Ein Autor verzweifelt an seinem neuen Buch, ein Verleger an den Veränderungen in der Buchbranche: Mit Zwischen den Zeilen (Kinostart: 6. Juni 2019) thematisiert Olivier Assayas, welche Veränderungen die Digitalisierung auf das Verlagswesen haben. Wir haben den mehrfach preisgekrönten französischen Regisseur zu seinen eigenen Erfahrungen als Künstler befragt und wie er es eigentlich so mit dem Lesen hält.

In deinem neuen Film Zwischen den Zeilen erzählst du von mehreren Leute, die jeder auf seine Weise mit der Digitalisierung im Verlagswesen zu kämpfen haben. Könntest du uns ein bisschen über die Entstehungsgeschichte erzählen?
Der Prozess war länger als gewöhnlich bei meinen Filmen. Ich habe einige Jahre an der Idee gearbeitet, etwas über die Veränderungen im Verlagswesen zu machen. Ich habe sogar ein Drehbuch vor einigen Jahren geschrieben, bekam aber keine Finanzierung dafür zusammen. Also legte ich es erst einmal beiseite. Doch der Charakter des Verlegers spukte auch weiterhin in meinem Kopf herum. Ich fühlte, dass da etwas ist, konnte es aber nicht so recht einfangen. Eines Tages habe ich mich einfach hingesetzt und versucht, aus den Ideen, die da so herumschwirrten, schlau zu werden. Vieles funktioniert nicht so wirklich. Es geschah einfach zu viel. Es war auch zu konventionell. Also beschloss ich, noch einmal komplett von vorne anzufangen. Anstatt wie üblich zuerst eine Struktur für den Film festzulegen und danach das Drehbuch zu schreiben, habe ich hier gleich mit dem Schreiben von Szenen begonnen, ohne zu wissen, worauf das am Ende hinausläuft. Dabei habe ich festgestellt, dass der Film gleichermaßen von den Figuren wie auch von Ideen handelte. Das war ein Experiment für mich mit einem Format, das ich so normalerweise nicht verwende: eine Abfolge von Dialogen, ganz unabhängig von Bildern oder narrativen Wendungen. Lange Szenen, die nicht miteinander verbunden sind.

Eines der vielen Themen in dem Film befasst sich mit dem Verhältnis von Leben und Kunst. Leonard beispielsweise hat Schwierigkeiten dabei, beim Schreiben beides voneinander zu trennen. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie viel von deiner Geschichte basiert auf eigenen Erfahrungen?
Das sind grundsätzlich Erfahrungen, die jeder macht, wenn er schreibt. Du musst deine Inspirationen ja irgendwoher bekommen. Deine Inspirationen sind oft Erfahrungen, die du in deinem eigenen Leben gemacht hast. Erfahrungen mit Gefühlen. Was du so angesammelt hast beim Umgang mit Freunden, Familien oder anderen. Dann beginnst du, es zu verdrehen, es zu ändern, zu verstecken, damit etwas ganz anderes daraus wird. Die Quelle für alles, was du schreibst, bleibt aber das Leben. Ich glaube nicht, dass ich so bin wie Leonard, weil meine Inspirationen nicht so offensichtlich sind wie bei ihm. Ich liebe diesen Prozess, wie aus etwas sehr Persönlichem und Intimen etwas völlig Neues wird. Wie es sich beim Filmen verändert, von den Schauspielern angenommen wird.

Es ist deiner Ansicht nach also gar nicht möglich, beides streng voneinander zu trennen?
Nein, ist es nicht, glaube ich. Selbst wenn jemand beispielsweise Science-Fiction schreibt, wird unbewusst immer das mitschwingen, was er vorher erlebt hat.

Dann lass uns ein bisschen über Literatur sprechen. Das ist ja schließlich das Umfeld deines Films. Was liest du so?
Meine Lesegewohnheiten schwanken sehr stark. Derzeit lese ich vor allem Sachbücher. Wissenschaft interessiert mich zum Beispiel, Forschungen über die DNA. Es gibt aber auch Phasen, da lese ich viele französische Klassiker.

Und wie viel liest du?
Ich lese eine Menge. Aber auch das schwankt. Ich habe gerade einen Film fertig gedreht und war deshalb einige Monate nicht zu Hause. Da habe ich einen ganzen Stapel an Büchern mitgenommen. Gelesen habe ich davon aber nur eins, weil mir durch die Arbeit dann doch die notwendige Ruhe gefehlt hat.

