(„Oculus“ directed by Mike Flanagan, 2014)

OculusElf Jahre hat Tim (Brenton Thwaites) in einer psychiatrischen Anstalt verbracht, nachdem er als Kind seine beiden Eltern tötete, in dem Glauben, sie seien von bösen Mächten besessen gewesen. Nun, da er ein freier Mann ist, möchte er die Vergangenheit endlich hinter sich lassen und ein normales Leben führen. Seine Schwester Kaylie (Karen Gillan) jedoch hat ganz andere Pläne: Sie will der Welt beweisen, dass die Familientragödie seinerzeit nicht durch Wahnsinn verursacht wurde, sondern durch einen verfluchten Spiegel.

Wenn das Übernatürliche in das Leben normaler Menschen einbricht, dann meistens weil entweder der Ort verflucht ist oder sie von einem Dämon in Beschlag genommen werden. Oculus greift auf eine eher seltenere Variante zurück, lässt ein einzelnes Objekt zum Anfang allen Übels werden. Aber es sind zwei andere Besonderheiten, die den Horrorfilm von dem Gros seiner Kollegen entscheidet. Da wären zum einen die beiden jungen Protagonisten, sie sich genreuntypisch ziemlich intelligent verhalten. Während man häufig nur die Augen rollen möchte angesichts von Figuren, die ihren Gegnern ständig den Rücken zuwenden, Waffen fallen lassen und sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit trennen, ist die betont wissenschaftliche Herangehensweise von Kaylie ein fast schon satirischer Gegenschlag.

Bemerkenswert ist weiterhin nicht das „was“ der Geschichte, sondern „wie“ diese erzählt wird. Mike Flanagan, der hier seinen eigenen Kurzfilm aufgriff, stand vorab nämlich vor dem Problem: Wie kann ich aus der kurzen Geschichte einen ganzen Film machen? Die Lösung bestand für ihn darin, zwei Zeitebenen parallel zu erzählen und diese ohne erkennbare Schnitte miteinander verschmelzen zu lassen – ähnlich wie The House at the End of Time. Das war schon während der Schreibphase so kompliziert, dass sie für das Drehbuch irgendwann einführten, vergangene Szenen in Kursivschrift zu schreiben, um selbst nicht den Überblick zu verlieren.

Für den Zuschauer bedeutet das, hier etwas genauer aufpassen zu müssen, als man es von dem Genre sonst gewohnt ist, um nicht den Faden zu verlieren. Erschwert wird dies, indem der Spiegel anfängt, auch in der Wahrnehmung seiner Figuren herumzupfuschen, sodass diese oft nicht mehr wissen, was real, was Einbildung ist. Und der Zuschauer gleich mit. Tatsächlich wird man ab einer gewissen Zeit selbst auf seiner sicheren Couch so paranoid, dass man beginnt, alles und jeden im Film infrage zu stellen – schließlich kann hier jede noch so vermeintlich harmlose Tat den eigenen Tod bedeuten.

Spannend ist der Beitrag vom Fantasy Filmfest 2014 damit auf alle Fälle, denn hier bleibt bis zum Schluss offen, wer im Kampf Mensch gegen Spiegel die Oberhand behält. Zudem will man auch wissen, was in der besagten Nacht damals wirklich passiert ist. Und das wird erwartungsgemäß erst zum Schluss offenbart. Natürlich ist einiges auch Augenwischerei: Lässt man die verschachtelte Erzählstruktur und die wissenschaftlichen Experimente weg, ist Oculus nicht viel mehr als eine Variation bewährter Grusler mit vielen bekannten Elementen. Als solche ist der Film dafür aber auch gelungen, Fans von Genrevertretern, die eher auf eine durchgängig unheimliche Atmosphäre setzen, weniger auf Blut und große Schockmomente, werden hier auf jeden Fall ihre Freude haben.



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Oculus
War es Wahnsinn oder doch ein verfluchter Spiegel, der die Familientragödie verursachte? „Oculus“ nimmt Elemente von bewährten Gruselfilmen, ergänzt diese aber um bemerkenswert intelligente Protagonisten und eine komplexe Erzählstruktur zu einem atmosphärischen dichten Genrevertreter.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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