Dragonfly Eyes

„Dragonfly Eyes“ Release // nicht geplant

Qing Ting ist nicht unbedingt das, was man eine Gewinnerin nennt. Sie sieht nicht besonders aus, kann nichts Besonderes, ist niemand Besonderes. Das hält sie aber nicht davon ab, von einem besseren Leben zu träumen. Und so verlässt sie eines Tages den Schutz des Klosters, um die große weite Welt zu erkunden. Ihre erste Station führt sie zu einer Molkerei, wo sie sich liebevoll um die Kühe kümmert. Aber auch Ke Fan lernt sie dort kennen, der sich Hals über Kopf in sie verliebt und alles für sie tun würde – mit unvorhergesehenen Folgen.

Und da soll noch einer sagen, Found Footage wäre ausgebrannt, könne dem Film nichts Neues mehr bieten. Einige Jahre lang war vor allem das Horrorgenre derart stark von Werken überlaufen, in denen gefundene Kameraaufnahmen eine Geschichte erzählen wollen, dass selbst hartgesottenste Fans irgendwann keine Lust mehr hatten. Dass dieses Prinzip aber durchaus noch für spannende und ungewöhnliche Projekte gut ist, das haben zuletzt zwei asiatische Filme gezeigt. Der bekanntere ist das preisgekrönte The Great Buddha+ aus Taiwan, ein gleichermaßen absurder wie trauriger Film über zwei Verlierer, die ihre langweiligen Abende mit Dashcam-Aufnahmen des Chefs füllen.

Das Leben vor der Kamera
Noch ungewöhnlicher ist Dragonfly Eyes, das wie der obige Kollege auf dem Filmfest München 2018 zu sehen war. Darin nahm sich der für Konzeptkunst bekannte Chinese Bing Xu realer Aufnahmen an, die von Überwachungskameras gemacht wurden. Vieler, vieler Überwachungskameras. Rund 100 Millionen soll es im Reich der Mitte davon geben, was ungefähr eine auf 14 Einwohner bedeutet. Dass die nicht untätig sind, versteht sich von selbst, halten alle Szenen des Lebens fest. Oder auch des Ablebens.

Mehrere Tausend Stunden solchen Materials durchforsteten Xu und sein Team, um daraus einen Film zu machen. Aber wie soll das überhaupt gehen, eine Geschichte zu erzählen aus Szenen, die gar nichts miteinander zu tun haben? Antwort: Das tut es nicht. Oder kaum. Während die Aufnahmen selbst nur wenig Inhalt vermitteln, kommt der erst durch die Voice Overs hinzu. Anders ausgedrückt: Wo normalerweise Bild und Dialoge gemeinsam arbeiten, sind sie hier eher getrennt voneinander. Das was in der Sprache vermittelt wird, findet teilweise eine Entsprechung in den Aufnahmen. Teilweise passt es aber auch nicht zusammen.

Seltsam lustig, verstörend, am Ende banal
Das macht dann auch zu einem größeren Teil den Reiz des Films aus. Die offensichtliche Schere aus Bild und Sprache, das bizarre Nebeneinander der unterschiedlichsten Szenen. Autounfälle neben Klosterimpressionen, der Alltag aus einer Wäscherei trifft eine Schlägerei, Videochats dürfen ebenso wenig fehlen wie die Molkerei. Die Kombination aus mitunter sehr verstörenden Momenten und einer bewusst lächerlichen Seifenoper um ein junges Paar, sie ist seltsam, skurril, anders als alles, was man selbst als Vielseher sonst so anschaut.

Unterhaltsam ist Dragonfly Eyes aber nur zu Beginn. Was durchaus ein Kommentar auf die aktuelle Überwachungswut hätte sein können, verkommt hier zu einem Gimmick. Mit 81 Minuten ist der Film relativ kurz, durch die Vielzahl an nur Sekunden langen Videoschnipseln ist eigentlich auch recht viel Abwechslung geboten. Und doch zieht sich das Werk nach einer Weile deutlich. Zu schnell tritt eine Gewöhnung auf, das Gefühl, schon alles gesehen zu haben, ein wirklicher Erkenntnisgewinn geht damit nicht einher. Aber auch wenn Xu am Ende aus dem Konzept nicht so wirklich viel herausholt, faszinierend ist es doch, ein komischer bis erschreckender, manchmal auch schrecklich banaler Blick auf die Welt von heute.

Dragonfly Eyes
4.22 (84.44%) 9 Artikel bewerten

Dragonfly Eyes
Ein Film, der nur aus realen Aufnahmen von Überwachungskameras besteht, auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Anfangs ist „Dragonfly Eyes“ unterhaltsam, gerade auch weil die Kombination von tatsächlichen Szenen und einer völlig absurden Seifenoper-Geschichte so seltsam ist. Das faszinierende Konzept nutzt sich aber relativ schnell wieder ab, es bleibt eine interessante Kuriosität, die mehr Gimmick als Erkenntnisgewinn ist.
6von 10

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