Homosexualität? Das war in Finnland nach dem Zweiten Weltkrieg streng verboten. Wer sich dennoch dabei erwischen ließ, musste mit Misshandlungen oder Gefängnis rechnen. Auch um seinen Fantasien freien Lauf zu lassen, begann Touko Laaksonen, homoerotische Zeichnungen von starken Männern anzufertigen. In Tom of Finland (Kinostart: 5. Oktober 2017) erzählt Dome Karukoski die wahre Geschichte eines Mannes, der durch sexuelle Bilder ungeplant zu einem Vorkämpfer für die Gleichberechtigung Homosexueller wurde. Wir haben den finnischen Filmemacher vorab getroffen, ihn zu seinem neuen Werk und dem heutigen Einfluss seines Landsmannes befragt.

In deinem neuen Film Tom of Finland erzählst du die Geschichte von Touko Valio Laaksonen, der mit erotischen Zeichnungen zur Ikone der Schwulenbewegung wurde. Wie ist das Projekt entstanden?
Wir haben 2011 mit dem Autor Aleksi Bardy an dem Projekt begonnen. Wir kannten natürlich alle die Zeichnungen. Aber bis zu seinem Tod 1991 schaffte er es, seine wahre Identität als Geheimnis zu bewahren. Nur eine kleine Gruppe innerhalb der Kunstcommunity wusste, wer er war. Das fand ich interessant, als ich jung war. Seine Lebensgeschichte ist zudem absolut filmreif. Die Explosivität seiner Zeichnungen in einer Zeit, als Homosexualität noch illegal waren. Der Mut, den er aufbringen musste. Die Bilder wurden zum Ausdruck freier Meinungsäußerung. Aber auch die Freiheit, du zu sein. Das war Teil unserer Motivation. Zumal das Thema ja immer noch relevant ist, wenn du dir die Türkei anschaust, wo Schwule weggesperrt wurden. Und das ist ein Land, wo ihr Deutsche oder wir Finnen Urlaub machen. Deswegen brauchen wir solche Filme, die den Menschen Mut machen.

Heute muss man nach Schwulenpornos nicht mehr lange suchen. Warum ist die Geschichte von damals für die Menschen von heute noch relevant?
Man muss das natürlich in den historischen Kontext stellen. Als er anfing, war es nicht mehr als ein Porno. Doch je mehr er sich damit beschäftigte, umso politischer wurde das Thema. Man darf es eben nicht nur auf einen Porno reduzieren. Es geht auch um Stolz, um Freude, Freiheit. Das war der Kern von allem. Wenn du dir Pornos anschaust, dann ist da oft das Element der Erniedrigung, von Machtspielen. Die Art und Weise, wie junge Mädchen und Jungs in Pornos zum Sex gedrängt werden, das ist schon oft nahe an der Vergewaltigung. Seine Zeichnungen waren aber so, dass jeder mit ihnen Spaß haben konnte, selbst wenn man den Fetisch nicht teilte. Seine Figuren sind glücklich, sie lächeln, sie sind stolz auf sich und ihre Körper. Ein weiterer Punkt ist die Kunstfertigkeit seiner Zeichnungen. Sie haben Jahre lang versucht, einen Nachfolger für ihn zu finden und die Reihe fortzusetzen, aber das war einfach unmöglich. Niemand ist so akribisch bei der Arbeit wie er. Er hat damals einen ganzen Tag nur mit dem Kopf seiner Figuren verbracht. Und für das komplette Bild brauchte er eine Woche. Die Liebe zum Detail und die Arbeit an den Schatten, die macht die Bilder auch künstlerisch wertvoll. Heute siehst du Mädchen herumlaufen mit Shirts von Tom of Finland. Weil es als cool gilt.

