(OT: „Chavela“, Regie: Catherine Gund/Daresha Kyi, USA, 2017)

Chavela

„Chavela“ läuft ab 17. August 2017 im Kino

Selbstbewusst sitzt sie da: Eine kleine, alte Frau im schmucklosen Hemd, das graue Haar zum praktischen Kurzhaarschnitt getrimmt, die dunklen Augen hinter einer großen Sonnenbrille verborgen. Chavela Vargas steht 1991 einer Runde Frauen Rede und Antwort – eine Berühmtheit, eine mexikanische Heldin, eine gefeierte Sängerin.

Die Regisseurinnen Catherine Gund und Daresha Kyi spüren in Chavela der Geschichte einem lateinamerikanischen Mythos hinterher, einer Frau, deren Verhalten, deren Ansichten und deren Geschmack wegweisend für die Wahrnehmung von Weiblichkeit, Gefühl und Musik in Lateinamerika und Spanien waren.

Wegbegleiter durch alle Höhen und Tiefen
Chavelas Lieder, romantische, ernste Kompositionen für zwei bis drei Gitarren, und ihre dunkle Stimme begleiten den chronologischen Aufbau des Films von den Kindheitstagen voll Ablehnung und Unverständnis über ihre Flucht aus dem provinziellen Costa Rica in die pulsierende Kulturstadt Mexiko-City, über den schnellen Erfolg, den tiefen Fall, ihren Alkoholismus bis hin zur gefeierten Rückkehr auf die Bühne. In den Kreisen des einflussreichen Sängers und Komponisten José Alfredo Jiménez wurde sie in den 60ern durch ihr Bühnenpräsenz und ihre rauchige Stimme ebenso schnell bekannt wie durch ihr unkonventionelles Auftreten und ihre Trinkfestigkeit. Zu einer Zeit, als die mexikanische Musikszene von Männern dominiert wurde und Frauen nur als schmückendes Beiwerk auftreten durften, schockierte und faszinierte Chavela das Publikum mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme und ihrem männlichen Kleidungsstil.

Die Tugenden der Bohème in der legendären Tenampa Bar passten perfekt zu Chavelas Vorlieben: Feiern, Trinken, Herzen erobern. Zu ihren zahlreichen Geliebten zählte auch die Künstlerin Frida Kahlo, die die Musiknomadin, wie sie sich selbst nannte, ebenso wenig an sich binden konnte wie etliche Frauen vor und nach ihr. „Einsamkeit ist meine loyalste Geliebte“, gesteht Chavela im Interview wehmütig ein. Einsamkeit und der Alkohol gehen in ihrem Leben größtenteils Hand in Hand. Nachdem sie angeblich die Frau des Orfeo-Geschäftsführers, ihrem damaligen Plattenlabel, verführte, gerät sie in einen Abwärtssog aus Ablehnung und Sucht, der sie fast ihr Leben kostet.

Spätes Comeback
Regisseur Pedro Almodovar ist es, der der Ikone zu ihrem Comeback und der lange entbehrten Anerkennung verhilft: Für seine Filme Die Waffen einer Frau und Mein blühendes Geheimnis setzte er ihre Lieder für den Soundtrack ein und organisiert 1993 ihr Comeback-Konzert in Madrid, dem eine ausgiebige Konzerttournee folgte. Chavela ist zu diesem Zeitpunkt bereits 73 Jahre alt.

Gund und Kyi gelingt es in der Dokumentation die markige Fassade zu durchbrechen, die Chavela im Lauf ihres Lebens erbaut hat: Die Macho-Attidtüde, deren sie sich im öffentlichen Gespräch bedient, bröckelt durch Erzählungen ihrer Weggefährten, aber auch durch ihre eigenen Schilderungen ihrer Lebensumstände. Ihre Botschaft, für den Moment zu leben und das Leben mit allen Höhen und Tiefen voll auszukosten, lebte Chavela mit jeder Faser ihres Körpers und vor allem mit jedem Ton aus ihrer Kehle. Chavela ist ein stimmiges Porträt einer Ausnahmkünstlerin, das allerdings nicht die Wirkung und die Gefühlstiefe von Chavelas Liedern erreicht, die ihre Fans und Bewunderer so an ihr schätzen.

Chavela
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Chavela
"Chavela" ist eine solide und gut komponierte Dokumentation mit viel Musik von der berühmten mexikanischen Sängerin, deren emotionale Tiefe allerdings etwas auf der Strecke bleibt.
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