„Germania“, Deutschland, 2018
Regie: Lion Bischof; Musik: Matthias Lindermayr

Germania

„Germania“ // Deutschland-Start: 7. März 2019 (Kino)

Regisseur Lion Bischof präsentiert in seinem Dokumentarfilm Germania einen Kosmos, der Außenseitern grundsätzlich verschlossen bleibt. Der Corps Germania ist eine schlagende Studentenverbindung in München, in der junge Männer in strenger Hierarchie u.a. als „Füchse“ und „Drei-Farbige“ zusammenleben. Wenn sie nicht gerade im Hörsaal sitzen, verbringen sie ihre Zeit damit, Regeln auswendig zu lernen, Volkslieder einzustudieren, zu fechten und quasi nebenbei literweise Bier zu trinken. Für die Mitglieder bedeutet der Corps aber viel mehr als das. Hier hat man die Chance, vom Jungen zum Mann zu gedeihen.

Ein Blick hinter die Kulissen
Es ist kein Geheimnis, dass Studentenverbindungen in Deutschland außerhalb ihres Mitgliederkreises keinen sonderlich guten Ruf haben. Abgesehen von den brutalen Hobbies, der rabiaten Umgangsweise und den endlosen Saufgelagen stehen Verbindungen vor allem wegen ihrer in manchen Fällen rechtsradikalen Neigung immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Wirklich geheim ist dagegen, was innerhalb der Burschenschaft vor sich geht.

Der Corps Germania existiert seit ca. 150 Jahren und hält sich für gewöhnlich bedeckt, wenn es um publike  Äußerungen geht. In der Eröffnungsszene wird ein Bewerber durch das Corpshaus geführt und gelangt in eine Halle, deren Mauern mit steinernen Löwenköpfen geschmückt sind, die abwechselnd mit geöffnetem und geschlossenem Maul gemeißelt wurden. Wie der Corpsstudent erklärt, bedeutet dieser Wechsel einerseits die Meinungsfreiheit innerhalb der Verbindung und andererseits die Verschwiegenheit außerhalb der altehrwürdigen Gemäuer.

Lion Bischof, HFF-Absolvent und Dokumentarfilmregisseur, gelang es, in den inneren Kern der Verbindung vorzudringen, an Sitzungen und Veranstaltungen teilzunehmen, die schamvolle Exekution von Strafbieren und -liegestützen einzufangen und die erste Mensur mit der Kamera festzuhalten. Dabei lässt er weder in konkreten Kommentaren, noch in filmischen Stilmitteln durchschimmern, wie er zur Institution des Corps steht. Stattdessen stehen und wirken die Bilder für sich allein.

Worin liegt der Reiz?
Allein in den Gesichtern der jungen Männer erkennt man zuweilen die Folgen der  Erniedrigung und vielleicht sogar ein Aufblitzen des Zweifels. Die sich wiederholenden, stupiden Rituale und die unerbittliche mit Sadismus gespickte Hierarchie sind mehr als gewöhnungsbedürftig. Man fragt sich schließlich, wieso die Studenten einen derartigen Lebensstil rund um die Uhr mitmachen, bzw. überhaupt erst eingehen.

In Einzelinterviews sprechen die jungen Männer, die man im Laufe des Beitrags vom DOK.fest München 2018 kennenlernt, über Freiheiten, die günstigen Wohnmöglichkeiten, über die Zukunftschancen, die lebenslangen Freundschaften, aber vor allem über den Zusammenhalt. Dabei erkennt man hinter jedem einzelnen Gesicht einen Jungen, der sich verloren fühlt in der Welt und irgendwie, irgendwo nach Halt sucht. Gleichzeitig ist als Konsequenz des hierarchischen Systems ein starkes Elitedenken von überaus großer Bedeutung.

Germania
4.37 (87.37%) 38 Artikel bewerten

Germania
"Germania", ein überaus komplexer und in sich unparteiischer Dokumentarfilm, beobachtet die zumeist unbekannten, innerlichen Vorgänge einer schlagenden Studentenverbindung. Dabei lernt der Zuschauer die jungen Männer, die von der Kamera begleitet werden, sowohl von ihrer patriotisch nationalistischen, nach Männlichkeit eifernden Seite, als auch in ihrer jugendlichen Verletzlichkeit kennen.
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Über den Autor

Eine Antwort

  1. Herr W.

    Und wie so oft werden allesamt in einen Topf geworfen – Landsmannschaften, Corps, Burschenschaften, Turnerschaften, Sängerschaften, denn schließlich sind das ja alles „Verbindungen“. Dass man sich auch noch eins der verpöhnsten Corps herausgesucht hat, die selbst in der Verbindungsszene nicht eben gut gelitten sind, erklärt sich dann wohl von selbst.

    Schade eigentlich – ich habe tatsächlich auf eine faire Dokumentation gehofft. Die Aussage, man würde hier niemanden bloßstellen, ist beinahe schon lächerlich angesichts eines Trailers, bei dem ich mich vor Fremdschämen fast wegducken musste. Ich lese von einer Dokumentation, die in sich unparteiisch ist, und zeitgleich von einer Filmmusik, die in ihren queren Tönen perfekt die nationalistischen Gedanken wiedergibt und den Zuschauer – selbst ohne Kommentare! – genau drauf aufmerksam macht, wie seltsam und teils schon nationalistisch das Ganze doch anmutet. Und natürlich wird sofort von einem schlechten Apfel auf das ganze Fass geschlossen, denn jedermann weiß, dass ein fauler Apfel das ganze Fass verdirbt. Zumindest, wenn man jenen Apfel drin lässt.

    Natürlich gibt es rechte Verbindungen, und wer Gegenteiliges behauptet, lebt unter einem Stein oder hinterm Mond. Nur, warum kommt niemand mal auf den Gedanken, eine Dokumentation über eine Verbindung zu filmen, die nicht komplett in sich abgeschottet ist? Die nicht dem elitären Gedanken nachhängt, sondern sich offen gestaltet? Warum müssen Verbindungen stets im schlechtesten Licht dargestellt werden?

    Wahrscheinlich, weil es sich sonst nicht verkauft. Einen anderen Grund kann ich mir zumindest nicht denken.

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