Angels Wear White

„Angels Wear White“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

In einer chinesischen Kleinstadt am Meer vergeht sich ein älterer Mann in einem Motelzimmer an zwei Schulmädchen. Mia (Wen Qi), selbst noch ein Teenager, arbeitet an diesem Abend an der Rezeption und ist die einzige Zeugin des Verbrechens. Doch aus Angst ihren Job zu verlieren, schweigt sie. Die 12-jährigen Wen (Zhou Meijun), eines der beiden Opfer, ist traumatisiert von den Ereignissen, wird aber nicht von ihrer zerbrochenen Familie aufgefangen. Ohne Rückhalt der Erwachsenen und gefangen in einer Kultur, in der Frauen kaum Chancen haben, müssen sich die beiden Mädchen ihren Weg aus dem Dickicht von Ungerechtigkeit, Herabsetzung und Perspektivlosigkeit schlagen.

Bitteres Nachwirken
Nachdem Regisseurin Vivian Qu 2017 die Premiere ihres zweiten Langfilms Angels Wear White auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig feierte, legte sie anschließend einen Marathonlauf der internationalen Filmfestivals hin, war zuletzt auch auf dem Chinesischen Filmfest München 2018 zu sehen. Dank zahlreicher Nominierungen und Auszeichnungen in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ schwappt der Ruhm des für chinesische Verhältnisse ungewöhnlichen Films über die Landesgrenzen.

Wie ein spannungsgeladener Thriller angelegt, in welchem der Motelbesitzer behauptet, die Aufzeichnungen der Überwachungskameras alle zwei Tage zu überspielen, das Zimmermädchen Mia jedoch eine Videoaufnahme mit ihrem Handy gemacht hat, wird die eigentliche Untat in all ihrer unfassbaren Grausamkeit nie gezeigt. Stattdessen wirft das Drama einen genauen Blick auf die vergleichsweise ruhigen, jedoch nicht weniger komplexen Konsequenzen des Verbrechens und deren Effekt auf die jeweilige Figur. Während Wen die meiste Zeit unter Schock steht und voller Schamgefühl nicht weiß, wie sie sich ihrer pflichtvergessenen Mutter stellen soll, steckt Mia in einem besonders verzwickten Dilemma. Ohne Familie, Wohnung oder Ausweisdokumente ist sie auf ihre Arbeit im Motel angewiesen und bringt sie es trotz großer Zweifel nicht über sich, die Wahrheit zu sagen. Der Film beweist in seinen Beobachtungen ein besonders ausgeprägtes Gefühl für menschliche Abgründe und setzt dies sowohl im Drehbuch als auch in der bildstarken Kameraarbeit um.

Korruption und die Rolle der Frau
Wie andere Beiträge des modernen chinesischen Kinos macht Angels Wear White Gebrauch von individuellen Schicksalen, um auf größere, allumfassende Probleme aufmerksam zu machen. Bis vor kurzem unterlag der chinesische Film strenger Zensur, so dass die Realisierung von Filmen wie Angels Wear White oder Old Beast niemals möglich gewesen wären. Fast alle Figuren im Film sind auf die ein oder andere Weise in der scheußlichen Korruption, die scheinbar die gesamte Gesellschaft durchwuchert, verstrickt. Der Pädophile zum Beispiel ist ein mächtiger Geschäftsmann, der sich mit der Erstattung der Gebühren für eine Eliteschule aus seiner Schuld frei kaufen will. Die Eltern scheinen der Idee nicht abgeneigt. Gleichzeitig bildet die Rolle der Frau in einem von Männern dominierten China die stetig klingende Basslinie. Selbstwert, Jungfräulichkeit und Sexualität, Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmtheit sind die entscheidenden Stichwörter.

Zu vertrackt?
Aufgrund der vielen verschiedenen Figuren, deren Positionen in der Gesellschaft und der angehefteten Kritik, die der Film vermitteln möchte, ist es nicht leicht, die Relation der einzelnen Botschaften abzuwägen und die tatsächliche „Moral von der Geschichte“ zu bestimmen. Gleichzeitig kann es manchmal verwirren, nicht einer, sondern zwei Heldinnen zu folgen, deren Schicksale sich auf irgendeine Weise ähneln, sich aber bis auf die Ausgangssituation nie wieder zu berühren scheinen. Wer ist die wahre Hauptfigur? Was sind die Parallelen und Unterschiede? Mit wem soll ich mich identifizieren? Viele Fragen bleiben schlussendlich offen und mischen das nicht immer homogenen Potpourri auf.

Angels Wear White
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Angels Wear White
"Angels Wear White" ist harter Tobak. Kindesmissbrauch, Korruption und Ungerechtigkeit bestimmten die bedrückende Atmosphäre. Auch wenn die Grenzen der Erzählstrukturen nicht immer eindeutig sind, werden die filmischen Mittel geschickt eingesetzt, um mit individuellen Tragödien auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Ein Stückchen Innovation für das chinesische Kino.
7von 10

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