Eine ganz heisse Nummer 2.0

„Eine ganz heiße Nummer 2.0“ // Deutschland-Start: 3. Oktober 2019 (Kino)

Es ist nun schon ein paar Jahre her, dass Waltraud (Gisela Schneeberger), Maria (Bettina Mittendorfer) und Lena (Rosalie Thomass) mit ihrer Sex-Hotline die Bürger und Bürgerinnen des frommen Ortes Marienzell schockierten, inzwischen redet kein Mensch mehr darüber. Aus gutem Grund, hat das bayerische Dorf doch ganz andere Sorgen: Immer mehr Leute ziehen von dort weg, es fehlt überall an einer Perspektive. Und es fehlt an einem schnellen Internet, was viele für den Untergang von Marienzell verantwortlich machen. Aber was tun? Weder das Münchner Telekommunikationsunternehmen, noch die Politik sieht sich in der Verantwortung. Also beschließen die drei Freundinnen, die Sache mal wieder selbst in die Hand zu nehmen …

In den letzten Jahren hat sich die 2013 mit Dampfnudelblues begonnene Reihe zu einem der wohl größten Überraschungshits des deutschen Kinos entwickelt: Eine Million Menschen strömen Jahr für Jahr in die Lichtspielhäuser, um mitanzusehen, wie ein grimmiger bayerischer Polizist immer wieder in komische Situationen gerät. Dabei ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass zwei Jahre zuvor schon eine andere bayerische Provinzkomödie solche Besucherzahlen vorzuweisen hatte: Mit 1,3 Millionen Zuschauern avancierte Eine ganz heiße Nummer um drei Dorfbewohnerinnen, die mit einer Sexhotline ihren Tante-Emma-Laden retten wollen, zu einem unerwarteten Kassenschlager. So unerwartet, dass kein Nachfolger erschien. Bis jetzt.

Und wie machen wir weiter?
Wobei die Situation natürlich auch nicht ganz vergleichbar ist. Während es beim Dorfpolizisten Eberhofer eine Reihe von Romanen gab, die man nach und nach verfilmen konnte, gab es für das auf dem gleichnamigen Buch von Andrea Sixt basierende Eine ganz heiße Nummer keine weiteren Vorlagen. Genauer hat die Regensburgerin seither allgemein keinen weiteren Roman geschrieben. Und wo nichts ist, da kann nichts adaptiert werden. Also tat man sich schwer, eine neue Geschichte zu erzählen, welche an die alte anschließen könnte. Hinzu kam natürlich die rechtliche Lage, die erst einmal geklärt werden musste. Als das der Fall war, hieß es Autoren zu suchen, am Ende fiel die Wahl auf das eingespielte Duo Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof, welches bislang vor allem im Fernsehen tätig war.

So schön es wäre, sagen zu können, dass mit den beiden die richtige Wahl getroffen wurde, so sehr wäre das gelogen. Denn leider schafft es Eine ganz heiße Nummer 2.0 zu keiner Zeit, an den Vorgänger anzuschließen. Zwei Punkte waren es, die damals den Charme der Komödie ausmachten. Da wäre zum einen der Umstand, dass belächelte Hausfrauen ihr Ding durchziehen und allein ihren Mann stehen – female empowerment in der bayerischen Provinz. Das andere war die Absurdität der Situation, wenn mit tiefstem Dialekt und so völlig ohne Ahnung erotische Situationen entstehen sollten. Dass die drei damit einen Nerv treffen würden, das hatte damals keiner gedacht, weder sie, noch ihre Kundschaft. Und natürlich wurde auf diese Weise die Scheinheiligkeit der frommen Dörfler entlarvt, die sich nach außen hin über so viel Gottlosigkeit echauffieren, nur um dann heimlich anrufen zu können.

Frauenpower ohne Richtung
Der erste Punkt ist geblieben. Denn auch wenn die Männer diesmal tatsächlich selbst anpacken wollen, allen voran Lenas Freund Willi (Matthias Ransberger), ohne das Powertrio geht dann doch nichts. Das kann man sympathisch finden. Die gleiche Wirkung kann man beim zweiten Einsatz jedoch kaum erwarten. Die Abnützungserscheinungen sind aber das deutlich geringere Problem, wenn drumherum nur Misere herrscht. Schon die Prämisse, dass allein das fehlende High-Speed-Internet Schuld daran sein soll, dass es dem Dorf schlecht geht, wird nie erklärt. Die Idee des Trios, durch Teilnahme an einem Tanzwettbewerb alles zu richten, ist genauso an den Haaren herbeigezogen – vor allem wenn die einzige halbwegs plausible Idee, die der Männer, komplett ignoriert wird. Und so häuft Eine ganz heiße Nummer 2.0 ein Thema nach dem anderen an, versucht lauter konkurrierende Parallelhandlungen, die sich aber nie zu einer in sich stimmigen Geschichte zusammenfügen.

Noch enttäuschender als dieser konzeptlose Mischmasch ist jedoch der Humor. Richter und Schlagenhof fällt einfach nichts ein, das tatsächlich komisch ist. Oder überraschend. Es gibt nur eine Handvoll Witze, die zudem auch noch wieder und wieder verwendet wären, obwohl sie schon beim ersten Mal nichts brachten. Das Ergebnis: anderthalb Stunden Langeweile. Das ist nicht nur der verschwendeten Zeit wegen bedauerlich, sondern auch des verschwendeten Talents wegen. Gisela Schneeberger, Rosalie Thomass und Bettina Mittendorfer, die ihre Rollen vom letzten Mal fortführen, sind erneut eine Wucht, selbst wenn sie nur mäßig erfolgreich gegen das missglückte Drehbuch ankämpfen. Dass viel mehr drin gewesen wäre bei dieser Besetzung und auch der durchaus relevanten Themen – darunter Landflucht und Auswirkungen allgegenwärtiger Pornos –, das zeigt sich ganz zum Schluss, wenn in einer tatsächlich schönen Tanzsequenz zwei Welten aufeinanderprallen, wie einst in Eine ganz heiße Nummer, und daraus etwas eigenes wird. Ansonsten müht sich die Komödie unbeholfen an der Neuzeit ab und wirkt dabei doch wie von gestern.



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Eine ganz heiße Nummer 2.0
Acht Jahre nach dem Überraschungshit gibt es in „Eine ganz heiße Nummer 2.0“ ein Wiedersehen mit dem Frauen-Power-Trio aus der bayerischen Provinz. Dieses ist erneut die größte Stärke, wenn es ganz allein gegen langsames Internet und Landflucht ankämpft. Doch auch das Talent und das Charisma der Darstellerinnen kommen nicht gegen das maue Drehbuch an, dem nicht nur ein stimmiges Konzept fehlt, sondern auch die passenden Witze.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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