(OT: „The Limehouse Golem“, Regie, UK, 2016)

The Limehouse Golem

„The Limehouse Golem“ läuft ab 31. August 2017 im Kino

Spannend ist die Aufgabe sicherlich, aber auch hart: Ein brutaler Serienmörder treibt im Londoner Bezirk Limehouse sein Unwesen und Inspektor John Kildare (Bill Nighy) soll ihn fassen. Aber wie? Richtige Hinweise gibt es nicht, auch kein erkennbares Motiv. Nach welchen Kriterien sich der Golem – so wird der Mörder bald von den Anwohnern getauft – seine Opfer sucht, auch das ist ein Mysterium. Da trifft er auf die ehemalige Schauspielerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die ihren Mann John (Sam Reid) vergiftet haben soll, sowie den Bühnendarsteller Dan Leno (Douglas Booth), die irgendwie mit den Morden in Verbindung zu stehen scheinen. Aber auch eine Reihe großer Männer stehen bald auf der Liste der Verdächtigen.

Dutzende von Filmen hat Billy Nighy in seiner bald 40 Jahre dauernden Karriere bereits gedreht. Von den vielen Serien ganz zu schweigen. Dass er so kurz in Folge gleich in zwei Werken auf der großen Leinwand brilliert, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, das war dann dennoch nicht zu erwarten. Erst zeigte er sich in Ihre beste Stunde als wundervoll eingebildeter Schauspielschnösel als echter Szenendieb, nun überzeugt er vor einer ebenfalls historischen Kulisse als nüchterner Polizist, der sich einem echten Alptraum stellen muss.

Mördersuche vor toller Kulisse
Der „Star“ des Films ist hier aber in erster Linie die Kulisse: Der spanische Regisseur Juan Carlos Medina (Painless – Die Wahrheit ist schmerzhaft) lässt in seinem zweiten Spielfilm ein oft bemühtes, aber immer wieder gern gesehenes London wiederauferstehen. Ein London voller dunkler Gassen und dunkler Geheimnisse, durch die dichter Nebel wabert und jeder Schritt dein letzter sein kann. Jack the Ripper taucht in der Adaption von Peter Ackroyds Roman zwar nicht auf, dessen Seelenverwandter ist aber nicht minder brutal – weshalb The Limehouse Golem dann auch bei den Fantasy Filmfest Nights gut aufgehoben war.

Unheimliche Stellen gibt es hier dann auch einige. Da wären die Szenen, in denen Kildare und sein junger Kollege George Flood (Daniel Mays) durch gefährliche Hinterhöfe schleichen, immer auf der Suche nach der nächsten Spur. Da sind vor allem aber auch die Momente, in denen vergangene Verbrechen rekonstruiert werden. Erzählt von verfremdeten Stimmen, umrahmt von surrealen Alpträumen erinnert uns Medina daran, dass eine Zeit lang Spanien eine sehr ergiebige Quelle des Schreckens war.

Spannung aus der Ferne
Und doch ist The Limehouse Golem etwas anders, als man es erwarten würde. Die Mordszenen selbst werden nicht gezeigt, nur vorgestellt. Die Schockmomente werden dadurch abgemildert, die Verbrechen wirken weit entfernt. Oftmals sind sie auch gar nicht das Entscheidende im Film: Immer wieder geraten die Ermittlungen ins Hintertreffen, wenn wir mit Elizabeth in ihre Vergangenheit zurückkehren und wir dabei gleichzeitig die Welt der Bühnen kennenlernen. Die ist großartig dargestellt, sprüht vor Leben und Details, so wie alles in dem Film sehr gut aussieht. Zudem profitieren die Passagen sehr von den spielfreudigen Darstellern, darunter Eddie Marsan als zwielichtiger Clubbesitzer oder die hinterhältige Akrobatin Aveline Ortega (María Valverde).

So prachtvoll diese Auftritte sind, so dicht die Atmosphäre da draußen auf den Straßen – rundum überzeugend ist The Limehouse Golem nicht. Die ambitionierte Erzählstruktur, in der ständig zwischen den Zeiten hin und her gesprungen wird, zwischen rückwärtsgewandtem Bericht, direktem Erlebnis und Illusion, fordert sicher, kann die Schwächen in der Geschichte aber nicht ganz ausgleichen. Die einzelnen Ermittlungsschritte erfolgen oft willkürlich, sind manchmal zu kurz, an anderen Stellen zu gemächlich. Krimifreunde werden zwar mit der einen oder anderen Wendung belohnt, eine richtige Entwicklung sieht aber anders aus, der Fall kommt nie so recht in die Gänge. Wem es mehr auf das Drumherum als aufs Rätselknacken ankommt, der darf sich dennoch auf diesen Film einlassen, sich von einer Stimmung anstecken lassen, die zwischen aufgekratzt-farbenfroh und bedrohlich-morbide schwankt. Die in einer auf Schnelligkeit fixierten Kinolandschaft auch wohltuend altmodisch ist.

The Limehouse Golem
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The Limehouse Golem
Ein Serienmörder treibt im London des späten 19. Jahrhunderts sein Unwesen: Das verspricht viel Nebel, viel Schatten, viel Spannung. „The Limehouse Golem“ erfüllt dieses Versprechen zum Teil, geht aufgrund der farbenfrohen Ausflüge in die Künstlerwelt und der eigenwilligen Erzählweise aber auch eigene Wege. Atmosphärisch ist das sehr gut, auch an den Darstellern ist nichts auszusetzen. Der eigentliche Fall kommt aber nie so wirklich in die Gänge.
6von 10

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