Kritik

„After Life“ // Deutschland-Start: 16. April 2007 (DVD)

Es ist kein sehr alltäglicher Job, den Takashi Mochizuki (Arata Iura) und Shiori Satonaka (Erika Oda) da machen – aber einer, der sehr wichtig ist. Jeden Montag kommen sie und die Kollegen zusammen, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Dabei handelt es sich um Menschen, die gerade gestorben sind und nun ins Jenseits übertreten sollen. Doch bevor es so weit ist, soll jeder von ihnen eine Erinnerung festlegen, die ihnen besonders ans Herz gewachsen ist und die sie mitnehmen können. Einfach ist die Entscheidung nicht, meistens braucht es einige Tage. Und manchmal noch länger, denn so mancher der Berater weiß selbst noch immer nicht, welche Erinnerung er behalten möchte …

In den letzten Jahren hat sich Hirokazu Koreeda als Meister der alltäglichen Dramen etabliert, in denen er Familien (Still Walking) oder auch alternative Familienkonstrukte (Shoplifters – Familienbande) porträtierte. Die große Kunst des japanischen Regisseurs und Drehbuchautors ist es, oft völlig banale Szenen zu zeigen, wie man sie in jeder Familie findet, diese aber mit so viel Wärme und Liebe zum Detail zu füllen, dass man stundenlang zusehen könnte. In dem Zusammenhang ist After Life eine kleine Überraschung. Ein Film über Menschen, die in einer Zwischenwelt auf dem Weg ins Jenseits sind? Ist das nicht ein bisschen viel Fantasy für den Meister der Alltäglichkeit?

Eine Welt voller Geschichten
Auch sonst ist After Life etwas anders als die Werke, mit denen Koreeda später bekannt geworden ist. Normalerweise beschränkt sich der Filmemacher auf eine sehr überschaubare Anzahl an Figuren und erzählt aus deren Leben. Hier interviewte er im Vorfeld über 500 Menschen und befragte sie zu ihren eigenen Erinnerungen. Diese Aufnahmen kombinierte er mit gespielten Szenen, mal nach Drehbuchvorgabe, mal improvisiert. Tatsächliche Identifikationsfiguren, wie wir sie eben aus Familien kennen, die sind hier deshalb rar. Nur nach und nach stechen einzelne Charaktere aus der Vielzahl an Eindrücken und Geschichten hervor, gewinnt der Film an Fokus.

Und doch zeigt sich auch in diesem ungewöhnlichen Werk der große Humanismus des Japaners. Es sind die Menschen und ihre Schicksale, die ihn interessieren, so klein und unbedeutend sie auch erscheinen mögen. Der eine will sich auf keine schöne Erinnerung festlegen, weil er meint, keine zu haben. Ein anderer prahlt mit seinen Frauengeschichten, um damit zu verbergen, was wirklich in ihm vorgeht. Hat man sich erst einmal an die fragmentarische Vorgehensweise gewöhnt, stolpert man über viele Situationen und Szenen, die zu Herzen gehen, mal sehr traurig sind, dann wieder wunderschön. Und das alles, ohne dabei auf Kitsch zurückgreifen zu müssen, wie er sich bei einer solchen Geschichte immer anbietet und er bestimmt bei einer Hollywood-Variante vorgekommen wäre.

Nach dem Leben ist wie in dem Leben
Tatsächlich ist After Life ausgesprochen spröde und bescheiden. Da wird nichts aufgebauscht, die Bilder und der Schauplatz sind schlicht, die Musik ist zurückhaltend. Anders als etwa der Anime Colorful, der einen ähnlichen Ort als eine Art Bahnhof darstellte, ähnelt Koreedas Zwischenreich mehr einer Behörde. Hier ist nichts anders oder surreal, weder erhaben noch traumartig. Man unterhält sich über den Alltag, darüber dass die Blumen im Frühjahr schön ist, es jetzt aber gerade nicht viele Pflanzen gibt. Ein Smalltalk, wie man ihn sich vorstellen könnte, während man beim Einwohnermeldeamt darauf wartet, dass die Formulare fertig bearbeitet sind.

Doch diese Banalität ist eben nur vermeintlich. After Life ist ein Film, der nicht nur seine Protagonisten und Protagonistinnen dazu auffordert, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen, sondern gleichzeitig auch das Publikum. Kaum jemand dürfte sich das hier anschauen und nicht selbst darüber nachdenken, was die glücklichste Erinnerung ist, im Nachhinein vieles abwägen, was vorgefallen ist, gut oder schlecht. Ganz nebenbei wird auch die Subjektivität von Erinnerungen thematisiert und wie einzelne Szenen unterschiedlich ausfallen können, je nachdem wer sich daran erinnert. Auch das ist im Grunde Allgemeinwissen, wird hier aber so originell aufgegriffen, dass das Frühwerk Koreedas am Ende doch etwas ganz Besonderes ist, so unscheinbar es sich nach außen hin auch geben mag.

Credits

OT: „Wonderful Life“
Land: Japan
Jahr: 1998
Regie: Hirokazu Koreeda
Drehbuch: Hirokazu Koreeda
Musik: Yasuhiro Kasamatsu
Kamera: Yutaka Yamazaki, Masayoshi Sukita
Besetzung: Arata Iura, Erika Oda, Susumu Terajima, Takashi Naitô, Kei Tani

Filmfeste

Toronto International Film Festival 1998
Sundance Film Festival 1999
International Film Festival Rotterdam 1999
Fantasy Filmfest 2000
Berlinale 2020



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After Life (1998)
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After Life (1998)
In seinem Frühwerk nutzt Hirokazu Koreeda zwar ungewohnt fantastische Elemente, wenn er von einem Zwischenreich auf dem Weg ins Jenseits erzählt, in dem die Menschen ihre schönsten Erinnerungen festhalten sollen. Doch auch „After Life“ zeigt seine Liebe zu den Menschen, zu den alltäglichen Geschichten, die auf den ersten Blick so unbedeutend sind und gerade darin eine eigene Schönheit finden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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