„Taste of Cement“, Deutschland/Libanon/Syrien/Vereinigte Arabische Emirate/Katar, 2017
Regie: Ziad Kalthoum; Musik: Sebastian Tesch

Taste of Cement

„Taste of Cement – Der Geschmack von Zement“ läuft ab 24. Mai 2018 im Kino

Zement schmecken? Wie genau soll das gehen? Und warum sollte man das überhaupt wollen? Etwas irreführend ist der Titel des Dokumentarfilms ja schon. Um die Kombination von Kulinarik und Bauen geht es in Taste of Cement natürlich nicht. Es geht aber auch nicht um Betonwüsten, gigantische Wolkenkratzerstädte, selbst wenn die Vermutung naheliegt. Und doch passt der Titel, sehr gut sogar. Denn der syrische Regisseur Ziad Kalthoum verknüpft hier auf eine geradezu unglaubliche Weise den Alltag auf einer Baustelle mit Sinnlichkeit, Zweckmäßigkeit mit Poesie.

Es dauert jedoch eine Weile, bis man dieser Verbindung etwas Konkretes abgewinnen kann. Bis Taste of Cement überhaupt verrät, wovon er da erzählt. Ein großes Schild erinnert die syrischen Arbeiter, dass sie nachts die Baustellen nicht verlassen dürfen. Eine neue Heimat haben sie gefunden, vorübergehend zumindest, zwischen Zementmischern und Utensilien, Stein und Stahl. Aus ihrer Heimat geflohen, um dem Krieg zu entkommen, dürfen sie nun im Libanon Hochhäuser errichten.

Kreislauf aus Zerstörung und Wiederaufbau
Eine Art Kreislauf ist es, den der ehemalige Soldat Kalthoum da in seinem Film zeigt. Das durch den Krieg zerstörte Libanon wird aufgebaut, von Menschen, dessen Land gerade durch Krieg zerstört wird. Ein neues Zuhause finden diese heimatlosen Leute in der Fremde, sie schlafen dort, essen dort. Ein Haus, das keines ist, erst noch eines werden wird. Aber nicht für sie. Zu einer Heimat wird und die vorübergehenden Bewohner wieder ohne Heimat zurücklässt.

Das hört sich schrecklich an. Teilweise ist es das auch. Taste of Cement montiert zum Ende eine Kamera auf einem Panzer, der durch die zerstörte Stadt fährt. Wir sind auch nah dabei, wenn die Männer sich durch den Schutt wühlen und versuchen, etwas aus dem Nichts zu retten. Und natürlich ist der Krieg immer da, verfolgt die Männer auf dem Bau. Wenn sie ihn nicht gerade im Fernseher sehen, den sie nachts in der Hoffnung auf Neuigkeiten einschalten, dann sind es Geräusche, dann ist es Lärm, dem Donner und den Explosionen gleich, den sie von zu Hause kennen.

Schrecken und Schönheit eng umschlungen
Und doch ist Taste of Cement ein schöner Film. Ein schrecklich schöner Film. Kalthoum gelingt es hier, aus halbfertigen Gebäuden, aus Dreck und Zerstörung Kunstwerke zu erschaffen. Mal sind es die ungewöhnlichen Perspektiven, die er wählt, durch Löcher und Schluchten. Mal sind es die Motive selbst, der sehnsuchtsvolle Blick auf das Meer da draußen, der irgendwann einmal die Menschen erfreuen wird, die hier leben. Die hier wirklich leben. Die Hoffnung und das Elend, sie sind irgendwann nicht mehr voneinander zu trennen.

Worte braucht er hierfür nicht, er benutzt sie auch kaum. Bis überhaupt jemand in dem Beitrag vom Filmfest Hamburg 2017 spricht, vergehen ein paar Minuten. Später tauchen zwar immer mal wieder Sprachfetzen auf, aber sie verschwimmen mit den Bildern und Geräuschen zu einem Strudel aus Eindrücken. Nur hin und wieder redet tatsächlich jemand zu dem Publikum da draußen, indirekt. Ein Voice-over-Erzähler rezitiert Zeilen, eher Verse, verzaubert inmitten der Verstörung, lässt einen nicht mehr los, ohne dass man je etwas konkret fassen und festhalten könnte.

Taste of Cement – Der Geschmack von Zement
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Taste of Cement – Der Geschmack von Zement
„Taste of Cement“ ist ein ungewöhnlicher Film irgendwo zwischen Dokumentation und Essay, zwischen Alltag und Kunstwerk. Dass hier das Schicksal syrischer Flüchtlinge, die im Libanon Hochhäuser bauen, im Mittelpunkt steht, wird erst mit der Zeit klar. Betörende Bilder und unheimliche Geräusche vermischen sich mit Sprachfetzen und Poesie zu einem Werk, das wunderschön und schrecklich zugleich ist.
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