(„Born to Be Blue“ directed by Robert Budreau, 2015)

„Born to Be Blue“ läuft ab 8. Juni 2017 im Kino

In den 50ern ist Chet Baker (Ethan Hawke) eine Erscheinung, wie man sie nur selten im Jazz sieht. Nicht nur, dass er die Trompete beherrscht wie kaum ein anderer und dank seines guten Aussehens so ziemlich jede Frau bekommen kann. Er ist auch noch weiß, was in dem von Schwarzen dominierten Musiksegment mit Argwohn gesehen wird. Sein eigentliches Problem ist jedoch seine Drogenabhängigkeit, die ihn nicht nur seine Hollywoodkarriere, sondern auch seine Vorderzähne kostet. Aufgeben kommt für den Amerikaner aber nicht infrage: Beflügelt von seiner neuen Liebe Jane (Carmen Ejogo) kämpft er hart dafür, wieder zurück auf die bedeutenden Bühnen zu kommen.

Eine Weile hat es ja schon gedauert, bis Born to Be Blue seinen Weg hierher gefunden hat, 15 Monate sind seit seiner Premiere vergangen. Aber das macht nichts, da das Biopic ohnehin ein sehr klassisches Thema hat, das unabhängig von Jahreszahlen und Jahreszeiten funktioniert. Zum einen wäre da natürlich die historische Hauptfigur: die Versuche von Chet Baker, in den 60ern wieder auf die Beine zu kommen. Vor allem aber ist die Geschichte eines Künstlers, der sich und anderen immer wieder beweisen muss, was er drauf hat und dies auch mit der Kraft der Liebe am Ende gelingt, eine, wie man sie immer wieder erzählen kann. Wie sie immer wieder erzählt wurde.

Ein Biopic zwischen Fakt und Fiktion
Dass einem die Geschichte so bekannt vorkommt, liegt auch daran, dass Regisseur und Drehbuchautor Robert Budreau einen etwas großzügigeren Umgang mit der Wahrheit pflegt und dabei einiges glattbügelt. Der Kanadier behauptet dann auch gar nicht von sich, hier ein akkurates Leben des Ausnahmemusikers gedreht zu haben. Inspiriert ist es natürlich davon, einzelne Punkte sind eindeutig belegt – etwa Bakers Drogensucht. Budreau nahm diese jedoch, ergänzte sie um einige andere, verdichtete dafür an anderen Stellen, um so einen Film zu schaffen, der immer zwischen Fakt und Fiktion umherwandelt.

Dass Born to Be Blue oft etwas Traumhaftes an sich hat, liegt aber auch an der Erzählweise: Immer wieder wird zwischen Farbaufnahmen und solchen in Schwarzweiß gewechselt. Damit einher geht auch die Aufhebung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, denn in die chronologisch fortlaufende Geschichte mischen sich immer wieder Flashbacks Bakers. Dabei lässt der Film jedoch offen, ob es sich dabei um tatsächliche Erinnerungen des Musikers handelt oder um erdachte, die der Künstler in den Film im Film einbauen wollte.

Der melancholisch-brutale Umgang mit dem Schmerz
Das soll aber nicht bedeuten, dass Born to Be Blue es sich auf schönen Szenen gemütlich machen würde. Eigentlich ist das Leben von Baker von Konflikten und Niederlagen geprägt. Und von Schmerzen: Die Szene, in der er nach dem Verlust seiner Zähne das erste Mal versucht, wieder Trompete zu spielen, ist eine der brutalsten, die man in der letzten Zeit in einem Biopic hat sehen dürfen. Oder müssen. Die schmerzhafteste des Films ist jedoch eine, die gleichzeitig auch die schönste ist: Wenn Ethan Hawke (Maggies Plan, Waking Life) mit seiner sanften Stimme das gespenstische „I’ve Never Been in Love Before“ ins Publikum haucht und spätestens da allen im Publikum klar wird – Baker wird diesen Kampf gegen die Drogen verlieren.

Davon und darüber hätte man gut und gern noch mehr hören wollen, über den Zusammenhang zwischen Kunst und Drogen, zwischen Leidenschaft und Leid. Auch darüber, was es bedeutete, als Weißer die von Schwarzen dominierte Jazzszene aufzumischen. Leider jedoch konzentriert sich der Film stärker auf die Beziehung zwischen Chet und Jane. Auch die ist nicht immer rosig, führt aber doch recht weit weg von der Musik und dem historischen Kontext. Zumal auch die zu den fiktionalisierten Elementen gehört. Dennoch ist Born to Be Blue ein sehenswerter Ausflug in eine frühere und andere Welt, die man sich allein für Hawke ansehen und vor allem anhören kann. Eine Welt voller Zauber und Melancholie, tiefer Gefühle und Schmerz, die sich – trotz einer kontinuierlich rastlosen Suche – irgendwie dann doch nie selbst genug war.

Born to Be Blue
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Born to Be Blue
„Born to Be Blue“ erzählt mal realitätsgetreu, dann wieder sehr fiktionalisiert von dem Comebackversuch Chet Bakers in den 60ern. Zwischen Drogen und Kunst entsteht so das Porträt eines Mannes, der immer auf der Suche war, aber nur selten irgendwo ankam. Der Fokus liegt zwar etwas zu stark auf der Romanze, dennoch ist das melancholisch-impressionistische Biopic sehens- wie hörenswert.
7von 10

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