Ist er immer noch berühmt?
Er ist berühmter denn je. 2014 hat er seine eigene Briefmarke bekommen. Für die Konservativen war das natürlich ein Riesenskandal. Wie konnte die Regierung das auch noch öffentlich fördern? Heute gibt es auch eine Kaffeemarke und eine Wodkamarke mit ihm. Und auch im Ausland ist er sehr bekannt. Als ich vor einiger Zeit in Brasilien war, bekam ein Kerl mit, dass wir einen Film über Tom drehen, was in einer sehr hitzigen Debatte endete. Aber es hat lange gedauert, bis er diese Anerkennung bekam. Darauf hatte er immer gehofft, eines Tages anerkannt zu werden. Er wäre vermutlich sehr stolz auf die Briefmarke und den Film gewesen. Er hat auch ein sehr erfülltes und aufregendes Leben gehabt. Die ganzen verrückten Dinge, die wir im Film erzählen, die sind ja alle wirklich passiert. Die Leute schätzen das auch, dieses filmreife Leben. Er ist ja auch für die Geschichte bekannt geworden, nicht nur für die Zeichnungen. Für seine Kämpfe gegen Unterdrückung.

Tom of Finland

Touko Laaksonen (Pekka Strang) aka Tom of Finland fertigte in den 40ern/50ern illegale Schwulenbilder an und wurde damit zu einem Vorreiter der LGBT-Bewegung.

Denkst du, dass die Menschen von heute diese Kämpfe überhaupt noch nachvollziehen können? Die Situation heute ist ja eine ganz andere.
Finnland ist heute natürlich eine sehr liberale Gesellschaft. Aber es gibt immer noch 16-Jährige, die unter Schwulenwitzen zu leiden haben. Weil die Umgebung eben größtenteils heterosexuell ist. Und wenn du anders bist, wirst es immer eine Form von Unterdrückung geben. Sogar körperliche Unterdrückung. Die LGBT-Kinder sind immer noch die Kinder, die an Schulen am meisten gemobbt werden. Es gibt also immer noch genügend, die sich darin wiederfinden werden. Gerade auch in Tschetschenien oder der Türkei zum Beispiel. Der Kern unseres Films ist die Freiheit, darum geht es. Deswegen ist es kein rein historischer Film für mich.

Werden homosexuelle Menschen denn jemals völlig frei sein?
Es wird sehr lange dauern, weil da immer die Angst vor der Andersartigkeit sein wird. Die wird nur schwer zu überwinden sein. Deswegen müssen wir an der Wahrnehmung arbeiten. Homosexuelle dürfen erst gar nicht als anders wahrgenommen werden. Und dafür braucht es Filme wie unseren, es braucht die Briefmarken, es braucht Bücher, Geschichten und Idole. Ich bin sicher, dass in dem Moment, in dem wir darüber reden, irgendwo in einer kleinen Stadt in Deutschland ein schwuler Junge geschlagen oder belästigt wird.

Ist diese Angst vor der Andersartigkeit Teil der menschlichen Natur oder wurde sie uns beigebracht?
Es ist beides, denke ich. Zum Teil ist sie menschliche Natur. Zum Teil ist sie das Ergebnis von Moralisierung durch die Gemeinschaften oder die Kirche. Du kannst das nur schwer verallgemeinern. Wir haben sechs Milliarden Menschen, die alle ein wenig anders funktionieren. Du musst einfach versuchen, das alles zu normalisieren. Das haben wir auch mit dem Film versucht. Der Film sollte nicht predigen. Du kannst an „Tom of Finland“ auch deinen Spaß haben, wenn du die Zeichnungen selbst nicht magst.

Tom of Finland

A different kind of gay: Mit seinen muskulösen Männerzeichnungen widersetzte sich Tom of Finland den damals gängigen Schwulenklischees.

