Kritik

Die Stockholm Story

„Die Stockholm Story – Geliebte Geisel“ // Deutschland-Start: 5. Dezember 2019 (DVD/Blu-ray)

Kurz reingehen, das ganze Geld absahnen und anschließend abhauen: So sah der Plan von Lars Nystrom (Ethan Hawke) aus, als er eine Bank in Stockholm überfällt. Nur hat er dabei nicht die Rechnung mit der Kassiererin Bianca Lind (Noomi Rapace) gemacht, welche sofort den Alarmknopf drückt. Ehe Lars es sich versieht, ist dann auch schon die Polizei zur Stelle, unter der Führung von Mattsson (Christopher Heyerdahl). Ohne weiteres aufgeben kommt für den Bankräuber aber nicht in Frage. Stattdessen nimmt er die Leute als Geisel und verlangt neben viel Geld und einem Fluchtfahrzeug auch die Freilassung seines Kumpels Gunnar Sorensson (Mark Strong). Einfach wird das nicht, aber mit Bianca hat er ja eine überaus kooperative Geisel zur Hand …

Banküberfälle, Geiselnahmen und Entführungen hat es im Laufe der Kriminalgeschichte natürlich einige gegeben. Kaum ein Beispiel ist aber so bekannt wie jenes aus dem Jahr 1973, als ein Sträfling in Stockholm seinen Gefängnis-Ausgang dazu benutzte, um eine Bank zu überfallen und dort vier Geiseln nahm. Die eigentliche Geschichte dürfte dabei den wenigsten bekannt sein, wohl aber ein damit zusammenhängendes Phänomen: Die Geiseln schlossen sich ihrem eigenen Geiselnehmer an, unterstützten ihn, baten später sogar darum, ihn doch zu begnadigen. Bis heute wird deshalb gern vom Stockholm-Syndrom gesprochen, wenn die Opfer auf einmal gemeinsame Sache mit den Tätern machen.

Das seltsame Verhalten geschlechtsreifer Geiselnehmer
Als Thema ist das durchaus spannend, weshalb der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Robert Budreau (Born to Be Blue) dann auch auf die Idee kam, die Geschichte zu einem Film zu machen. Wobei, so ganz nah hält er sich an die reale Geschichte ja nicht. Einige Aspekte übernimmt er zwar, darunter die Geiselnahme und die Forderung nach der Freilassung seines Freundes. Er fühlt sich aber nicht verpflichtet, die tatsächlichen Vorgänge noch einmal eins zu eins zu erzählen. Im Gegenteil: Von Anfang an macht er deutlich, dass er eine ganz eigene Vision davon hat, was sich in der Bank zugetragen haben könnte. Eine Vision, die mindestens ebenso kurios ist wie das berühmte Syndrom.

Tatsächlich ist man sich anfangs nicht ganz sicher: Ist Die Stockholm Story – Geliebte Geisel jetzt ein normaler Bankraub-Thriller oder vielleicht doch eine Komödie? Das liegt nicht nur an dem zu erwartenden eigenartigen Verhalten der Geiseln, sondern vielmehr an dem Geiselnehmer selbst. Mit einem dicken Schnauzer ausgestattet wirkt Ethan Hawke (First Reformed) wie eine Karikatur des dümmlichen Bankräubers. Und spätestens wenn er mit seinen grotesken Forderungen die Polizei zur Verzweiflung treibt, glaubt man, dass sich da jemand einen ganz großen Spaß erlaubt – sei es mit den anderen Figuren oder dem Publikum.

Ist das komisch oder was?
Unterhaltsam ist das dann natürlich schon irgendwo, spannend jedoch eher weniger. Die Stockholm Story – Geliebte Geisel, die auf dem Tribeca Film Festival 2018 Weltpremiere hatte, ist mehr mit den Figuren beschäftigt als mit den Ereignissen da draußen. Gleichzeitig geht der Film aber nicht sonderlich in die Tiefe. Weder lernen wir etwas über Lars, noch über die anderen. Budreau zeigt zwar, wie er und Bianca sich mit der Zeit näher kommen, ohne dabei jedoch die psychologische Komponente auszuarbeiten. Inwiefern das Ganze beispielsweise ein bewusster Prozess ist oder nicht, das bleibt offen, auch ob da mehr Gefühle im Spiel sind. Zumindest an manchen Stellen wirkt das hier mehr wie eine Liebesgeschichte als ein Krimi.

So ganz schlau wird man daraus kaum. Welche Absicht der Film verfolgt, bleibt ein Rätsel. Aber es bleibt doch ein zumindest irgendwie ein Rätsel, bei dem man sich freut, es gesehen zu haben, selbst wenn es ohne richtige Lösung bleibt. Die schöne 70er Jahre Atmosphäre, das leicht klaustrophobische Ambiente der Bank und die Figuren, die alle nicht so recht wissen, was sie in der Situation nun genau tun können oder sollen: Die Stockholm Story – Geliebte Geisel ist eine kuriose Alternative zu herkömmlichen Geiselfilmen, ein kunterbunter Trip, bei dem man im Nachhinein nicht sagen kann, was davon nun echt war und was nicht.

Credits

OT: „Stockholm“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Robert Budreau
Drehbuch: Robert Budreau
Musik: Steve London
Kamera: Brendan Steacy
Besetzung: Noomi Rapace, Ethan Hawke, Mark Strong, Christopher Heyerdahl

Bilder

Trailer

Filmfeste

Tribeca Film Festival 2018
Filmfest Braunschweig 2019

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Die Stockholm Story – Geliebte Geisel
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Die Stockholm Story – Geliebte Geisel
„Die Stockholm Story – Geliebte Geisel“ erzählt die berühmte Geschichte einer Geiselnahme in einer Bank, in der Täter und Opfer auf einmal gemeinsame Sache machen. Mit der tatsächlichen Psychologie hält sich der Film nicht auf, er ist vielmehr eine bunte, kuriose Version des Vorfalls, die unterhaltsam ist, selbst wenn man nicht ganz sicher ist, was das hier eigentlich sein sollte.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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