„System Error“, Deutschland, 2018
Regie: Florian Opitz

System Error

„System Error“ läuft ab 10. Mai 2018 im Kino

200 Jahre wäre Karl Marx am 5. Mai 2018 geworden. Ein rundes Datum, das dazu einlädt, sich mit dem Mann zu befassen, der mit seinen ökonomischen und gesellschaftlichen Theorien für die einen ein Visionär ist, für die anderen die Symbolfigur eines weltfremden Sozialismus. Da passt es zeitlich natürlich sehr gut, wenn System Error quasi zeitgleich in den deutschen Kinos anläuft. Zwar widmet sich Regisseur Florian Opitz darin weniger dem Leben des Denkers. Dessen Geist weht aber anderthalb Stunden lang durch den Saal, schärfer und stärker denn je.

Den Beweis liefern die viele Zitate von Marx, die Opitz immer wieder einbaut. Gemeinsam ist ihnen ein Thema: Eine Gesellschaft, die nur von dem Wachstumsgedanken angetrieben ist, wird irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Aber stimmt das? Hören wir nicht jeden Tag, dass die Wirtschaft weiter wachsen muss? Wo keine Entwicklung, da gibt es nur Stillstand. Und wo Stillstand, bedeutet das letztendlich Rückschritt. Für alle Menschen. Wir werden unseren Lebensstandard nicht halten können, es droht bittere Armut – so die Aussage.

Argumente auf beiden Seiten
Opitz lässt einige zu Wort kommen, die genau diese These vertreten. Wenig überraschend setzen die sich aus Vertretern von Wirtschaft und Finanzen zusammen, gerne auch im Zusammenhang mit Börsen. Ebenso melden sich Leute, für die es auf der Hand liegt, dass Wachstum ins Unendliche auf einer endlichen Welt nicht möglich sein kann. Wir leben jetzt schon über unsere Verhältnisse, die Gier nach mehr wird früher oder später unser Untergang sein. Die Befürworter des ewigen Wachstums wären die Menschen, die den Kopf in den Sand stecken, so der Vorwurf. Oder, was noch schlimmer ist, sie wissen, dass der Kurs auf eine Katastrophe hinausläuft, wollen aber so lange davon profitieren wie nur möglich.

Argumente bringen beide an, auch wenn sie nicht alle von gleicher Qualität sind. Die einen bewegen sich eher auf einer intuitiven Ebene, andere manipulieren lieber, wissenschaftliche Themen werden ebenfalls gestreift. Auffällig ist, dass manch einer sich nicht wirklich aus der Deckung bewegen mag, durchaus aktuelle Vorgänge beschreibt, sich aber kein eigenes Urteil erlauben mag. Überraschend beispielsweise die Gegenfrage, ob es denn schlimm sei, dass der Mensch gar nicht alle Systeme kontrollieren könne.

Wenn zwei sich streiten, verzweifelt der dritte
Eine Antwort auf diese Frage liefert der Beitrag vom DOK.fest München 2018 nicht. Allgemein hat Opitz kein Interesse daran, aus den so divergierenden Meinungen die richtige herauszufiltern bzw. vorzugeben – wenngleich die Tendenz zur Wachstumskritik spürbar stärker ist. Was dem Film ein wenig fehlt, ist der direkte Austausch der konträren Seiten. Die Argumente und Ausführungen stehen mitten im Raum, ohne dass jemand etwas erwidert, sie bestärkt oder entkräftet, ihnen vielleicht auch einen Kontext gibt.

Als Zuschauer steht man dann ein wenig verloren herum, verlassen von beiden Seiten, unsicher, wohin die Reise denn nun gehen soll. Ob es überhaupt noch eine Reise geben wird oder das Ende nicht schon viel näher ist, als wir wahrhaben wollen. Als Impuls ist System Error daher schon wertvoll, der Dokumentarfilm lädt zumindest dazu ein, sich mit dem Thema und unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Die Gefahr ist aber groß, dass der Impuls im Anschluss schnell wieder verlorengeht und der Alltag unbeirrt weitergeht – bis es dann knallt oder auch nicht.

System Error
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System Error
Wachsen, wachsen, wachsen! Das ist das immer wieder verbreitete Credo von Wirtschaft und Politik. Aber stimmt das auch? Kann das in unserer Welt funktionieren? „System Error“ lässt Befürworter und Gegner dieser Weltsicht zu Wort kommen, vermeidet es jedoch, sich festzulegen oder auch einen Austausch der beiden Seiten zu fördern. Das bedeutet für das Publikum Denkanstöße, aber auch Verwirrung, was denn nun wirklich stimmt.
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