Ein Punkt, der sich beim Lesen geändert hat: Neben den klassischen Büchern gibt es jetzt auch E-Books. Auch Hörbücher erfreuen sich heute einer größeren Beliebtheit. Was davon nutzt du?
Die klassischen Bücher aus Papier. Persönlich habe ich zwar nichts dagegen, wenn andere auf Tablets lesen. Ich selbst tue das aber nicht. Außer wenn ich eine Reihe von Drehbüchern lese. Da bin ich ganz glücklich, wenn ich die nicht alle herumschleppen muss. Ansonsten aber wie gesagt ganz klassisch. Damit bin ich aufgewachsen, das ist meine Kultur. Und davon bin ich nie losgekommen.

Im Film gibt es in der Hinsicht gegenläufige Trends: Mal sind E-Books im Vormarsch, mal gibt es eine Rückbesinnung auf Bücher. Was denkst du, wohin sich das entwickeln wird?
Es ist wirklich schwierig das vorherzusagen. Und der Film handelt eben auch ein bisschen davon, dass es keiner weiß. Zwischen den Zeilen spielt zu einer Zeit, als alle davon ausgingen, dass das Digitale die Zukunft ist. Doch dann müssen sie erkennen, dass die Verkaufszahlen etwas anderes sagen. Die Veränderungen, die vorhergesagt wurden, sind so nicht eingetreten. Was sich aber geändert hat, je nach Kultur, sind die Buchläden. In Frankreich haben wir Glück, da gibt es nach wie vor ein solides Netz aus Buchläden. In den USA mussten hingegen viele schließen und es wird Zeit brauchen, damit die Strukturen sich an den Wandel angepasst haben. Ich denke aber schon, dass die Menschen auch weiterhin lesen werden. Das ist einfach zu sehr Teil unserer DNA.

Zwischen den Zeilen

Noch hat er gut lachen: Aber Verleger Alain (Guillaume Canet) hat ganz schön mit einem sich stark verändernden Verlagswesen zu kämpfen.

Die Digitalisierung betrifft nicht nur die Verlagsbranche. Auch bei Filmen ist gerade sehr viel im Wandel, wenn die Leute nicht mehr ins Kino gehen, sondern sich die Filme beispielsweise auf Smartphones anschauen.
Die Digitalisierung hat jeden einzelnen Bereich der modernen Gesellschaft beeinflusst. Ja, das betrifft Filme, aber auch Bankgeschäfte, Transport und vieles andere. Diese Veränderungen sind überall zu sehen. Im Bereich Kino haben diese Veränderungen schon vor einer ganzen Weile begonnen und die gesamte Erfahrung verändert, auch beim Filmdreh. Aber diese Veränderungen sind komplexer, sind sehr viel technischer auch. Da müsste ich in den frühen 90ern anfangen. Und die Entwicklung ist dort auch noch nicht abgeschlossen. Das Verlagswesen war als Thema deutlich einfacher, auch weil das geschriebene Wort uns seit den Anfängen der Zivilisation begleitet. Das Kino ist da im Vergleich eine sehr junge Erscheinung, 150 Jahre.

Wie haben diese Veränderungen dich als Filmemacher beeinflusst?
Manchmal ist es ein wenig frustrierend. Im Laufe der Zeit musste ich mich an so viele Änderungen anpassen. Das kann schwierig sein, weil du dich selbst und deine Methoden noch einmal neu überdenken musst. Aber es kann auch sehr anregend sein. Ich habe jetzt ganz andere Möglichkeiten als zu der Zeit, als ich meine ersten Filme gemacht habe. Der Prozess des Schneidens ist jetzt deutlich weiter entwickelt. Außerdem hast du bei digitalen Kameras den Vorteil, dass du das Tageslicht besser nutzen kannst. Dadurch hast du jeden Tag eine Stunde länger, die du drehen kannst. Auch der Tonschnitt ist jetzt deutlich ausgefeilter. Von Spezialeffekten ganz zu schweigen. Das eröffnet dir viele Möglichkeiten.

