„Vivarium“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Seit einer Weile sind Gemma (Imogen Poots) und Tom (Jesse Eisenberg) nun schon ein Paar, da wird es langsam Zeit für den nächsten Schritt. Warum nicht zusammen ein Haus kaufen? Etwas, das nur ihnen gehört, ihr neues Heim wird? Richtig überzeugt sind sie zwar nicht davon, was der Makler ihnen da zeigen will. Irgendwie schaffen es die beiden aber auch nicht, Nein zu sagen. Das werden sie bald bereuen, wenn nicht nur der Herr mit dem breiten Lächeln seltsam ist. Das Haus ist es ebenfalls. Richtig eigenartig wird es jedoch erst, als der Makler urplötzlich verschwindet und die beiden nicht wieder aus der Siedlung finden. Schließlich gibt es dort Hunderte von Häusern, die alle völlig identisch sind …

Für die einen ist das Leben in den amerikanischen Suburbs die Verwirklichung eines Traumes, das Symbol, es geschafft zu haben. Für die anderen ein Symbol der Gefangenschaft und verlogene Oberfläche, in der nichts echt ist und jede Abweichung von der Norm hart bestraft wird. Welche der Ansichten Regisseur und Co-Autor Lorcan Finnegan (Without Name) vertritt, daraus macht er nicht wirklich ein Geheimnis. Seine Vision des formstrengen Lebens ist ein Albtraum, wenn Vivarium aus dem Reihenhaus ein Gefängnis macht, aus dem es kein Entkommen gibt. In dem es auch kein echtes Leben gibt.

Der Mensch als Haustier
Das verrät der Titel natürlich bereits, bezeichnet ein Vivarium doch eine künstliche Anlage, in der Tiere gehalten werden, worunter auch Aquarien und Terrarien fallen. Hier sind es aber keine Tiere. Tatsächlich sind Tiere nach dem Auftakt weit und breit nicht zu sehen, ebenso wenig alles andere, was auch nur im entferntesten Sinn mit einem natürlichen Leben zu tun hat. An deren Stelle treten Gemma und Tom, die zumindest theoretisch alles in der Anlage vorfinden, das sie brauchen. Es gibt einen Platz zum Schlafen, sanitäre Anlagen, auch um Essen müssen sie sich nicht kümmern. Und doch wird relativ schnell klar, dass dieser vermeintliche Traum keiner ist.

Das kann man nun als Angriff auf das konforme Leben einer segregierten Gemeinschaft sehen. Auch als Kommentar zu unserem Umgang mit Tieren lässt sich das deuten, wenn wir ihnen einen vermeintlich artgerechten Lebensraum schaffen, der dann doch nur zum Unglück führt. Und natürlich hat Vivarium, das während der Semaine de la Critique in Cannes 2019 Premiere feierte, einiges über die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu sagen, wenn sich Gemma und Tom nach und nach ihren Rollen ergeben. Wobei es Finnegan und sein Drehbuch-Partner Garret Shanley offen lassen, wie viel dieses Verhaltens nun wirklich auf natürliche Veranlagungen zurückzuführen ist und wie viel auch hier soziales Konstrukt ist.

Viele Themen, wenig Handlung
Das ist als Metapher sicher nicht übermäßig subtil, Finnegan spricht zwar eine Reihe interessanter Themen an, lässt aber nicht viel Diskussion zu. Vivarium überzeugt jedoch bei der audiovisuellen Umsetzung. Und natürlich der Besetzung. Von Anfang an hat der Film eine sehr mysteriöse Stimmung, die schnell ins Surreale umkippt. Die geschickte Verbindung von realen Elementen und offensichtlich künstlichen erzeugt eine ganz eigene Stimmung. So als hätte man Menschen in ein Bild gesetzt und dort allein gelassen. Die Gestaltung der labyrinthartigen Anlage ist großartig, ebenso kleine Details wie die Einrichtung oder die Wolken, die eher der Idee einer Wolke entsprechen.

Im Mittelteil zieht sich das ein wenig, wenn Vivarium nicht viel mehr aus seinem Szenario herausholt, als bereits zu Beginn etabliert. Es geschieht einfach zu wenig Neues, was angesichts des Themas zwar naheliegend, aber doch auch ein wenig ermüdend ist. Im Gegensatz zu den streng symmetrischen Fließbandhäusern hat der Film also durchaus seine Mängel. Doch das Gespann Poots und Eisenberg, das dieses Jahr auch in The Art of Self-Defense zu sehen war, holt aus diesem eigenartigen Wahnsinn jede Menge raus. Gleiches gilt für die Nebendarsteller, die sich voll und ganz dem Overacting hergeben und bizarre Abbilder eines Menschen darstellen. Da auch das Sound Design dazu beiträgt, dass man sich hier entgegen der Werbung nie zu Hause fühlt, die Stimmung mal komisch, mal unheimlich ist, ist dieser unterkühlte Trip ein heißer Tipp für die Fans klassischer Mystery-Serien im Stil von Twilight Zone.

Vivarium
3.9 (78%) 10 Artikel bewerten

Vivarium
In „Vivarium“ will ein Paar ein Traumhaus kaufen und landet daraufhin in einem labyrinthartigen Reihenhaus-Albtraum. Zwischendrin zieht sich der surreale Trip ein wenig, wenn das Szenario keine Veränderung mehr zulässt. Doch die komisch-unheimliche Stimmung, die Liebe zum Detail und das Ensemble lassen einen über die Schwächen gern hinwegsehen.
8von 10

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