Der Nebelmann
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Der Nebelmann

Der Nebelmann
„Der Nebelmann“ // Deutschland-Start: 27. September 2018 (DVD/Blu-ray)

Als in dem kleinen abgelegenen Alpendorf Avechot ein 16-jähriges Mädchen auf dem Weg zur Kirche spurlos verschwindet, ist das für die streng gläubige Familie ein Albtraum. Für den zur Hilfe gerufenen Detektiv Vogel (Toni Servillo) trifft sich das jedoch ziemlich gut. Schließlich ist der Ruf des Polizisten durch einen vorangegangenen Fall ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden. Ein Erfolg muss her, um sein Ansehen zu steigern, das ist klar. Dafür ist ihm auch jedes Mittel recht. Tatsächlich haben sie bald einen ersten Verdächtigen, der wie gemacht ist für einen Schuldigen: Loris Martini (Alessio Boni), der Lehrer der Verschwundenen. Und doch gibt es Zweifel, denn irgendwie will da einiges nicht ganz zusammenpassen.

Dass erfolgreiche Romanautoren hin und wieder auch die Drehbücher schreiben, wenn eines ihrer Werke verfilmt wird, das kommt immer mal wieder vor. Dass sie zusätzlich auch die Regie übernehmen, das ist hingegen eine echte Seltenheit. Aber Donato Carrisi ist es ja gewohnt, sich neue Aufgaben zu suchen. Ursprünglich studierte der Italiener Rechtswissenschaft und spezialisierte sich dabei auf Kriminologie und Verhaltensforschung, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Erst arbeitete er einige Jahre als Autor fürs Fernsehen, bis er schließlich anfing Romane zu schreiben und gleich mit seinem ersten Titel Der Todesflüsterer einen internationalen Bestseller landete.

Ein gelungener Einstand
Von seinem Film Der Nebelmann, welches auf seinem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2015 basiert, lässt sich das eher nicht behaupten. In seiner Heimat Italien spielte der Krimi innerhalb von vier Wochen solide, aber nicht spektakuläre 3,6 Millionen Euro ein, hierzulande wurde gleich ganz auf eine Kinoauswertung verzichtet. Dafür aber heimste Carrisi einen David di Donatello als bester Nachwuchsregisseur ein, der wichtigste Filmpreis des Landes. Und tatsächlich ist der Film überaus kompetent inszeniert, ein ebenso atmosphärischer wie spannender Genrebeitrag.

Dabei ist das Tempo recht gering. Wie bei klassischen Krimis üblich besteht die Handlung meist darin, dass Vogel durch die Gegend läuft, Hinweisen nachgeht und ein paar Verdächtige durchleuchtet. Von denen gibt es nicht ganz so viele, ein Whodunnit im Stil von Mord im Orient-Express oder Das krumme Haus ist das hier nicht. Vielmehr spielt der Film mit den Gegensätzen von äußerer Erscheinung und dem tatsächlichen Inhalt. Sind die religiösen Eltern vielleicht Teil einer brutalen Sekte? Ist die Verschwundene wirklich so brav und unschuldig wie behauptet? Und was geht sonst noch so vor in dem nebelbehangenen Dorf inmitten vom Nirgendwo?

Wer ist hier eigentlich der Böse?
Während sich langsam enthüllende Abgründe hinter der feinen Fassade zum Grundstock des Genres gehören, ist der Protagonist durchaus ungewöhnlich. Der Nebelmann ist nicht allein die Suche nach einem potenziellen Mörder. Der Film handelt gleichzeitig auch von einem Ermittler, der auf seine Weise überaus skrupellos ist und sich vor allem die Macht der Medien zunutze macht – mit verheerenden Folgen. Toni Servillo, der kürzlich in Loro – Die Verführten auch den Polit-Medienmogul Silvio Berlusconi gemimt hat, ist dafür eine Idealbesetzung: ein bisschen extravagant, moralisch mindestens fragwürdig und manipulativ ohne Ende.

Carrisi gelingt es dabei sehr schön, dass sowohl Täter wie auch Jäger lange im Nebel verborgen bleiben. Er stiftet sogar noch ein bisschen zusätzliche Verwirrung, indem er die Geschichte in eine Rahmenhandlung packt, die Jean Reno als einen befragenden Psychologen enthält. Richtig viel trägt das dann zwar nicht zum ansonsten chronologisch vorgetragenen Inhalt bei. Es erlaubt aber zumindest eine stärker subjektive Perspektive, indem Vogel selbst zum Erzähler wird. Ein Erzähler, bei dem man selbst schnell skeptisch wird, ob er denn nun die Wahrheit sagt. Der Fall selbst rückt da manchmal etwas in den Hintergrund, die Auflösung ist auch nicht annähernd so komplex wie das ganze Drumherum. Wer gerne herumrätselt, sollte dennoch einmal in diesen Krimi hineinschauen, der doch ein ganzes Stück vornehmer ist als die Kollegen, die bei uns sonst so im Fernsehen laufen.



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Ein kleines Dorf in den Alpen, ein verschwundenes Mädchen und jede Menge Fragen: Die Romanadaption „Der Nebelmann“ bietet klassische Krimikost, die gleichermaßen von verborgenen Abgründen und einem fragwürdigen Ermittler erzählt. Das ist recht langsam erzählt, am Ende auch nicht so komplex wie gedacht, aber doch atmosphärisch und spannend.
7
von 10