Tom hat ja sehr maskuline Männer gezeichnet, mit breiten Körpern und riesigen Muskeln. Aber so sehen ja die wenigsten Leute aus. Was ist mit den jungen Schwulen, die sich nicht in diesen Figuren wiederfinden?
Das war damals auch eine Reaktion auf die Klischees über schwule Männer. Den Klischees nach hatten Schwule dünne Stimmen und waren schmal, eher weiblich. Er wollte seine Fantasie eines anderen Männertyps zeichnen. Was wir in dem Film zeigen wollten, war dass es viele Typen von Schwulen gibt. Auch ganz dünne. Oder dicke. Wenn du dir die Leute im Film anschaust, das sind ja nicht alle Toms Männer. Du sollst dich eben nicht schlecht fühlen, wenn du nicht so aussiehst, als ob du gerade aus dem Fitnessstudio gekommen wärst. In Toms Augen waren alle Männer schön.

Wir haben viel über Tom of Finland, den Künstler, gesprochen. Aber wie war der Mann hinter dem Pseudonym? Wir würdest du Touko Valio Laaksonen beschreiben?
Für mich war er immer so etwas wie der James Bond der Schwulen. Er hat sich niemals für seine Sexualität geschämt. Viele Klischees bei Schwulen drehen sich darum, dass du dir unsicher bist und eine schwierige Beziehung zu deinem Vater oder der Mutter hast. Touko wusste früh, dass er schwul ist, und ist auch losgezogen, um sich Männer zu suchen. Er war natürlich vorsichtig, weil es nun mal illegal war. Der zweite Punkt war, die Schwächen in ihm zu finden. Denn ein Mensch ohne Schwächen ist als Protagonist wenig spannend. Er wurde immer als freundlich und großzügig beschrieben. Als hilfsbereit. Während wir recherchiert haben, haben wir aber herausgefunden, dass er jähzornig sein konnte – ein typischer Künstler eben. Er konnte aber auch sehr lustig sein, mit einem Gespür für Selbstironie. Der Schwerpunkt sollte Freude und Stolz sein, nicht Schande.

Mit der Schwester war das aber offensichtlich nicht so einfach. Die reagiert nur wenig erfreut auf seine Bilder. Und stolz war sie wohl auch nicht.
Das stimmt. Aber auch da braucht es wieder den historischen Kontext: Sie war eine Frau in den 40ern und 50ern. Da war es natürlich schwierig zu akzeptieren, dass dein Bruder schwul ist. Aber sie hat es irgendwann akzeptiert und hat sich auch mit Veli angefreundet. Sie sind dann zu dritt herumgereist. Sie hat nie geheiratet oder hat Kinder bekommen. Tom und Veli waren ihre Liebhaber gewissermaßen. Mit seiner Arbeit konnte sie jedoch nie etwas anfangen. Selbst als Toms Zeichnungen im Museum of Modern Art angenommen wurden, bleiben sie für sie Pornos. Vielleicht war sie auch ein wenig eifersüchtig. Sie arbeitete auch in der Werbung, fand aber nie die Beachtung ihres Bruders. Sie hatte ja selbst damit zu kämpfen, als Frau in einer patriarchischen Welt unterdrückt zu werden. Unterdrückung kann viele Formen annehmen. Umso wichtiger ist es, solche Geschichten zu erzählen und anderen Mut zu machen.

Dome Karukoski wurde am 29 Dezember 1976 in Nicosia, Zypern geboren. Mit fünf Jahren zog der Sohn einer finnisch-schwedischen Mutter und eines amerikanischen Vaters nach Finnland. 1999 begann er sein Regiestudium an der University of Art and Design Helsinki, ohne jemals eine Kamera in der Hand gehalten zu haben. Sein erster Film Beauty and the Bastard handelte 2006 von jungen Finnen, die zwischen Karriere und alternativen Lebensstilen gefangen sind. Das Biopic Tom of Finland über die gleichnamige Schwulenikone ist sein sechster Film. Derzeit arbeitet er an einem neuen Film über den englischen Autor J. R. R. Tolkien. Karukoski ist verheiratet und Vater eines Sohnes.
Dome Karukoski [Interview]
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