(OT: „Drugelio miestas“, Regie: Olga Cernovaite, Belgien/Dänemark/Irland/Litauen, 2017)

Butterfly City

„Butterfly City“ läuft im Rahmen der 59. Nordischen Filmtage Lübeck (1. bis 5. November 2017)

Derzeit streiten die designierten Koalitionspartner der Jamaika-Bundesregierung ja so ziemlich über alles. Einer der vielen Knackpunkte: die Kohlekraftwerke. Während die Grünen aus Umweltgründen ein schnelles Ende fordern, denken die anderen Parteien lieber an die dort arbeitenden Menschen. Sind ja schließlich alles potenzielle Wähler. Ein Glück, wer bei der Entscheidungsfindung keine Rücksicht auf die Popularität nehmen muss. Wie die EU. Als es seinerzeit darum ging, dass Litauen auch in den Club aufgenommen werden wollte, war eine der vielen Auflagen, ein Atomkraftwerk zu schließen – nach der Tschernobyl-Katastrophe war das Risiko einfach zu groß.

Verständlich war die Entscheidung schon, kaum einer würde sie wohl ernsthaft heute noch anfechten. Für die Bewohner von Visaginas war sie jedoch eine Katastrophe. Natürlich leidet jede Stadt, sobald eine große Industrie oder ein bedeutendes Unternehmen sich verabschiedet. Hier sind die Auswirkungen jedoch noch gravierender: Das Atomkraftwerk war Visaginas, die Stadt wurde in den 70ern gegründet, um die Angestellten des Werks unterzubringen. Was passiert nun mit einer Retortenstadt, deren eigentlicher Zweck nicht mehr gegeben ist? Was passiert mit den Menschen?

Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Das ist einer der beiden großen Punkte, die Butterfly City inhaltlich bestimmen. Der Dokumentarfilm nimmt uns mit auf eine Reise durch die Stadt, spricht mit Leuten über die Vergangenheit und die Zukunft, wirft auch einen Blick auf das Werk. Ein Gute-Laune-Film ist das dann natürlich nicht. Ein bisschen gespenstisch ist es schon, wie Visaginas weitermacht, ohne ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben. Und es ist traurig. Gleichzeitig ist es aber auch eine Geschichte des Trotzes, denn nicht alle haben vor, ihre Heimat, deren Form einem Schmetterling ähnelt, einfach so aufzugeben.

Aber was bedeutet Heimat eigentlich? Das ist das zweite Thema, das Regisseurin Olga Cernovaite hier umtreibt. So wie sie sind viele Bewohner der Stadt in Litauen geboren, aber mit starken russischen Wurzeln. Tatsächlich wird in Visaginas auch russisch gesprochen, ein Überbleibsel der Zeit, als Menschen aus 15 UdSSR-Staaten hierherzogen, um in dem Atomkraftwerk zu arbeiten. Letzteres verschwindet derzeit zwar nach und nach, die multinationale Bevölkerung ist aber geblieben. Als Folge stellen sich viele hier die Identitätsfrage. Was vorher vorgegeben war, hat seine Gültigkeit verloren, ein wirklicher Ersatz ist aber nicht in Sicht.

Die Suche nach der Identität
Auch deshalb ist Butterfly City, welches die Woche bei den Nordischen Filmtagen Lübeck seine Deutschlandpremiere feiert, sehenswert. Die wachsende Animosität zwischen der litauischen und der noch immer anwesenden russischen Bevölkerung hat viel mit der außenpolitischen Lage zu tun, mit dem Ukraine-Konflikt beispielsweise. Die nationale Selbstbestimmung ist jedoch ein Thema, das auch außerhalb von Visaginas von Relevanz ist. Wenn die Welt zusammenrückt und die Grenzen verschwinden, was bleibt dann von der eigenen kulturellen Identität? Dass auch hierzulande die Menschen Angst davor haben, das haben jüngste Wahlergebnisse gezeigt. Eine Lösung dafür hat natürlich auch Cernovaite nicht, der Anspruch, etwas zur Verständigung beitragen zu wollen, ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Zumindest aber ist ihr mit der Dokumentation ein Film geglückt, der bei aller rückwärtsgewandten Wehmut auch sehr aktuell ist.

Butterfly City
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Butterfly City
Ein litauisches Atomkraftwerk soll verschwinden. Was aber bedeutet das für die Menschen, die in der eigens hierfür gebauten Stadt leben? „Butterfly City“ wirft einen Blick zurück auf eine Gemeinschaft ohne Perspektive, wird beim Thema des internationalen Zusammenlebens gleichzeitig sehr aktuell.
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