„The Tale“, USA, 2018
Regie: Jennifer Fox; Drehbuch: Jennifer Fox; Musik: Ariel Marx
Darsteller: Laura Dern, Isabelle Nélisse, Elizabeth Debicki, Jason Ritter, Ellen Burstyn, Common, John Heard, Frances Conroy

The Tale

„The Tale“ läuft im Rahmen des 36. Filmfests München (28. Juni bis 7. Juli 2018)

Jennifer Fox (Laura Dern) ist eine erfolgreiche Dokumentarfilmerin, doch ihr Leben nimmt eine überraschende Wendung, als sie eine Geschichte wiederentdeckt, die sie als 13-jährige für die Schule geschrieben hat. Ihre Mutter (Ellen Burstyn), die die handgeschriebenen Notizen aus einem verstaubten Karton klaubte, ist zutiefst besorgt, denn die 13-jährige Jenny (Isabelle Nélisse) beschreibt eine Beziehung zu einem älteren Mann. Begriffe wie Missbrauch und Nötigung führen dazu, dass Jenny tief in ihre eigene Vergangenheit eintauchen muss, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Einzigartige Herangehensweise an ein hochsensibles Thema
Die Dokumentarin, Journalistin und Produzentin Jennifer Fox präsentierte auf dem diesjährigen Sundance Film Festival ihr autobiographisches Regiedebüt The Tale, in welchem sie ihr persönliches Kindheitstrauma in unkonventionell fiktionalisierter Manier aufarbeitet.

Als junges Mädchen verbringt Jenny, als Kind wie als Erwachsene großartig und sensibel gespielt von Isabelle Nélisse und Laura Dern, einen Teil der Sommerferien auf dem Reiterhof der wunderschönen Mrs. G (Elizabeth Debicki), die die Schülerinnen mit zuckersüßer Strenge um den Finger wickelt. Eines Tages stellt sie den Mädchen den Lauftrainer Bill (Jason Ritter) vor, der besonderes Augenmerk auf die schüchterne Jenny richtet. Die Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin nimmt bald unangemessene Ausmaße an, die Jenny als Erwachsene bislang anders in Erinnerung hatte.

Manch einen mag die Thematik von Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Pädophilie abschrecken. Das Seh-Erlebnis löst ohne Frage Unbehagen und Betretenheit aus, denn The Tale gibt sich nicht mit abstrakten Lösungen zufrieden. Die Regisseurin bewältigt den Missbrauch, den sie am eigenen Leib erleben musste, mit unfassbarem Mut und brutaler Ehrlichkeit auf direkte Art und Weise und legt damit nicht nur ihre Persönlichkeit, sondern ihre von Schmerz und Scham gezeichnete Lebensgeschichte völlig frei. Dabei soll erwähnt werden, dass der Film kein Geheimnis aus der Tatsache macht, dass für jede Szene, in der sexuelle Handlung dargestellt wird, ein erwachsenes Double für die damals 11-jährige Isabelle Nélisse eingesprungen ist. Die schockierende Umsetzung und der ungute Nachgeschmack werden dadurch jedoch keineswegs abgeschwächt.

Ungewöhnlicher erzählerischer Aufbau
Der Prozess der Reflexion wird in ausgefallener und experimenteller narrativer Struktur wiedergegeben. Durch sich wiederholende Sequenzen, emotionalisierende Intermezzi und diverse Durchbrüche der vierten Wand wird The Tale noch persönlicher und direkter. Dabei umgeht der Film Kitsch und Aufgesetztheit und gibt den Charakteren stattdessen eine Plattform, sich weiterzuentwickeln und in die Tiefe zu gehen. Die dialoghafte Natur des Films, die die innerliche Konversation der Hauptfigur analog widerspiegelt, wird durch diese Stilmittel weitergetragen und intensiviert.

Die Experimentierfreudigkeit und die Entscheidung, konventionelle Erzählstrukturen hinter sich zu lassen, sind die Standpfeiler, auf welchen der Film ruht. Die Art und Weise, in der Erinnerungen, deren Flüchtigkeit und Unverlässlichkeit, so wie Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um unsere empfindliche Realität vor dem Zusammenbrechen zu bewahren,  eingefangen werden, ist unfassbar akkurat und lebensecht. Im Laufe der Zeit wächst und streckt sich die Erzählung, kreiert durchdringende Emotionen und erreicht unerschrocken die Grenzen des Erträglichen. Doch wegsehen kann man nicht, auch wenn man es manchmal gerne würde.

Gegenwartsnah und brandheiß
Obwohl die Regisseurin seit Jahren an The Tale und seiner wegweisenden Thematik arbeitete, sollte es dieses Jahr, diese Zeit und dieser Moment sein, in dem der Film die Festivals und Leinwände dieser Welt erreicht. Nach der Aufruhr in Hollywood, die im Oktober letzten Jahres mit dem Skandal um Harvey Weinstein startete und seitdem wie eine Sturzflut nicht nur auf das Showbusiness, sondern über unsere gesamte Gesellschaft bricht, erklingt The Tale laut und deutlich im Orchester der #MeToo-Bewegung. Der Film veranschaulicht eine Großzahl der Themen, die in den letzten Monaten Resonanz gefunden haben, wie der Missbrauch von Macht und Schutzbefohlenen, die Komplizenschaft der Täter, aber vor allem die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie ein Missbrauchsfall über Jahre und Jahrzehnte verschwiegen werden kann. Die reale Jennifer Fox ist sich dabei sicher: „I absolutely feel if we had been at Sundance a year ago, I don’t think people would have had the stomach for it.“

The Tale
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The Tale
"The Tale" ist eine zugleich zutiefst erschütternde, wie hoffnungsfrohe Selbstreflexion einer Frau, die ihr traumatisiertes Unterbewusstsein für Jahre unterdrückte, um sich endlich ihrer erschreckenden Vergangenheit zu stellen. Trotz der herausfordernden Thematik machen die bloße Ehrlichkeit, das grandiose Schauspiel unter entschlossener Regie, der unkonventionelle Aufbau und das perfekte Timing den Film zu einem unvergesslichen Erlebnis, so bitter und so umwerfend, dass es noch lange nachklingen wird und hoffentlich zu Mut und Furchtlosigkeit in Fiktion wie Realität inspiriert.
8von 10

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