Kritik

Nightlife

„Nightlife“ // Deutschland-Start: 13. Februar 2020 (Kino) // 10. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Das kann doch nicht wirklich schon alles sein. Jeden Tag mit einem Kater aufwachen, in einem fremden Bett, neben jemandem, an dessen Namen du dich nicht mehr erinnern kannst, das reicht dem Barkeeper Milo (Elyas M’Barek) nicht mehr. Er möchte ein ganz normales Leben, so richtig mit Familie, Fahrradausflügen und Tageslicht. Sein bester Freund Renzo (Frederick Lau), den er von klein auf kennt, will sogar mitziehen, mit ihm eine Bar aufmachen und so richtig seriös werden. Dumm nur, dass das mit der Finanzierung so schwierig ist, weshalb Renzo etwas noch viel Dümmeres angestellt hat. Aber das Allerdümmste ist, als Milo eines Nachts seiner absoluten Traumfrau Sunny (Palina Rojinski) begegnet, mit der es sofort funkt. Denn die will zwei Tage später in die USA ziehen, um einen neuen Job anzufangen …

Etwas mehr als drei Jahre ist es her, dass Simon Verhoeven mit Willkommen bei den Hartmanns einen kommerziellen Volltreffer landete, indem er ein brandheißes Thema – das der Flüchtlingskrise – humorvoll aufnahm und mit Wohlfühlkino sowie ganz vielen Stars verband. So geht Erfolgsrezept. Dass der Regisseur und Drehbuchautor sein Näschen für massentaugliche Stoffe im Anschluss verlieren würde, davon war nicht auszugehen. Und tatsächlich ist Nightlife so sehr auf Hit getrimmt, dass es zumindest nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass die Komödie um zwei Freunde und eine ganz chaotische Nacht der erfolgreichste deutsche Film 2020 werden könnte.

Verkehrte Welt
Dabei ist Nightlife keine bloße Kopie von Verhoevens Überflieger. Mit Elyas M’Barek und Palina Rojinski tauchen zwar zwei Mitglieder des alten Ensembles wieder auf, eine mutige Besetzung ist das hier so oder so nicht. Dafür ist der Verlauf der beiden Filme erstaunlich unterschiedlich. Zum einen verzichtet der ursprünglich als Schauspieler tätige Sohn von Senta Berger auf jegliche gesellschaftliche oder allgemein inhaltliche Relevanz. Sein neuer Film soll einfach nur Spaß machen, mehr nicht. Zum anderen ist bemerkenswert, wie entgegengesetzt die beiden Werke in Hinblick auf ihre Intensität sind. Fing Willkommen bei den Hartmanns als erstaunlich bissige Satire an, die sich nach und nach in belangloser Gefälligkeit aufweichte, steht hier der 08/15-Teil ganz am Anfang – bis der Film zunehmend eskaliert.

Tatsächlich ist der Einstieg die größte Schwäche des Films. Er dauert zum einen wahnsinnig lang, bis die Handlung mal in die Gänge kommt, zu dem Zeitpunkt ist Nightlife schon zur Hälfte wieder vorbei. Er ist zudem ziemlich langweilig. Dass die Geschichte viele Stereotype verwendet und für sich genommen schon nicht sonderlich originell ist, ließe sich noch verkraften. Bei den äußerst schwachen Witzen ist das schon deutlich schwieriger. Und dann werden auch die noch so sehr in die Länge gezogen, dass man sich insgeheim wünscht, vielleicht vorab einen dieser Drinks zu sich genommen zu haben, die Milo und Renzo zu Beginn immer wieder mixen. Denn auch wenn Alkohol keine Lösung ist, es hätte so manchen Rohrkrepierer vielleicht erträglicher gemacht.

Lasst uns einfach Spaß haben!
Umso größer ist dann die Überraschung, als Nightlife sich wegbewegt von der vermeintlich sicheren Liebeskomödie, mehr Actionteile integriert, das Subgenre wechselt und dabei völlig absurd wird. Ob Verhoeven es auf eben diesen Überraschungseffekt angelegt hat, sei mal dahingestellt. Auch ob die Entscheidung klug war, zwei derart unterschiedliche Hälften zu machen, denn während in der ersten kaum etwas ist, an das man sich unbedingt erinnern müsste, wird in der zweiten ein Feuerwerk an Ideen abgeschossen. Sicher, auch da gibt es die eine oder andere Fehlzündung. Der Film erreicht auch nie die Schärfe wie seinerzeit Willkommen bei den Hartmanns, da verlässt man sich hier lieber auf gesteigerte Albernheit und hohes Tempo.

Doch der Unterhaltungsfaktor stimmt, zumal das Ensemble auch gut aufgelegt ist. M’Barek (Fack ju Göhte) als in die Jahre kommender Familienmensch, Lau (Victoria) als kopfloser Chaot, das macht schon Spaß. Auch bei den Nebenfiguren hat man ein paar schöne Einfälle gehabt. Ärgernisse gibt es dort leider schon, etwa Leon Ullrichs bewusst nervig angelegte Figur des Bankangestellten, die einem schon die gute Laune verdirbt, noch bevor sie etwas zu tun bekommt. Und auch dass manche Wendungen so vorhersehbar sind, dass sie eher als Parodie auf eine Wendung durchgingen, schmälert das Vergnügen. Insgesamt ist Nightlife aber eine der besseren deutschen Mainstream-Komödien. Für einen Kinoabend reicht das.

Credits

OT: „Nightlife“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Simon Verhoeven
Drehbuch: Simon Verhoeven
Kamera: Jo Heim
Besetzung: Elyas M’Barek, Frederick Lau, Palina Rojinski, Leon Ullrich

Bilder

Trailer

Interview

Interview mit Hauptdarsteller Frederick Lau

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Nightlife
3.15 (62.94%) 34 Artikel bewerten

Nightlife
„Nightlife“ beginnt als austauschbare Liebeskomödie, bis in der Mitte des Films auf einmal der Schalter umgelegt wird und die Geschichte auf überraschende Weise eskaliert. Ab dem Zeitpunkt ist die Komödie um zwei Barkeeper, die ein seriöses Leben wollen, tatsächlich spaßig, auch der Hauptdarsteller wegen, selbst wenn nicht jeder Gag sitzt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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