Nachdem sich Neele Leana Vollmar schon bei ihren beiden Filmen über Rico und Oskar als Spezialistin für Kinderfilme einen Namen gemacht hat, folgt mit ihrem neuen Werk Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo! (Kinostart: 29. August 2019) eine weitere Adaption eines Kinderbuches. Dieses Mal nimmt sie die beliebte Reihe von Autorin Alice Pantermüller und Illustratorin Daniela Kohl vor und erzählt die Geschichte von zwei Schülerinnen, die um jeden Preis auf eine angesagte Party wollen und dabei einiges zum Thema Freundschaft lernen. Was die Regisseurin selbst zum Thema zu sagen hat und was die Besonderheiten eines Kinderfilms sind, hat sie uns in einem Interview verraten.

Nachdem Sie bereits zwei Filme über Rico und Oskar gedreht haben, adaptieren Sie mit Mein Lotta-Leben erneut ein Kinderbuch fürs Kino. Haben Sie ein Faible für diesen Bereich entwickelt?
Nach den Rico-Filmen habe ich zum ersten Mal gespürt, was es bedeutet, Kinder als Zuschauer zu haben. Sie geben ein großartiges Feedback, sind extrem direkt und interessiert, so dass ich nach jeder Vorstellung mit Kindern das Gefühlt hatte, ihnen etwas mit auf den Weg gegeben zu haben. Das ist ein schönes Gefühl. Trotzdem ist die Arbeit am Set mit Kindern eine ganz andere, und nach den beiden Rico-Filmen war meine Sehnsucht nach einem Film für das erwachsene Publikum sehr groß. Als die Lieblingsfilm mir jedoch dann Mein Lotta-Leben auf den Tisch legte, konnte ich nicht nein sagen. Mir hat die Direktheit dieser Bücher sofort gefallen. Vielleicht ist es ein wenig die Rico-Version für Mädchen. Nach Mein Lotta-Leben habe ich nun Anfang des Jahres das Auerhaus verfilmt, und das habe ich sehr genossen! Der Kinderfilm macht jetzt erst mal Pause für mich.

Was ist das Geheimnis eines guten Kinderfilms?
Die Kinder ernst zu nehmen. Wie auch in einem Film für ein älteres Publikum ist mir die Balance zwischen Humor und Tiefe/Emotionalität sehr wichtig. Kinder lachen gern, und selbstverständlich sollte ein Kinderfilm auch diese Art von Humor bedienen. Jedoch bin ich der Meinung, dass es genauso wichtig ist, ihnen nicht nur eine Bilderbuchwelt vorzugaukeln, sondern auch das wahre Leben mit seinen Tücken zu zeigen.

Was waren die Herausforderungen bei der Umsetzung der Bücher?
In den Romanen spielt die Illustrations-Ebene eine große Rolle. Für uns war sehr früh schon klar, dass wir dafür eine adäquate Übersetzung finden müssen. Deshalb haben wir uns im Vorfeld schon genau überlegt, welche Zeichen an welcher Stelle passen könnten, und was die Momente sind, in denen unsere Lotta mit ihnen agiert. Im Schneideraum sind dann natürlich viele Dinge noch einmal neu entstanden.

War Lotta-Erfinderin Alice Pantermüller bei der Adaption involviert?
Ja, sowohl Alice Pantermüller als auch Daniela Kohl waren bei der Entstehung involviert. Wir haben die letzte Fassung des Drehbuches noch einmal zusammen besprochen, und Daniela hat uns einen sogenannten Beipackzettel von Illustrationen zu den einzelnen Bildern gebastelt. Mir war es immer sehr wichtig, die beiden mit im Boot zu haben.

Buchverfilmungen haben oft mit den Erwartungen des Publikums zu kämpfen, das sich die Geschichten ganz anders vorgestellt hat. Sind Kinder in der Hinsicht einfacher oder schwieriger?
Die meisten Kinder haben ganz klare Vorstellungen. Und bei jedem Buch gibt es Dinge, die man nicht ändern darf. Wäre Oskar zum Beispiel nicht einen Kopf kleiner gewesen als Rico, hätten mir die Kinder das übel genommen. Genauso wichtig war es, dass Cheyenne braune Haare und nicht blonde hat. Dafür lassen sich Kinder aber auch schneller auf etwas Neues ein. Sie sind begeisterungsfähiger als Erwachsene. Das ist etwas, was wir leider im Alter immer mehr verlieren.

