„Un sac de billes“, Frankreich, 2017
Regie: Christian Duguay; Drehbuch: Christian Duguay, Benoît Guichard, Alexandra Geismar, Jonathan Allouche
Vorlage: Joseph Joffo; Musik: Armand Amar

Darsteller: Dorian Le Clech, Batyste Fleurial, Patrick Bruel, Elsa Zylberstein

Ein Sack voll Murmeln DVDParis, 1941: Bislang war es für Familie Joffo immer glimpflich ausgegangen. Doch auch sie merkt, dass die Situation für Juden in der französischen Hauptstadt immer brenzliger wird. Die Anfeindungen nehmen zu, ebenso die Einschränkungen im täglichen Leben. Und das scheint nur der Anfang zu sein, wenn man den Gerüchten Glauben schenkt. Also steht der Entschluss fest, in den Süden des Landes zu fliehen, der von den Italienern besetzt ist. Eine gemeinsame Reise der sechsköpfigen Familie erscheint Roman (Patrick Bruel) und Anna (Elsa Zylberstein) aber als zu gefährlich. Besser ist es, wenn sie alle getrennte Wege gehen, um sich in Nizza wiederzutreffen. Vor allem für die beiden Jüngsten Joseph (Dorian Le Clech) und Maurice (Batyste Fleurial) ist dies hart. Ganz ohne ihre Eltern müssen sie sich allein durchs ganze Land schlagen und darauf hoffen, unerkannt zu bleiben.

Schon einmal wurde der gleichnamige autobiografische Roman verfilmt, in dem Joseph Joffo seine Erfahrungen als junger Jude im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkriegs verarbeitete. 1975 war das, zwei Jahre nach Erscheinen des Buches. Ob es zwangsweise eine Neuverfilmung gebraucht hätte, ist in einem solchen Fall immer fraglich. Schließlich lässt sich an der Geschichte nur wenig aktualisieren. Andererseits ist es eine gute Geschichte, eine erzählenswerte Geschichte, die den Schrecken des Holocausts durch die Augen zweier Jungen wiedergibt. Dabei lässt sich nicht nur viel über die damalige Zeit lernen. Grundsätzliche Überlegungen zu Mut und Opferbereitschaft, die funktionieren heute so gut wie damals.

Urlaubsgefühl inmitten des Kriegsschreckens
Schön sind die Bilder, die uns der kanadische Regisseur Christian Duguay und sein Filmteam von der Odyssee mitgebracht hat. Die idyllischen Aufnahmen in Paris, das Urlaubsgefühl im Süden, dazwischen jede Menge freundlicher Naturzauber. Streckenweise vergisst man in Ein Sack voll Murmeln, dass überhaupt Krieg herrscht. Dass die zwei Jungs nicht einfach nur die Sommerferien für eine Rundreise nutzen. Das könnte der eine oder andere als befremdlich empfinden. Als verharmlosend. Die Millionen von Juden, die während dieser Jahre barbarisch ermordet wurden, sie finden hier kein visuelles Pendant. Es ist nicht einmal so, dass dieser Kontrast aus Idylle und Terror à la Das Leben ist schön effektiv genutzt würde.

Und doch ist es nicht zwangsweise ein Versäumnis der französischen Produktion, eine etwas eigene Sicht der Dinge zu entwickeln. Zum einen richtet sich der Film eben auch an Kinder, soll ihnen behutsam vor Augen führen, was es damals bedeutete, Jude zu sein. Die meisten schlimmen Ereignisse finden unbeachtet von der Kamera statt, weshalb Ein Sack voll Murmeln durchaus auch für den Schulunterricht oder einen gemeinsamen Videoabend mit der Familie geeignet sind. Und die eine oder andere intensive Szene gibt es ja auch hier. Eine der bewegendsten ist die, wenn Vater Roman seine beiden Kinder vorzubereiten versucht auf die große Reise. Andere Abschnitte schaffen es zumindest, gut Spannung zu erzeugen.

Die kindliche Sicht auf eine grausame Welt
Die vermeintliche Harmlosigkeit ist aber auch aus einem anderen Grund angemessen: Ein Sack voll Murmeln ist keine Abbildung des Holocausts, sondern die Geschichte zweier Kinder, die keine Ahnung von den Vorkommnissen haben. Die sich einen Spaß draus machen, deutsche Soldaten in einen jüdischen Friseursalon zu lotsen. Die einen Judenstern für den titelgebenden Sack voll Murmeln verkaufen, ohne sich dessen Bedeutung bewusst zu sein. Die Reise durch Frankreich, sie gleicht daher auch der Reise ins Erwachsenenalter. Eine Reise, die viele Erkenntnisse mit sich bringen wird, rührende wie erschreckende Begegnungen.

Teils gönnt sich der Film da Abkürzungen. Manche Abschnitte werden so schnell abgehakt, dass das zeitliche Gefühl völlig verlorengeht. Über vieles erfährt man auch kaum etwas. Die beiden älteren Brüder? Wir wissen, dass es sie gibt. Sie spielen in der Erzählung aber keine Rolle. Und doch sind es eben diese Familienmomente, die den Kindern Kraft geben. Die einem auch als Zuschauer zu Herzen gehen. Vor allem die Szenen der beiden Jungs, wie sie herumalbern und sich gegenseitig Halt geben, sind unglaublich rührend und charmant von den beiden Nachwuchsdarstellern gespielt. Ein Sack voll Murmeln erinnert daran, dass solche Szenen des Glücks vielleicht gewöhnlich, aber eben doch nicht selbstverständlich sind. Und daran darf man doch gern auch mehrfach erinnert werden.

Ein Sack voll Murmeln
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Ein Sack voll Murmeln
Die Buchverfilmung „Ein Sack voll Murmeln“ erzählt die Geschichte zweier jüdischer Jungen, die 1941 allein in den Süden Frankreichs reisen, um sich dort in Sicherheit zu bringen. Das ist erstaunlich harmlos, versteckt die Schrecken des Holocausts hinter schönen Bildern. Gleichzeitig macht das das Drama aber auch sehenswert, denn hier sehen wir alles durch die Sicht zweier Kinder, die sich nach ihrer Familie sehnen und gar nicht genau verstehen, was da vor sich geht.
7von 10

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