Ein weiteres Thema im Film ist, den Mittelsmann rauszunehmen. In einer Szene ist die Rede davon, dass es keine Literaturkritiker mehr braucht, weil die Autoren ihre Leser jetzt selbst erreichen können, beispielsweise durch Soziale Medien. Ist das eine gute Sache, den Mittelsmann zu entfernen?
Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Aber es ist eine Tatsache, dass die Menschen sehr von dem beeinflusst werden, was sie online lesen, zum Beispiel in Foren. Die Kommunikation über Filme ist sehr viel breiter geworden. Teenagers können anderen jetzt direkt sagen, was sie von einem Film halten, wenn sie beispielsweise bloggen oder tweeten. Ihr Umfeld kann auf diese Weise direkt darauf reagieren, was sie über einen Film zu sagen haben. Die Reaktion ist auch stärker, als wenn du eine Kritik in einer Zeitung liest. Dadurch hat sich der komplette Prozess gewandelt. Das hat auch negative Folgen: Inzwischen gibt es ein Wettlaufen, wer als erster über einen Film geschrieben hat, wer als erster von anderen gelesen wird. Dabei brauchen Filme meiner Meinung nach Zeit, um verarbeitet zu werden. Bevor ich Filme gemacht habe, habe ich selbst Filmkritiken geschrieben, sowohl für ein Monatsmagazin wie auch eine Tageszeitung. Aber selbst wenn du für eine Tageszeitung geschrieben hast, beispielsweise über Filme in Venedig und Cannes, hattest du wenigstens ein paar Stunden Zeit, um über einen Film auch nachzudenken. Oder auch Tage. Und die Zeit brauchst du, um deine Beziehung zu dem Film zu definieren. Ich denke, dass die Art und Weise, wie Leute heute über Filme sprechen, noch während sie aus dem Kino laufen, letztendlich falsch ist. Das ist nicht die Beziehung, die wir zu Filmen oder Kunst allgemein haben sollten.

Du hast vorhin schon angesprochen, dass unser Leben in vielerlei Hinsicht durch die Digitalisierung verändert wurde, von der Industrie über Kommunikation bis zu Kunst. Was sind die Vor- und Nachteile, die das mit sich bringt?
Die Vorteile sind ziemlich offensichtlich: Das Leben ist deutlich einfacher geworden, ob wir nun im Restaurant einen Tisch reservieren oder reisen, das geht jetzt alles sehr viel schneller. Schwierig ist hingegen, wie wir jetzt mit Informationen umgehen oder auch wie die Politik sich das zu Eigen macht. Das ist ein größeres Problem. Wir hatten früher Zeitungen, die durch ihren ethischen Codex definiert waren. Die ihre Quellen überprüft haben oder darauf geachtet haben, nicht von anderen beeinflusst zu werden. Jetzt hast du so viele Informationen, die keiner überprüft, und Geheimdienste, die beeinflussen, wie du etwas wahrnimmst. Das Internet ist zu einem Kriegsgebiet geworden, in dem es für den einzelnen schwierig ist, die Komplexität der Welt überhaupt noch zu begreifen. Informationen erzeugen jetzt Verwirrung, wo sie eigentlich für Klarheit sorgen sollten.

Letzte Frage: Was ist dein nächstes Projekt?
Ich habe gerade einen Film mit dem Titel Wasp Network beendet, ein politischer Thriller mit Penélope Cruz, Gael García Bernal und anderen, den ich auf Kuba gedreht habe. Das war ein kleines Abenteuer, weil wir den Film auf Spanisch gedreht haben. Ich bin gerade am Schneiden. Der Plan ist, dass er im Herbst fertig ist. Aber schauen wir mal.

Zur Person
Olivier Assayas wurde 1955 in Paris geboren. Er begann seine Karriere als Filmkritiker, bevor er anfing, auch selbst Filme zu drehen. Sein Debütfilm Lebenswut erschien 1986 und erzählte die Geschichte von drei Jugendlichen, die bei einem Einbruch unbeabsichtigt jemanden töten und deren Freundschaft daran später zerbricht. Mehrere Male war er bei den Filmfestspielen von Cannes dabei, 2011 wurde er auch in die Jury des Wettbewerbs berufen. Sein Jugenddrama Die wilde Zeit erhielt 2012 in Venedig eine Auszeichnung für das Drehbuch, sein Mystery-Thriller Personal Shopper (2016) brachte ihm in Cannes den Preis für die beste Regie ein.

Olivier Assayas [Interview]
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