hamburg 2019 Premiere hatte, nutzt die Suche nach der Wahrheit durchaus für Krimielemente. Die Polizei hat in dem Film zwar wenig zu tun, dafür übernimmt die Anwältin die Ermittlungsarbeit, was mehrfach sehr grenzwertig ist. Es ist auch nicht allzu überzeugend, da macht man es sich gerade zum Ende hin schon ziemlich einfach. Überzeugender ist das hier daher als Drama, das unbequeme Fragen stellt, auch zum allgemeinen Umgang mit möglichen Opfern. Es stellt auch die Gerechtigkeitsfrage: Sollte man als Frau einen potenziellen Vergewaltiger verteidigen, ganz losgelöst von dem konkreten Fall? Wie vereinbart man es mit dem Gewissen, jemandem vor Strafe zu schützen, der sie verdient hat?

Eine wirkliche Antwort liefert der Film nicht darauf, dafür fehlt dann doch die Courage. Es ist auch etwas unbefriedigend, wie sich Wahrheit oder Lüge teilweise hinter Stereotypen versteckt, zumindest bei der Darstellung der Männer. Besser sieht es bei den Frauen aus, Anwältin Martinelli darf beispielsweise eine Affäre mit ihrem Boss haben, ohne sich ihm dadurch gleich zu unterwerfen. Die beiden Anklägerinnen wiederum bringen reichlich Ballast mit, der sie nicht unbedingt zu Heldinnen macht, gleichzeitig die Anschuldigungen aber nicht relativiert. Einen Fehler zu machen, bedeutet dann doch nicht, der Gegenseite einen Blankoscheck auszustellen. Für diese Versuche der Differenzierung verdient der Film Respekt, auch die schauspielerische Leistung ist gut. Trotz einiger inhaltlicher Schwächen ist das Drama daher ein sehenswerter Beitrag zu einem noch immer schwierigen Thema.

Credits

OT: „Wahrheit oder Lüge“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Lars Becker
Drehbuch: Lars Becker
Musik: Hinrich Dageför, Stefan Wulff
Kamera: Ralf Noack
Besetzung: Natalia Wörner, Franziska Hartmann, Fritz Karl, Felix Klare, Almila Bagriacik, Lefaza Jovete Klinsmann

Bilder



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Wahrheit oder Lüge
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Wahrheit oder Lüge
„Wahrheit oder Lüge“ dreht sich um eine Anwältin, die zwei mutmaßliche Vergewaltiger verteidigen soll – einen davon gegen ihre Freundin. Der Film ist sichtlich um eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema bemüht, was ihm mal mehr, mal weniger gelingt. Zum Schluss verlässt ihn dann aber doch die Courage, auch die Ermittlungen sind nicht wirklich befriedigend.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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