Babyteeth

„Babyteeth“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Milla (Eliza Scanlen) ist schwer krank und scheint ein wenig den Lebensmut verloren zu haben. Dann aber trifft sie zufällig auf Moses (Toby Wallace), einen Gelegenheitsdrogendealer, der sie zunächst nach ein wenig Geld fragt. Milla willigt ein, allerdings gegen eine kleine Gegenleistung. Moses soll einen Abend mit zu ihren Eltern Henry (Ben Mendelsohn) und Anna (Essie Davis) zum Abendessen kommen, um die beiden mal ein wenig zu provozieren. Als sie jedoch Moses etwas näher kennenlernt, verliebt sie sich in den charmanten Rumtreiber. Ihre Eltern heißen das gar nicht gut, aber was haben sie für eine Wahl, wenn die Tochter nicht mehr nach ihren Regeln spielen will? Milla setzt ab sofort ganz neue Prioritäten und wird nicht nur das Leben ihrer Eltern gehörig verändern

Wie geht eine Jugendliche damit um, wenn sie unweigerlich mit dem Tod konfrontiert wird? Und wie bleibt die Familie bestehen, wenn die Eltern wissen, dass sie ihre Tochter verlieren werden? Ziemlich eigenwillig und ganz anders als man es erwarten würde, wie sich mit dem Spielfilmdebüt von Shannon Murphy herausstellt.

Einmal alles anders, bitte
Tatsächlich geht die Regisseurin einen ungewöhnlichen, sehr unkonventionellen Weg. In den ersten dreißig Minuten des zweistündigen Dramas kann der Zuschauer noch nicht ahnen, worauf er sich hier eingelassen hat und wird lediglich die sehr untypische Erzählweise und Montage bemerken. Denn durch sehr harte Schnitte und kaum fließender Übergänge der kleineren Kapitel, die alle mit einer Überschrift versehen sind, mutet der Film etwas chaotisch an. Nichts scheint so richtig zusammen zupassen. Aber: Genau so gestaltet sich ganz plötzlich Millas Leben, als sie sich Hals über Kopf in Moses verliebt. Die vorher scheinbar perfekte Vorstadt Familie, mit geregeltem Leben und großen Zielen, wird kurzerhand einfach über Bord geworfen. Milla hat es satt, sich einfach mit dem abzugeben, was sie hat. Worauf auch warten, wenn man weiß, dass man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr geheilt werden kann? Also Sicherheit und elterliche Regeln ade und willkommen Liebe und Risiko!

Eigentlich würde man vermuten, dass die Eltern mit der Liebe zu dem Gelegenheitsdrogendealer Moses völlig überfordert sind, daran verzweifeln und es zu Problemen mit ihrer Tochter führt. Erstaunlicherweise spielt es keine Rolle, wie unvernünftig viele Situationen zu sein scheinen. Anstatt die Familie damit auseinander zu reißen, gelingt es Milla damit, dass alle wieder ein wenig mehr zusammenrücken sie dabei über ihren eigenen Schatten springen und ein Stück weit die Vergangenheit ruhen lassen, vielleicht sogar Fehlentscheidungen vergeben.

Gemeinsam stark
Zwischendurch erweckt das Mädchen sogar den Anschein, als hätte sie ihr Leben trotz der schweren Erkrankung gerade mehr im Griff als ihre Eltern. Denn ihre Mutter Anna schluckt die Pillen, die ihr Ehemann Henry verschreibt wie Gummibärchen. Der wiederum setzt sich selbst auch gern mal einen Schuss Morphin. Nichtsdestotrotz sorgen sich die beiden um ihre Tochter und wagen dabei eben sogar einen Schritt, der sie selbst gänzlich aus ihrer elterlichen Komfortzone holt. Alle Schauspieler agieren unglaublich harmonisch miteinander und bilden ihre Figuren äußerst facettenreich ab, dass schon allein das Zusehen des Ensembles wahnsinnig viel Spaß macht. Allen voran Eliza Scanlen (Sharp Objects) und Toby Wallace (Boys in the Trees), der bei den Filmfestspielen in Venedig direkt noch den Preis für den besten Jungdarsteller mit nach Hause nehmen konnte.

Murphy inszeniert die beiden Charaktere mit viel Feingefühl und setzt dem Zuschauer immer wieder so wunderschöne Szenen der beiden vor die Nase, dass man oftmals gern länger in dem Augenblick verweilen wollen würde. So zum Beispiel geschehen, wenn Milla beim Musikunterricht statt Geige zu spielen lieber zu einem Song tanzt, der einem auch nach dem Film nicht mehr aus dem Kopf geht. Oder auch Milla und Moses, die gemeinsam allein in einer Karaokebar zu einem Liebeslied tanzen. Genauso andersartig wie die Gestaltung kommt eben auch der Soundtrack daher, den Murphy unter ihre wunderschön komponierten Bilder legt. Eine wilde Mischung mit Ohrwurmpotenzial, die das Auf und Ab sowie die Diversität der Gefühle und Emotionen des Films perfekt wieder geben. Damit gelingt es ihr sogar, den Film ziemlich leichtfüßig  dahinfließen zu lassen, ihm nie eine traurige Schwere zu geben, sondern gefühlt noch ein wenig das Leben zu feiern. Aber trotzdem sollte man mit Taschentücher gewappnet sein, denn die Regisseurin weiß auch, wie man beim Zuschauer den wunden Punkt mit diesem Coming-of-Age-Liebesdrama trifft!



(Anzeige)

Babyteeth
4.15 (83.08%) 13 Artikel bewerten

Babyteeth
„Babyteeth“ beginnt als eigensinniger Film, der im Verlauf nicht nur mit Leichtigkeit und Stilsicherheit punktet, sondern auch mit großen Emotionen und zwei Jungdarstellern, die man als Zuschauer einfach lieben muss. Ein Erstlingswerk, dass sowohl zum Schmunzeln als auch Weinen einlädt und einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht.
9von 10

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.