Sterne über uns

„Sterne über uns“ // Deutschland-Start: 14. November 2019 (Kino)

Das hat Melli (Franziska Hartmann) gerade noch gefehlt: Sie muss aus ihrer Wohnung raus. Aber wo sollen sie und Ben (Claudio Magno) denn jetzt hin? Da ihr spontan die Alternativen fehlen, ziehen die alleinerziehende Mutter und ihr Sohn erst einmal in den Wald und schlafen in einem Zelt. Nur vorübergehend, versteht sich, bis sie was Besseres gefunden hat. Genauso klar ist, dass niemand etwas von ihrer Situation erfahren darf, sonst droht man ihr Ben wegzunehmen. Und überhaupt, in ein paar Tagen tritt sie ihre Stelle als Flugbegleiterin an, das wird also alles schon werden. Doch was als Notlösung gedacht war, wird zu einem Dauerzustand, aus dem Melli einfach nicht herausfindet …

Obdachlosigkeit ist und bleibt ein schwieriges Thema. Die wenigsten von uns haben unmittelbare Erfahrungen damit gesammelt, glücklicherweise, man will auch nichts damit zu tun haben. Wir begegnen ihnen natürlich schon, den Männern und Frauen, die auf der Straße leben. Oft gehen wir einfach an ihnen vorbei, tun so, als hätten wir sie nicht gesehen – auch weil wir sie nicht sehen wollen. Vielleicht werden wir für einen kurzen Moment innehalten und uns fragen, wie es dazu kommen konnte, dass diese Leute so aus der Gesellschaft gefallen sind. Aber selbst wenn wir unser Gewissen damit beruhigen, einen Euro springen zu lassen, lautet die Devise normalerweise: nur schnell weg.

Die ewige Frage nach dem warum
Eine wirkliche Erklärung dafür, wie jemand in die Obdachlosigkeit rutschen kann, bietet Sterne über uns nicht. Wir werden vielmehr mitten hinein ins Thema geworfen, ohne dass wir wissen, wie uns geschieht. Hin und wieder finden wir zwar kleine Hinweise, was die Vorgeschichte des Dramas gewesen sein mag, wenn von schimmeligen Wohnungen und einem Schufa-Eintrag die Rede ist, von Notunterkünften. Regisseurin und Co-Autorin Christina Ebelt hält sich an der Stelle insgesamt jedoch bedeckt. Ihr Thema ist weniger, wie ein Mensch plötzlich in eine solche prekäre Situation geraten kann, sondern wie er mit dieser umgeht. Wie er versucht, sich Normalität zu bewahren oder wenigstens den Anschein von Normalität.

Das kann teilweise ganz schön komisch sein. Wenn Melli perfekt herausgeputzt aus dem Wald stolpert, ihr kleines Köfferchen im Schlepptau, dann ist das schon ein herrlich grotesker Anblick. Nicht allein, dass sie Berufliches und Privates aus naheliegenden Gründen komplett voneinander trennen muss. Ebelt setzt hier auf maximalen Kontrast, wenn das künstliche Lächeln einer Flugbegleiterin auf den Dreck des Waldlebens stößt. Letzterer hinterlässt dabei erstaunlich wenig Spuren. Auch an anderen Stellen sollte man besser nicht zu viel nachdenken oder hinterfragen: Eine zu genaue Beobachtung hält der Film in Bezug auf seine Plausibilität nicht stand. Sterne über uns verfolgt da keinen dokumentarischen Anspruch.

Ein Drama auf Distanz
Auch in anderer Hinsicht geht das Drama nicht sonderlich in die Tiefe. Während das grundsätzliche Szenario – ein alleinerziehendes Elternteil wohnt mit einem Kind im Wald – an Leave No Trace erinnert, das vor einem Jahr in die Kinos kam, wurde aus den Figuren hier sehr viel weniger herausgeholt. Hier gibt es eben kein Psychogramm einer geschundenen Seele, es gibt auch keine Coming-of-Age-Elemente, wenn das Kind sein eigenes Leben sucht. Für Ben ist diese Notlösung, unter der seine Mutter leidet, vielmehr ein Abenteuer. Auch das birgt natürlich Konfliktpotenzial, wird aber kaum genutzt. Aufgrund der fragmentarischen Erzählweise bleibt Sterne über uns immer etwas distanziert, wird nicht so emotional, wie man es bei einem solchen Thema erwarten könnte.

Sehenswert ist der Titel, der auf dem Filmfest München 2019 Weltpremiere hatte, aber trotz dieser Einschränkungen. Was als tatsächliches Sozialdrama seine Lücken hat überzeugt als Drama über einen Kampf gegen den Abstieg, ein verzweifeltes Ringen um Würde. Sterne über uns funktioniert dadurch auch losgelöst vom Kontext Obdachlosigkeit, wenn hier das universelle Gefühl aufgezeigt wird, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, und wie schwierig es sein kann, Hilfe zu finden und anzunehmen. Und das ist etwas, in dem man sich doch sehr viel leichter wiederfinden wird. Stolpersteine gibt es schließlich überall, dafür muss man nicht erst in einem kleinen Wald bei Köln leben.



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Sterne über uns
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Sterne über uns
In „Sterne über uns“ lernen wir eine Frau kennen, die mit ihrem Sohn im Wald lebt, weil sie keine Wohnung findet. Die Hintergründe der Obdachlosigkeit bleiben vage, auch an anderen Stellen geht das Drama nicht zu sehr in die Tiefe. Sehenswert ist es aber als Demonstration, wie einem das eigene Leben entgleiten kann und wie verzweifelt der Kampf um Würde und Kontrolle ist.
7von 10

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