Kritik

Suk Suk

„Suk Suk“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Viele Jahre war Pak (Tai Bo) Taxifahrer in Hongkong, hat Menschen durch die Stadt kutschiert und damit seine Familie ernährt. Doch damit wird bald Schluss sein, seine Tage hinterm Steuer sind gezählt, auch wenn er das nicht so richtig wahrhaben mag. Noch mehr beschäftigt ihn jedoch sein Privatleben, denn eigentlich fühlt sich der Vater und Großvater zu Männern hingezogen. Bei einem seiner nächtlichen Abenteuer begegnet er Hoi (Ben Yuen), dem es ganz ähnlich geht und der sein Leben lang seine Gefühle verheimlichen musste. Aus dieser Gemeinsamkeit wird bald mehr, aus einer flüchtigen Begegnung echte Zuneigung. Aber wie soll das gehen, jetzt noch, in ihrem Alter?

Die Darstellung von Homosexualität ist in Fernost immer so eine Sache. Filme und Serien gibt es natürlich viele. Doch oftmals handelt es sich um kleinere Produktionen. Je größer eine Geschichte wird, umso stärker steht sie unter Beobachtung, umso größer ist die Gefahr einer Zensur oder gar eines Verbots. Die chinesische Web-Serie Addicted beispielsweise erfreute sich großer Beliebtheit, weshalb sie den entsprechenden Behörden ein Dorn im Auge war, vorzeitig abgesetzt wurde, alle bisherigen Folgen aus dem Programm genommen werden mussten. Wenn schon homosexuell, dann bitte heimlich, sodass niemand etwas davon mitbekommt.

Eine geheime Welt der Gefühle
Es fällt dann auch nicht sonderlich schwer, Mitgefühl für die beiden Protagonisten von Suk Suk zu entwickeln, die ihr Leben lang ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrücken mussten, diese wenn überhaupt nur heimlich ausleben konnten, während sie nach außen hin ganz „normale“ Beziehungen führten, heirateten, Kinder bekamen. Regisseur und Drehbuchautor Ray Yeung nimmt das Publikum hierbei mit auf eine Reise, die nicht nur die beiden Protagonisten betrifft. Vielmehr zeigt er uns ein alternatives Hongkong, ein verstecktes, in dem sich Homosexuelle treffen, unter sich sein können und sie selbst sein können.

Unterdrückte gleichgeschlechtliche Neigungen sind natürlich kein rein asiatisches Phänomen. Auch das westliche Kino ist voller Beispiele über Menschen, die mit ihrer sexuellen Präferenz hadern, sei es weil sie selbst noch nicht so weit sind (Love, Simon) oder weil der Druck von außen zu groß ist wie bei Mario über das Tabuthema Homosexualität im Profisport. Fast immer handelt es sich dabei jedoch um junge Menschen, die noch ganz am Anfang ihrer persönlichen Entdeckungsreise stehen. Das Thema Sexualität ist dort nur ein Aspekt unter vielen, es geht oft darum, sich ganz grundsätzlich zu finden und einen Platz für sich zu behaupten in dieser großen, komplizierten Welt.

Auch ältere Menschen dürfen homosexuell sein
Allein deshalb schon ist das Drama, das auf der Berlinale 2020 Deutschlandpremiere feiert, etwas Besonderes. Während es inzwischen immer mal wieder Filme gibt, die Liebe und Sexualität im Alter thematisieren, sind homosexuelle Senioren als Hauptfiguren eine echte Rarität. Suk Suk nähert sich diesem Thema sehr behutsam an, ohne den peinlichen Humor, den ein solcher Film oft begleitet. Aber auch ohne die großen Tränendrüsenmomente, wenn die Suche nach der Liebe oft mit richtig viel Herzschmerz und lautem Kitsch einhergeht. Stattdessen bleibt die Hongkong-China-Produktion leise, zurückhaltend, ein bisschen wie die beiden Protagonisten, die sich nicht ganz sicher sind, was sie mit dieser Situation anfangen sollen.

Das soll jedoch nicht bedeuten, dass einem Suk Suk nicht zu Herzen gehen würde. Die späte Sehnsucht nach dem Glück, die kleinen Momente, die nur den beiden zu gehören scheinen, das darf einen durchaus rühren. Zumal Yeung darauf verzichtet, plötzlich die Welt rosarot anstreichen zu wollen und aus jedem Gully einen Regenbogen wachsen zu lassen. Denn auch wenn sich hier zwei gefunden haben, da ist immer Melancholie dabei angesichts dessen, was sie ihr Leben lang verpasst haben. Da ist die Angst, was passiert, wenn sie doch noch entdeckt werden. Und da sind die Verweise auf die Vergänglichkeit, sowohl ihre eigene wie auch die ihres Zusammenseins, von dem sie genau wissen, dass es nie vollkommen sein wird. Ein Traum bleiben muss in einem Umfeld, das ihnen keine eigenen Träume zugesteht.

Credits

OT: „Suk Suk“
Land: Hongkong, China
Jahr: 2019
Regie: Ray Yeung
Drehbuch: Ray Yeung
Musik: Veronica Lee
Kamera: Ming Kai Leung
Besetzung: Tai Bo, Ben Yuen, Au Ga Man Patra, Lo Chun Yip, Lam Yiu Sing

Bilder

Trailer



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Suk Suk
Begegnen sich zwei rüstige Hongkong-Chinesen und entdecken ihre Gefühle füreinander: „Suk Suk“ nimmt sich des Themas Homosexualität im Alter an und zeigt, welche Opfer ein Leben im Geheimen mit sich bringt. Der Film verzichtet dabei auf das große Drama, erzählt lieber leise von kleinen Momenten des Glücks und einer Vergänglichkeit, die in jeder Szene mitschwingt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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