(OT: „Bakerman“, Regie: David Noel Bourke, 2016)

Bakerman

„Bakerman“ läuft im Rahmen des 35. Filmfests München (22. Juni bis 1. Juli 2017)

So richtig toll ist das Leben von Jens (Mikkel Vadsholt) ja nicht gerade. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf seinen Kollegen Brian (Brian Hjulmann) und seine Schwester Anna (Mia Lerdam), mit denen er gelegentlich etwas unternimmt. Am Wochenende pfeift er auch schon mal Fußballspiele. Ansonsten ist er aber die meiste Zeit allein, auch der Arbeit wegen: Als Bäcker muss er jeden Tag um 2.30 Uhr aufstehen. Und hat nicht einmal Spaß an dem, was er tut. Als er dann auch noch in kurzer Folge gleich zwei Mal zur Zielscheibe des Spotts von ein paar Jugendlichen wird, reicht es ihm. Er will sich nicht länger alles gefallen lassen und beschließt, es all den Mistkerlen da draußen zu zeigen – notfalls mit drastischen Mitteln.

Dass es die Skandinavier gern mal ein bisschen düsterer mögen, das haben sie uns in unzähligen Filmen und Serien gezeigt. Bakerman passt da sehr gut ins Bild: Hauptfigur Kens ist zwar – zumindest anfangs – kein wirklicher Psychopath, wohl aber die Art Mensch, bei der man nicht weiß, wofür sie überhaupt noch lebt. Keiner interessiert sich wohl wirklich für ihn, Anschluss findet er keinen, er hat kein Durchsetzungsvermögen, macht einen Job, der jegliches Privatleben tötet und dabei weder Unterhaltung noch Perspektiven bietet. Uff!

Ein Außenseiter ohne Bonus
Und dann ist es nicht einmal so, als wäre der Bäcker wirklich sympathisch. Außenseiter wachsen einem normalerweise doch recht schnell ans Herz, etwa beim isländischen Kollegen Virgin Mountain. Jens nicht. Hier verpufft jeder Bonus noch im Anfangsstadium. Mitleid empfindet man schon ein wenig für ihn, aber nicht so sehr, dass man aus ihm einen Helden machen wollte. Anfangs meint man noch, wenn der Bäcker die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nimmt, dass dies auf einen typischen Amokfilm hinausläuft, so à la Falling Down oder Amok – Hansi geht’s gut. Später tritt an Stelle der Gewalt dann aber doch eher die Sehnsucht danach, ein normales Leben zu führen. Ein Held des Alltags sozusagen.

Ähnlich wie Jens dann nach sich selbst sucht, ist auch der Film auf der Suche nach einem Zuhause. Am ehesten passt wohl noch Drama, da Bakerman einen Niemand präsentiert, der durch Gewalt ein Jemand sein will – was immer tragisch ist. Der Beitrag vom Filmfest München 2017  spielt aber natürlich auch mit Thrillerlementen, recht brutalen sogar. Und einem Humor, der so schwarz ist wie die Nacht in dem kleinen Vorort. Der Titel des Streifens etwa weckt nicht ohne Grund Assoziationen an Superhelden wie Superman oder Batman. Dass Jens ein solcher gern wär, das verrät dann auch sein Kostüm, das er zum Ende hin bei einer Party trägt. Eine Witzfigur ist er, aber eine traurige.

Am Ende bleibt das Nichts
Das sind schon einige interessante Aspekte, die Regisseur und Drehbuchautor David Noel Bourke in seinen dritten Spielfilm gepackt hat. Die Atmosphäre ist zudem schön düster. Und doch bleibt man zum Schluss ein wenig ratlos, worauf er denn nun hinaus wollte. Die Gewaltspirale wird nicht fortgesetzt, Punkte wie die zunehmend widrigen Umstände in der Bäckerei werden fallengelassen, auch die prekäre Lage von Mozan (Siir Tilif), die er eines Tages aufgabelt, oder die polizeilichen Ermittlungen interessieren bald schon niemanden mehr. Natürlich kann man in den traurigen Aufstand eines Bäckers viel hineininterpretieren. Das fragliche Element der Selbstjustiz zum Beispiel, die Natur von Helden, die Sehnsucht nach Anerkennung, vielleicht auch die Über- und Entfremdung der Gesellschaft. Aber es gibt zu wenig Gründe das zu tun. Bakerman ist ein Film, der irgendwie immer kurz davor steht, großartig zu sein, dann aber doch mit den Schultern zuckt und wieder geht, wenn es gerade spannend wird.

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4.33 (86.67%) 6 Artikel bewerten

Bakerman
Wenn in „Bakerman“ ein Bäcker zurückschlägt, klingt das nach einem Thriller, ist letztendlich aber doch eher das traurige Porträt eines Mannes, der nirgends hingehört. Das enthält eine Reihe interessanter Aspekte, gibt aber doch zu früh auf, um wirklich zu fesseln.
6von 10

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