(OT: „Paris pieds nus“, Regie: Fiona Gordon, Dominique Abel, 2016)

Paris barfuss

„Barfuß in Paris“ läuft im Rahmen des 35. Filmfests München (22. Juni bis 1. Juli 2017) und ab 7. September 2017 im Kino

Als Kind standen sich Fiona (Fiona Gordon) und ihre Tante Martha (Emmanuelle Riva) sehr nahe – bis Letztere entschied, ihre Heimat Kanada zu verlassen und ein neues Leben in Paris zu beginnen. Ursprünglich hatte Fiona ihr bald nachfolgen wollen. Doch erst jetzt, einige Jahrzehnte später, soll sich die Gelegenheit dazu ergeben: Martha ist inzwischen stolze 88 Jahre alt und soll gegen ihren Willen in ein Heim kommen. Dem kann Fiona natürlich nicht tatenlos zusehen. Und so macht sie sich auf den Weg in die Fremde, um ihrer Tante beizustehen. Irgendwie scheint dieses Vorhaben aber unter keinem guten Stern zu stehen: Erst verliert sie ihr Hab und Gut bei einem kleinen Unfall, dann ist die alte Dame plötzlich spurlos verschwunden. Immerhin steht Fiona aber nicht allein da, der obdachlose Dom (Dominique Abel) bietet sich ihr ganz selbstlos als Wegbegleiter an.

Lange haben wir warten müssen, viel zu lange, bis wir endlich Fiona Gordon und Dominique Abel wieder begrüßen durften. Wenn Barfuß in Paris, auch als Paris barfuß bekannt, Anfang September in die Kinos kommt, dann ist das fast auf den Tag fünf Jahre nach Die Fee – der letzte Film des kanadisch-belgischen Ehepaars. Fünf Jahre, das ist im Filmgeschäft schon eine halbe Ewigkeit. Ein bisschen neugierig durfte man da schon sei, ob die beiden sich in der Zwischenzeit verändert haben würden. Glücklicherweise ist das jedoch nicht der Fall, das neue Werk ist genauso eigenwillig, schräg und aus der Zeit gefallen wie ihr letzter Auftritt.

Slapstick ganz klassisch und ein bisschen verrückt
Das Metier der beiden ist und bleibt dabei die Komödie. Selbst wenn sich mal bittersüße Momente dazwischenschmuggeln und die Gefühle der beiden Protagonisten entscheidend mitspielen, am Ende soll vor allem eins: gelacht werden. Anders als so viele der heutigen Vertreter zielt Barfuß in Paris dabei jedoch nicht auf den Bereich unterhalb der Gürtellinie. Und auch markige Oneliner sind einfach nicht das Ding der beiden. Stattdessen halten sie sich an die altehrwürdige Kunst des Slapsticks. Die ist zwar nie völlig ausgestorben, gerade in Animationsfilmen wird sie gern gepflegt – der jungen Zielgruppe wegen, die mit erwachsenen Witzen nichts anfangen kann. Während sich dort viele jedoch darauf beschränken, wilde Verfolgungsjagden zu organisieren oder Figuren gegen eine Wand laufen zu lassen, setzen Gordon und Abel eher auf das Element der Überraschung.

Überrascht wird man hier nämlich. Oft sogar. Mit Realismus hat der Beitrag vom 35. Filmfest München eher zufällig mal was zu tun. Ansonsten pflegt das Regie-/Drehbuch-/Schauspielduo eine Vorliebe für Übertreibungen und Kuriositäten. Schon die ersten Szenen, wenn wir Fiona in der Heimat Kanada sehen – zunächst als Kind, später als erwachsene Bibliothekarin –, sind bewusst künstlich gehalten. Später wird der Schauplatz dann zwar nach Paris verlegt, aber auch da finden Gordon und Abel immer wieder Wege, um die Realität hinter sich zu lassen, wenn auch nur für einen Moment. Den märchenhaften Ton von Die Fee schlagen sie dabei jedoch nicht an, sie tun zumindest so, als könnte sich das alles im Alltag so zugetragen haben.

Eine Szene sagt mehr als tausend Worte
Besondere Momente gibt es aber auch so genügend. Einer der Höhepunkte ist der gemeinsame Auftritt von Komiklegend Pierre Richard und der kürzlich verstorbenen Grande Dame Emanuelle Riva (Liebe), welche hier in einer ihrer letzten Rollen zu sehen ist. Alt sind sie geworden, sprühen aber doch voller Leben. Auch sie lassen einen die Zeit vergessen, wenn sie sich mit sichtlichem Spaß in ihre Rollen stürzen, so als wäre es ihr erstes Mal. Zu sagen haben sie zwar nicht viel, wenngleich der Dialoganteil diesmal etwas höher ist – bei Die Fee konnten schon mal Minuten vergehen, bevor jemand den Mund aufmacht. Zu zeigen dafür umso mehr.

Insgesamt ist der Inhalt natürlich überschaubar. Die Geschichte als dünn zu bezeichnen, wäre noch geschmeichelt. Vielmehr ist der Ausflug in die Stadt der Liebe ein reiner Vorwand, um herumzualbern, Erwartungen zu unterlaufen und das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das ist erneut mit unglaublich viel Charme verbunden, dazu von einer Leichtfüßigkeit, die dem Titel gerecht wird. Mit dem an klassische Komiker wie Buster Keaton oder Jacques Tati erinnernden Slapstick lässt Barfuß in Paris nicht nur vergangene Zeiten aufleben. Er zaubert einem vor allem, trotz der gelegentlichen Wehmut und Nostalgie, ein Lächeln aufs Gesicht.

Barfuß in Paris
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Barfuß in Paris
Die Slapstick-Virtuosen Fiona Gordon und Dominique Abel melden sich zurück und haben in der langen Pause nichts von ihrem Können eingebüßt. Sehr viel Inhalt hat ihr „Paris barfuß“ nicht, strotz dafür vor Charme, ist voller kurioser Einfälle und zaubert einem mit dem zeitlosen Humor ein Lächeln aufs Gesicht.
7von 10

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