„Playing God“, Deutschland, 2017
Regie: Karin Jurschick; Drehbuch: Karin Jurschick, Birgit Schulz; Musik: Han Otten

Playing God

„Playing God“ läuft ab 8. Februar 2018 im Kino

Wonach bemisst man den Wert eines menschlichen Lebens? Ist es der soziale Standard? Beruflicher Erfolg? Die familiäre Situation? Oder vielleicht doch Gesundheit? Es sind spannende Fragen, über die wir wenn aber nur hypothetisch nachdenken wollen. Schwierig wird es, sobald wir gezwungen sind, dies für bare Münze zu nehmen. Ken Feinberg tut dies beruflich. Als Anwalt und Mediator ist er unterwegs, um Deals auszuhandeln, wenn Menschen entschädigt werden müssen oder sollen. Es ist eine erfüllende Aufgabe, eine wichtige Aufgabe. Aber auch eine, die dem inzwischen 70-Jährigen einiges abverlangt hat.

Einer seiner bedeutendsten, aber auch kontroversesten Fälle war, als Feinberg für die vielen Opfer Entschädigungssummen festlegen musste, die bei den Anschlägen an 9/11 ums Leben kamen. Bitter und unverständlich für viele: Berechnungsgrundlage war das voraussichtliche Einkommen, was die Verstorbenen bei einer normalen Lebenserwartung angesammelt hätten. Junge Menschen hätten demnach mehr gebracht als alte, ein Banker ist finanziell bedeutender als ein einfacher Angestellter. Aber ist das auch fair? Wie kann es sein, dass ein Feuerwehrmann kurz vor der Rente, der bei dem Versuch starb, anderen das Leben zu retten, so wenig wert ist?

Regeln sind für alle da
Feinberg stellt diese Fragen nicht, er hält sich an die Vorgaben des Kongresses. Er tut dies vermutlich auch aus Selbstschutz, denn Playing God zeigt, dass ihm das Schicksal der zu beziffernden Toteten durchaus naheging. Er tut dies aber auch, weil er ein Mann ist, der an Gesetze glaubt. An Regeln. Er mag diese nicht festgelegt haben, aber er sieht sich in der Pflicht, diese einzuhalten und das Beste daraus zu machen. Karin Jurschick, die ihn für ihre Dokumentation einige Zeit begleitet hat, stellt diese Fragen ebenfalls nicht, zumindest nicht direkt. Aber sie lässt auch Menschen zu Wort kommen, die unglücklich sind über die ausgehandelten Ergebnisse, die sich übergangen fühlen, ungerecht behandelt.

Das Verfahren um 9/11 ist das stärkste Einzelthema des Films, da hier ganz existenzielle Überlegungen zum Wert eines Lebens aufgedrängt werden. Aber auch die beiden anderen sind gesellschaftlich relevant. In dem einen Fall geht es um geplante, sehr drastische Kürzungen von Renten in Folge der demografischen Entwicklung. In dem anderen wurde Feinberg beauftragt, Opfer der Ölkatastrophe auf der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko anzuhören und sie zu entschädigen. Einfache Fischer, die nun im Meer nicht mehr genügend fangen, um davon leben zu können.

Die schwierige Frage nach den konkreten Schaden
Aber sind die verschwundenen Austern und dezimierten Shrimps Folge dieses Vorfalls? Gibt es eventuell andere Gründe? Und wie sollen die Fischer beweisen, dass sie konkrete Ausfälle haben? So ganz ohne Buchhaltung und Steuerberater? Playing God zeigt hier die andere Seite Feinbergs, kühl und unnachgiebig. Die Doku zeigt aber auch, dass es hier keine einfachen Antworten gibt, sie vielleicht auch gar nicht geben kann. Trotz des eher trockenen und für uns fremden Themas – die drei großen Fälle betreffen fast ausschließlich die USA –, es ist spannend, was Jurschick hier in ihren Film gepackt hat. Sie gibt uns die Möglichkeit, zwingt uns fast dazu, über diese Fragen nachzudenken und macht dabei eben auch den Unterschied zwischen hypothetischen und konkreten Überlegungen deutlich.

Playing God
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Playing God
Bei Unglücken verstorbene Menschen, Rentner, die vor dem Nichts stehen, Fischer, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde – Ken Feinberg tritt als Vermittler zwischen den Opfern und dem Staat bzw. Unternehmen auf. Das ist eine schwierige Aufgabe, so wie die Doku allgemein schwierige, fast unmöglich zu beantwortende Fragen zum Thema Entschädigung von Opfern stellte. Doch genau das macht „Playing Ground“ zu einem sehenswerten Film, über den man viel nachdenken kann und muss.
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