Kritik

„Die Jungfrauenquelle“ // Deutschland-Start: 9. September 1960 (Kino)

Die junge Karin (Birgitta Pettersson) wächst wohlbehütet auf dem großen Hof ihrer Eltern (Max von Sydow und Birgitta Valberg) auf. Eines Sonntags möchte sie, nachdem sie die Christmette verschlafen hat, zur Kirche reiten, um dem Pfarrer dort Marienkerzen zu überbringen. Auch wenn ihre Mutter skeptisch ist, hilft sie ihrer Tochter bei den Vorbereitungen und verabschiedet sie schließlich. Auf dem Weg zur Kirche werden Karin und ihre Adoptivschwester Ingeri (Gunnel Lindblom) von drei Hirten (Axel Düberg, Tor Isedal, Ove Porath) angehalten, die um etwas zu essen bitten. Nachdem ihnen Karin etwas von ihrer Wegzehrung angeboten hat, überwältigen sie die zwei älteren Hirten, vergewaltigen und töten sie. Ingeri schaut angsterfüllt aus der Nähe zu, greift aber nicht ein. Nach ihrer Tat ziehen die Hirten weiter, bis sie irgendwann ein Obdach für die Nacht suchen. Ausgerechnet im Hof von Karins Eltern finden sie eine Bleibe.

Glauben und Gewalt
Mit Die Jungfrauenquelle gelang dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman der erste von insgesamt drei Oscar-Erfolgen in seiner Karriere – später folgten Wie in einem Spiegel (1962) und Fanny und Alexander (1984). Inspiriert von einer mittelalterlichen Ballade erzählt Bergmans Film eine Geschichte um einen der zentralen Glaubenskonflikte, die Frage nach der Gerechtigkeit und der Gutheit eines Gottes und damit auch seiner Schöpfung. Nach Das siebente Siegel kehrt Bergman hier zu einem der zentralen Themen seines Werkes zurück, schlägt dabei einen sehr drastischen Tonfall an, der es dem Film in vielen Ländern, insbesondere wegen der Vergewaltigungsszene, nicht gerade leicht machte. Man kann diskutieren, ob es gerade diese Atmosphäre der Gewalt im Film war, die Regisseur Wes Craven zu Das letzte Haus links (1972) inspirierte, der in gewisser Weise eine Neuverfilmung von Bergmans Film darstellt.

Bereits in den ersten Minuten fühlt man, dass die Idylle des Guts und der anliegenden Landschaft nur eine dünne Fassade ist. Die Dunkelheit in den Bildern des Kameramanns Sven Nykvist und die Trommeln in der Musik Erik Nodgrens definieren immer wieder Dissonanzen, Unregelmäßigkeiten im Leben dieser Menschen. Hinzu kommt das omnipräsente Motiv der Bestrafung, welches in den Gesprächen der Bewohner des Hofes auftaucht, egal ob im streng christlichen Sinne als Gottes Strafe für Sünder oder im Kontext der Hierarchie des Gutes, die Müßiggang, Unachtsamkeit und Neid ahndet. In diesem rigiden Patriarchat ist die Gewalt stets männlich, der Vater das Korrektiv der Gesellschaft und des Glaubens, der über das Maß einer Strafe entscheidet.

Ein Akt des Beschmutzens
Vor diesem Hintergrund sind die Frauenfiguren Petterssons und Lindbloms besonders hervorzuheben. Durch Peterssons Darstellung und Ulla Isakssons Skript erhält Karin, wie auch ihre Adoptivschwester Ingeri, eine schier undurchschaubare Ambivalenz, wenn sie scheinbar nur so tut, als ob sie über ihre Attraktivität nicht Bescheid wüsste. In einer zentralen Szene merkt man den Kontrast zwischen ihr und der sexuell erfahreneren Ingeri, wenn Karin etwas scheinheilig sagt, sie wisse nicht, warum sie nicht mit einem Mann tanzen dürfe. Da es sich wohl um den Vater von Ingeris Kind gehandelt hat, kommt man nicht umhin die Unschuld Karins zu hinterfragen.

Einer grausamen Logik folgend muss ein solches Verhalten, ob wissentlich oder unwissentlich, bestraft werden, was in einem Akt der Beschmutzung und der Barbarei kulminiert. Jedoch ist dieser Akt der Gewalt nur ein Anfang, ein kleiner Teil einer Spirale, die sich unaufhaltsam weiter dreht. Die Frage, ob diese Taten hätten verhindert werden können, lässt Bergman intelligenterweise offen, überlässt es dem Zuschauer Position zu beziehen.

Credits

OT: „Jungfrukällan“
Land: Schweden
Jahr: 1960
Regie: Ingmar Bergman
Drehbuch: Ulla Isaksson
Musik: Erik Nordgren
Kamera: Sven Nykvist
Besetzung: Max von Sydow, Birgitta Valberg, Birgitta Pettersson, Axel Düberg, Tor Isedal, Ove Porath



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Die Jungfrauenquelle
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Die Jungfrauenquelle
„Die Jungfrauenquelle“ ist ein Film über Gewalt und Schuld, eine Moritat über den menschlichen Hang zur Barbarei. Toll fotografiert von Sven Nykvist und exzellent besetzt bietet dieses Werk Ingmar Bergman bis heute Grund zur Diskussion über dessen Themen und verlangt aufgrund seiner Konsequenz dem Publikum eine Stellungnahme zum Gesehenen ab.
9von 10

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