(OT: „Le Fils de Jean“, Regie: Philippe Lioret, Frankreich/Kanada, 2016)

Die kanadische Reise

„Die kanadische Reise“ läuft ab 14. Dezember 2017 im Kino

Der 33-jährige Mathieu (Pierre Deladonchamps) arbeitet für einen Tiernahrunghersteller in Paris, versucht sich nebenher als Autor und dabei vor lauter Arbeit seinen Sohn nicht zu vergessen, der seit der Scheidung bei seiner Ex-Frau lebt. Da erhält er einen unerwarteten Anruf: Sein Vater, den er nie gekannt hat, ist in Montreal gestorben, und soll ihm ein Päckchen hinterlassen haben. In der Hoffnung mehr über ihn zu erfahren, reist er daraufhin nach Kanada, um an der Beerdigung teilzunehmen. Dabei lernt zu zunächst Pierre (Gabriel Arcand) kennen, den besten Freund seines Vaters, dann Angie (Marie-Thérèse Fortin) und Bettina (Catherine de Léan), die Frau und die Tochter von Pierre. Während die drei sehr hilfsbereit sind, steht der schwierigste Teil noch bevor: Mathieus Halbbrüder Sam (Pierre-Yves Cardinal) und Ben (Patrick Hivon). Denn die wissen gar nichts von seiner Existenz.

Ein Familienmitglied stirbt, der Rest strömt aus dem ganzen Land zusammen, um es zu beerdigen und sich wiederzufinden – dieses Szenario erfreute sich zuletzt wieder großer Beliebtheit. Ob dies nun auf der großen Oscarbühne stattfindet (Manchester by the Sea) oder in einem kleinen nepalesischen Dorf (White Sun), das Prinzip ist immer ähnlich. Alte Geschichten werden ausgegraben, alte Wunden versorgt, beim Erinnern an den Verstorben dürfen alle darüber nachdenken, wer sie selbst sind und was sie alles so im Leben verbockt haben.

Komplexe Spurensuche im Schatten
In Die kanadische Reise, das von einem Roman des französischen Schriftstellers Jean-Paul Dubois inspiriert wurde, geht der Weg in eine andere, geradezu entgegengesetzte Richtung. Nicht nur, dass der Protagonist hier nicht in die Heimat zurückkehrt, sondern das erste Mal ins Ausland fährt. Es geht auch weniger um ihn selbst als vielmehr den reichen, überaus komplexen Familienkosmos, in den dieser da eintaucht. Le Fils de Jean lautet der Film im Original, Der Sohn von Jean. Auch wenn wir diesem Jean nie persönlich begegnen werden, so liegt sein Schatten doch über all den Menschen, die im Laufe der anderthalb Stunden hier vorbeikommen. Und erst nach und nach, während Mathieu nach Antworten sucht, werden in dem Schatten Schemen deutlich, werden aus bloßen Anhängseln Individuen.

Aber wie das nun mal so ist, wenn man im Schatten herumstöbert: Dann und wann findet man etwas, von dem man ganz froh gewesen wäre, es wäre im Schatten verborgen geblieben. Annäherung und Zuspruch warten auf Mathieu, aber eben auch Ablehnung, gar Feindseligkeit. Und das eine oder andere unausgesprochene Geheimnis. So etwas kann schnell nach hinten losgehen, die diversen Verstrickungen und persönlichen Dramen sind thematisch Seifenopern nicht so unähnlich. Wo Letztere diese Enthüllungen aber ausschlachten und große dramatische Momente ins Publikum prügeln wollen, da ist Die kanadische Reise sehr zurückhaltend. Laut wird es hier nur selten, manche Auseinandersetzung findet versteckt in Halbsätzen statt – auch weil viele nicht gelernt haben, offen miteinander zu reden. Oder in Streitigkeiten, die etwas anderes bedeuten, als sie gerade sagen.

Nichtssagend und doch nuanciert
Aber gerade dieses Nicht-Sagen macht Die kanadische Reise so spannend. Nach und nach tasten wir uns an der Seite von Mathieu vor, müssen erkennen, dass vieles in Wahrheit einfach komplizierter ist, als wir es gern hätten. Er selbst bleibt ein bisschen außen vor, kommt besser weg als die anderen Männer im Film. Mit einer gescheiterten Ehe und dem nicht ganz glatt laufenden Leben sind aber ebenfalls leichtere Schattierungen zu erkennen. Die werden auch dank Pierre Deladonchamps deutlich, der so wie Gabriel Arcand immerhin für einen César nominiert war. Ihre nuancierten Darstellungen verschmelzen zusammen mit den komplexen Beziehungen und den schönen Bildern zu einem wunderbaren Drama, das zum Ende hin auch berührt, ohne dabei seinen ruhigen, unaufgeregten Charakter aufzugeben.

Die kanadische Reise
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Die kanadische Reise
Ein Franzose reist ins ferne Kanada, um mehr über seinen verstorbenen Vater zu erfahren. Das ist weniger geradlinig, als man erwarten könnte, auch der komplexen Beziehungen zwischen den Personen wegen. Die unaufgeregte Erzählweise und die nuancierten Darstellungen runden das sehenswerte Drama ab.
8von 10

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