„Spider-Man: Far From Home“ // Deutschland-Start: 4. Juli 2019 (Kino)

Peter Parker (Tom Holland) hat einen Plan: Er will seiner Mitschülerin MJ (Zendaya) endlich seine Gefühle gestehen. Was bietet sich da besser an als der Klassenausflug nach Europa? Dummerweise gibt es da jedoch diverse Leute, die seine Pläne durchkreuzen, allen voran Nick Fury (Samuel L. Jackson), der die Fähigkeiten von Spider-Man im Kampf gegen große Bedrohungen gut gebrauchen kann. Und von denen gibt es gerade einige, trotz der tatkräftigen Unterstützung von Mysterio (Jake Gyllenhaal) schafft er es kaum, riesige Elementarwesen aufzuhalten, welche die Erde terrorisieren. Und so bleibt dem Jugendlichen nichts anderes übrig, als immer wieder in sein Kostüm zu schlüpfen, ohne dass jemand von seiner Geheimidentität erfährt – am wenigsten seine Schulklasse.

Zweieinhalb Monate ist es jetzt her, dass mit Avengers: Endgame wohl DAS Kinoereignis des Jahres die Leinwand stürmte und zahlreiche Kassenrekorde aufstellte. Schließlich war der Film als großes Finale für das mehr als 20 Filme umfassende Marvel Cinematic Universe konzipiert, mit jeder Menge Verweise auf die eigene Filmgeschichte. Der Plan ging auf, zumindest kommerziell. So manch einer wird sich jedoch gefragt haben: Und wie soll das nun weitergehen? Spider-Man: Far From Home kommt diese gleichzeitig dankbare wie undankbare Aufgabe zu, die erste Geschichte nach einem Event zu sehen. Das steigert die Chancen auf kommerziellen Erfolg, wirkt aber auch schnell wie ein Anhängsel, das irgendwie noch nachgeschoben wird.

Der schwere Neuanfang
Die Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers, die schon am Vorgänger Spider-Man: Homecoming beteiligt waren, sind sich dieser Sonderposition auch sehr bewusst. Immer wieder gibt es Verweise auf Endgame, vor allem auf Tony Stark natürlich, der frühere Mentor und Ersatzvater von Peter. Dabei ist die Besessenheit mit dem Vergangenen nicht so ausgeprägt wie beim Gipfeltreffen oder wie der Einstieg vermuten lässt. Tatsächlich ist es sogar angenehm, wie wenig Spider-Man: Far From Home auf die vielen anderen Teile angewiesen ist. Es gibt die üblichen kleinen Verweise und natürlich Nick Fury, der wie schon in Captain Marvel dieses Jahr wieder eine größere Rolle hat. Das meiste funktioniert aber völlig losgelöst von dem Universum.

Der Reiz von Spider-Man: Far From Home liegt dann auch wie schon beim direkten Vorgänger darin, dass hier jemand ein Held sein muss, der eigentlich noch gar keiner sein kann. Peter ist ein Teenager, der einerseits coole Dinge tun will und Gefallen an seiner Aufgabe hat, aber doch von vielen Selbstzweifeln geplagt wird. Vor allem ist er verliebt. Und wenn Jugendliche verliebt sind, muss das mit der Rettung der Welt ein bisschen warten. Oder auch nicht: Immer wieder kollidiert beides, muss die Erde vor gigantischen Gefahren beschützt werden, während gleichzeitig ein unsicherer Junge sehnsüchtig zu seinem Mädel hinüberschielt.

Die Absurdität des Heldenalltags
Dieser Kontrast wird wieder von jeder Menge Humor begleitet. Das ist nicht ungewöhnlich, Oneliner gehören fest zum Erfolgskonzept der Reihe. Aber nur wenige Teile schaffen es, dies mit einer solchen Natürlichkeit umzusetzen. Hier entsteht Humor aus der Situation, nicht weil es ein Drehbuchkonsortium so festgelegt hat. Gleichzeitig ist aber auch der emotionale Aspekt so stark wie in kaum einem anderen Marvel-Film. Gerade weil Peter Park nicht die Heldengestalt der Kollegen ist, sondern ein ganz normaler Junge, der rein zufällig Superkräfte hat, fällt es hier leicht, sich in ihn hineinzuversetzen. Spider-man versteht sich als Held der Nachbarschaft, weckt auch dann das Gefühl, einer von uns zu sein, wenn er gerade durch schwindelerregende Höhen turnt, Saltos schlägt oder Gebäude eigenhändig vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Zum Ende hin ufert das Ganze ein bisschen aus. Das bombastische Finale will so stark auftrumpfen, dass man gar nicht mehr weiß, was hier eigentlich geschieht. Das ist teils so gewollt, der Film will das Publikum dazu bringen, den eigenen Augen nicht mehr zu trauen. Dennoch ist es offensichtlich, dass das Spektakel der Selbstzweck ist, Regisseur Jon Watts (Cop Car) zwar sehr ungewöhnliche Einblicke gewährt, ihm das jedoch etwas entgleitet. Sonderlich viel Sinn ergeben diese CGI-Feuerwerke ohnehin nicht. Spaß macht es aber natürlich. Im direkten Vergleich war das erste Teil des Reboots noch stärker, ein vergleichbares Nervenduell wie mit Michael Keaton bleibt dieses Mal aus. Ohnehin hat der Gegenspieler keine vergleichbare Präsenz oder auch ein vergleichbares emotionales Fundament, die Motivation ist nicht annähernd so stark. Aber trotz dieser kleinen Schwächen gehört auch Spider-Man: Far From Home zu den besten Titel des Marvel-Universums, nicht zuletzt weil Tom Holland die an und für sich altbekannte Figur mit so viel Leben, Charme und ansteckender Freude erfüllt, dass man sich selbst wie auf einer Klassenfahrt fühlt.

Spider-Man: Far From Home
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Spider-Man: Far From Home
„Spider-Man: Far From Home“ setzt die Stärken des Vorgängers fort, wenn erneut ein Jugendlicher zwischen Alltag und Weltenrettung schwankt. Das kombiniert Humor mit Herz, erzählt mit viel Charme und ansteckender Freude von einem Abenteuer, das gar keins sein will. Im Vergleich zum Vorgänger ist das hier etwas schwächer, aber immer noch ein großer Spaß, der auf weitere Teile mit dem Teenie-Helden hoffen lässt.
8von 10

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