Mein Lotta Leben

Freundinnen für immer? In „Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo!“ müssen Lotta und Cheyenne lernen, was wahre Freundschaft ist.

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Lotta-Bücher?
Lotta ist ein ganz normales Mädchen. Und alles, was sie erlebt und beobachtet, schreibt sie auf. Direkt und ohne darüber zu reflektieren. Darin besteht der Humor dieser Bücher. Da es sich zudem auch um Situationen handelt, die fast jedes Kind schon einmal erlebt hat, ist das Identifikationspotential sehr groß.

Wann kamen Sie das erste Mal mit den Büchern in Berührung?
Als sich mein Patenkind einen Kalender von Mein Lotta-Leben von mir gewünscht hat.

Was können Kinder von Lotta und ihren Abenteuern lernen? Müssen sie etwas daraus lernen?
Sie können lernen, mutig zu sein und auf ihren Bauch zu hören. Ich finde, dass ist das Wichtigste, was wir unseren Kindern mit auf den Weg geben können. Sich nicht immer anzupassen, sondern das zu tun, wovon man überzeugt und begeistert ist.

Wie sehr können Sie sich mit den Erfahrungen von Lotta identifizieren?
Auch in meiner Kindheit gab es Situationen, die mich an die Lotta-Geschichten erinnern. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, kennt jeder. Und umso wichtiger ist es, dies zu thematisieren.

Was bedeutet es heute Kind zu sein im Vergleich zu Ihrer Kindheit? Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?
Es hat sich viel verändert. Während meiner Kindheit gab es noch kaum Handys, das Internet wurde gerade geboren. Natürlich gab es auch schon Computerspiele, doch wenn ich an meine Kindheit denke, dann daran, dass wir im Wald gespielt haben, Leute beobachtet haben oder einfach mit den Rädern durch die Gegend gefahren sind, bis wir nicht mehr wussten, wo wir sind.  Es ist erschreckend, wie viel Raum diese digitale Welt nun in unserem Alltag eingenommen hat. Inzwischen ist es leider schon eine Seltenheit, wenn sich Kinder im Restaurant mit den Eltern unterhalten und nicht auf irgendwelche iPads oder Telefone glotzen.

Welche Bücher haben Sie selbst als Kind gelesen?
Ich war und bin noch immer ein großer Astrid Lindgren Fan.

Ein wichtiges Thema in dem Film ist, wer die wahren Freunde sind. Was macht für Sie eine wahre Freundschaft aus?
Gegenseitiges Vertrauen. Eine wahre Freundschaft bedeutet, füreinander da zu sein. Viele meiner Freunde leben nicht in München. Auch hören wir uns nicht immer regelmäßig. Doch wenn man sich wiedersieht, ist es, als sei die Zeit stehengeblieben, und man kann da weitermachen, wo es beim letzten Mal aufhörte.

Zur Person
Neele Leana Vollmar wurde 1978 in Bremen geboren. Nach ihrem Abitur 1998 arbeitete sie als Regieassistentin bei verschiedenen Filmproduktionen. Von 2000 bis 2005 studierte Vollmar an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Während ihrer Ausbildung drehte sie 2003 den Kurzfilm Meine Eltern, der weltweit auf rund 250 Festivals gezeigt wurde und zahlreiche Preise gewann. Ihr Abschlussfilm Urlaub vom Leben (2005) wurde ebenfalls mehrfach ausgezeichnet. Größere Bekanntheit erlangte sie mit der der Filmkomödie Maria, ihm schmeckt’s nicht! (2009) nach dem Bestseller von Jan Weiler und ihren Adaptionen der Kinderbücher um Rico und Oskar, geschrieben von Andreas Steinhöfel. Mit ihrem neuesten Werk Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo! (2019) verfilmte sie die beliebte Kinderbuchreihe von Alice Pantermüller und Daniela Kohl.

Neele Leana Vollmar [Interview]
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