Mir ist es egal wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen

„Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“ // Deutschland-Start: 30. Mai 2019 (Kino)

Die Chance ist groß für die Theaterregisseurin Mariana Marin (Ioana Iacob). Die Hindernisse sind es aber auch. Als sie ihr neuestes Projekt beginnt, eine Volkstheater-Rekonstruktion des Massakers von Odessa im Jahr 1941, hält sich die Begeisterung der Bevölkerung in Grenzen. Warum alte Kamellen noch einmal ausgraben? Wer interessiert sich heute noch dafür, was damals war? Und überhaupt, so schlimm wie alle tun, kann das doch gar nicht gewesen sein. Schließlich waren die Rumänen doch Opfer der Nazis, mit dem Holocaust hatten sie nichts zu tun. Mariana lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken und will die Gelegenheit unbedingt nutzen, um die Menschen wachzurütteln.

Dass Wahrheit überaus relativ sein, das ist in Zeiten der Fake News Allgemeingut. Schon immer galt das als wahr, was sich durchsetzt, Geschichtsbücher schreiben sich schließlich nicht von selbst. Die Ausmaße, die das inzwischen annimmt, die können einen jedoch manchmal ziemlich erschrecken. Eigentlich spielt es keine Rolle mehr, was überhaupt geschieht. Es ist nicht einmal wirklich wichtig, was jemand sagt. Oberste Politiker machen uns vor: Du kannst eigentlich alles sagen. Tust du es lange genug, werden es die Leute glauben, 1984 lässt grüßen.

Eine Geschichte für die Gegenwart
Radu Jude wirft seinen Blick jedoch weder auf den Romanklassiker noch die aktuelle Politiklage. Der neueste Film des rumänischen Regisseurs und Drehbuchautoren (Scarred Hearts, Aferim!) befasst sich mit einem lange zurückliegenden Ereignis: das Massaker von Odessa, als rumänische Truppen im Oktober 1941 rund 30.000 Juden ermordeten. An ein solch unrühmliches Kapitel erinnert sich natürlich niemand gern, lang wurde es auch geleugnet. Und auch wenn von offizieller Seite inzwischen ein Eingeständnis vorliegt, ein wirkliches Bewusstsein für die damaligen Verbrechen haben die wenigsten entwickelt, von einem Verantwortungsbewusstsein ganz zu schweigen.

Mit „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“ – ein Zitat, das auf die damalige rumänische Regierung zurückgeht – will Jude an diese Verbrechen erinnern. Gleichzeitig ist sein Film aber deutlich mehr, ist auch für andere Länder relevant, ist auch für die heutige Zeit relevant. Da wäre die beliebte Grundsatzfrage, was Wahrheit denn sein soll und ob es sie überhaupt gibt – schließlich lässt sich damit vieles relativieren. Auch die Überlegung, inwiefern man heute noch Verantwortung dafür haben kann, was andere vor vielen Jahrzehnten getan haben, kommt zur Sprache.

Nachdenklich und lustig
Das hört sich nach einem recht trockenen Diskurs an, der zudem nichts Neues anbringt. Das stimmt. Und es stimmt gleichzeitig nicht. Jude baut solche Diskussionen wörtlich ein, wenn Mariana mit anderen aneinandergerät, etwa Vertretern der Stadt, die sich Sorgen um das Ansehen machen. Und natürlich gibt es die üblichen Leugner, die am liebsten erst gar nicht über das Thema sprechen mögen. „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“ findet für diese Auseinandersetzungen aber immer wieder originelle Szenen, die mitunter sogar komisch sein können – auf eine surreale Art und Weise. So lässt einen beispielsweise der Kontrast zwischen martialischem Thema inklusive entsprechender Ausrüstung und belangloser Eitelkeiten etwas hilflos auflachen.

Gleichzeitig ist die munter zwischen Meta-Ebenen hin und her springende Zitatensammlung – unter anderem werden Überzeugungen von Hannah Arendt ausgepackt – auch sehr bitter. Jude spottet über die Menschen, die sich Kostüme überwerfen und sich damit als Teil einer Vergangenheit fühlen, ohne sich mit dieser auseinanderzusetzen. Er ist auch wütend darüber, wie sehr Politik und Geschichte zu Entertainment degradiert werden. Gerade zum Ende hin darf man als Zuschauer schon sehr schlucken, wenn das Theaterprojekt eine andere Wendung nimmt. Und man darf eben darüber nachdenken, über das Ereignis wie auch Geschichtsverständnis und eine Erinnerungskultur im allgemeinen. Darüber, was denn nun übrig bleibt, wenn sich keiner dafür interessiert, was zuvor gewesen ist und was noch kommen mag. Barbaren zu Helden werden, weil das einfach mehr Spaß macht, applaudiert wird, während um dich herum alles in Flammen aufgeht.

„Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“
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„Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“
Das auf einem realen Zitat basierende „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“ hat nicht nur einen der lustigsten Titel der letzten Zeit, sondern geht allgemein überraschend komisch mit einem schwierigen Thema um. Zwischen Meta-Sprüngen und Zitatesammlung wird die Rekonstruktion eines Holocaust-Massakers zu einer allgemeinen Überlegung zur Vergangenheit und Erinnerungskultur.
8von 10

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