(„Ostatnia Rodzina“ directed by Jan P. Matuszynski, 2016)

The Last Family

„The Last Family“ läuft im Rahmen des polnischen Filmfestes FilmPolska (3. bis 10 Mai 2017)

Eigentlich gäbe es bei der Familie Beksinski kaum Anlass zur Klage. Vater Zdzislaw (Andrzej Seweryn) ist ein berühmter Maler, Fotograf und Bildhauer, von den Einschränkungen der Sowjetunion bekommen der Pole und seine Frau Zofia (Aleksandra Konieczna) nur wenig zu spüren. Dafür gibt es in den eigenen vier Wänden immer mal wieder Reibereien. Vor allem das Zusammenleben mit dem psychisch labilen Sohn Tomasz (Dawid Ogrodnik) gestaltet sich sehr schwierig. Der hat zwar von seinem Vater das Faible für die Künste geerbt, scheitert aber immer wieder im Alltag. Beim Umgang mit anderen Menschen. Und auch beim Sex.

Mit einer etwas kuriosen Sexfantasie beginnt The Last Family. Mit einer solchen endet sie auch. Und auch sonst scheint bei Familie Beksinski alles durch sexuelle Aktivitäten und Wünsche bestimmt zu sein. Es ist zumindest auffällig, wie viel Raum Regisseur Jan P. Matuszynski und Drehbuchautor Robert Bolesto (Sirenengesang) den vielen vergeblichen Versuchen von Tomasz einräumen, doch noch mit einer Frau intim zu werden. So als wären die Impotenz des jungen Mannes untrennbar mit seinen psychischen Schwierigkeiten verbunden, welche für alle das Leben zur Hölle machte. Zumindest laut dem Film.

Zwischen Impotenz und Gefühlsausbrüchen
Das soll nicht bedeuten, dass es dem Drama an Emotionalität mangeln würde. Gerade Tomasz neigt zu Gefühlsausbrüchen, die je nach Situation sehr destruktiv sein können, wenn er mal wieder die Wohnung zerlegt. Gleichzeitig feierte er später aber auch als Radiomoderator, Musikkritiker und Übersetzer Erfolge. Wenn er beispielsweise 1982 seine Neuentdeckung Yazoo den Hörern mit auf den Weg gibt oder simultan Der Spion, der mich liebte für das heimische Publikum übersetzt, dann wird klar, warum er sich selbst den Namen „Enthusiast“ gab. In diesen Szenen kann er glänzen, blüht auf, erfährt die wenigen Momente des Glücks.

Glück ist ansonsten Mangelware in dem Film. Schon der Einstieg, wenn die Familie Ende der 70er nach Warschau zieht und wir eine düster-graue Häusermasse sehen, verdeutlicht, dass der Zuschauer sich auf einiges gefasst machen muss. Dabei ist das noch einer der seltenen Augenblicke, in denen The Last Family überhaupt zugibt, dass es da eine Welt da draußen gibt. Unter freiem Himmel passiert in dem Biopic so gut wie nichts, sofern nicht gerade wieder jemand gestorben ist und wir die Familie auf einen Friedhof begleiten müssen. Überhaupt: Der Tod ist immer mit dabei. Nicht nur, weil bei den Beksinskis darüber gesprochen wird, teils in den bittersten Situationen – Zofia will ihrem Mann noch die Waschmaschine erklären, bevor sie stirbt. Sondern auch, weil Tomasz immer wieder mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen, es zumindest anderen androht.

Bedrückend, klaustrophobisch und eiskalt
Nein, das beim Polnischen Filmpreis 2017 mehrfach ausgezeichnete Drama macht es einem als Zuschauer wirklich nicht leicht. Bedrückend fängt es an, wird mit der Zeit immer schlimmer, bis zum Ende hin Grauen und das Gefühl von Leere sich zu einem besonders pessimistischen Film verbinden. Einem klaustrophobischen Film auch, der zwar viele Zeitverweise enthält – vor allem kultureller Art –, ansonsten aber losgelöst von allem zu existieren scheint. Die politische und gesellschaftliche Situation Polens während der Sowjetunion? Kein Thema. Auch nicht, wie es der Familie gelingt, so gut über die Runden zu kommen.

Gut möglich, dass die Macher von The Last Family davon ausgingen, dass das Publikum mit den Figuren vertraut ist und deshalb von einigen Zeitstempeln abgesehen wenig Kontext liefert. Außerhalb Polens dürften das aber nur wenige von sich behaupten können, weshalb das Drama auch größtenteils nur auf Festivals zu sehen ist – etwa dem polnischen Filmfest FilmPolska Anfang Mai 2017 in Berlin. Wer sich dort aufhalten sollte, dem sei das etwas andere Künstler-Biopic dafür auf jeden Fall empfohlen. Eine etwas dickere Haut sollte man aber schon mitbringen: Der liebevoll historischen Ausstattung der 70er bis 00er Jahre zum Trotz, ein schöner Anblick ist The Last Family nicht. Im Gegenteil. Wenn die zwei Stunden, die Matuszynski für seine Geschichte einfordert, vorbei sind, mögen alle Figuren tot sein, die kaputte Familie ausgelöscht. Aber selbst dann wird es einen noch eine ganze Weile frösteln, bevor man wieder zurückfindet. Zurück ins hier und jetzt, zurück in eine Welt, die mehr ist als eine düstere Wohnung, unausgesprochene Konflikte und nicht erfüllte Sexfantasien.

The Last Family
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The Last Family
„The Last Family“ zeichnet ein Porträt der Künstlerfamilie Beksinski, das seltsam losgelöst von der Welt da draußen ist. Und losgelöst von jeder Freude. Düster, klaustrophobisch, impotent – das Drama macht es einem als Zuschauer nicht leicht, lässt einen selbst nach dem Ende noch frösteln.
8von 10

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