(„Shōjo Tsubaki“ directed by Torico, 2016)

Midori The Camellia Girl

„Midori – The Camellia Girl“ läuft im Rahmen des 18. Japanischen Filmfests Hamburg (31. Mai bis 4. Juni 2017)

So richtig viel Schönes hat das Leben der kleinen Midori (Risa Nakamura) schon länger nicht mehr zu bieten. Einen Vater hat sie nie gehabt, seit dem Tod ihrer Mutter sitzt das Mädchen nun eltern- und mittellos auf der Straße und versucht sich mit dem Verkauf von Kamelien über Wasser zu halten. Doch dann nimmt ihr Leben eine unerwartete Wendung, als sie gezwungen wird, sich einem Zirkus anzuschließen. Sehr viel besser ergeht es ihr dort zunächst nicht, die Zirkusleute missbrauchen und verhöhnen sie, wann auch immer sich die Gelegenheit bietet. Erst als der Magier Masamitsu (Shunsuke Kazama) auftaucht und sich in sie verliebt, wendet sich das Blatt. Denn der nutzt jedes Mittel, um seiner Angebeteten zu helfen – und würde dafür auch über Leichen gehen.

Die Tage geisterte die Nachricht durch die Welt, dass mit Ringling Bros. and Barnum & Bailey auch der letzte große amerikanische Traditionszirkus für immer seine Zelte schließen wird. Ob dies nun mehr mit dem gesteigerten Tierschutzempfinden zu tun hat oder damit, dass diese Form der Unterhaltung schon lange ihren Exotikfaktor eingebüßt hat, darüber lässt sich streiten. Auffallend ist jedoch, wie sehr der Zirkus in Filmen als ein der Welt entrückter Ort erscheint, entweder weil er wie in Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß aus der Zeit (und der Farbe) entrissen wurde. Sei es, weil er in Filmen wie Strange Circus oder Mad Circus zu einem Ort des Grauens wurde.

Eine farbenfrohe Hölle
Bei Midori – The Camellia Girl trifft beides ein wenig zu, auch wenn hier anders als bei dem preisgekrönten spanischen Stummfilm sowohl Sprache wie auch Farben verwendet werden. Viele, viele Farben sogar. Das leuchtend gelbe Kleid von Midori beispielsweise, welches mit roten Punkten versetzt ist. Und auch sonst nutzt man bei dem Zirkus ganz gerne die Möglichkeiten, welche der Regenbogen so hergibt. Trotz dieser Farbenpracht: Für Kinder ist der Film nicht geeignet. Unter keinen Umständen, zu keiner Zeit. Sex und Gewalt sind in Midoris neuem Zuhause Alltag, dazu gibt es seelischen Missbrauch.

Das verwundert nicht so wirklich, wenn man sich die Vorlage vor Augen führt. Die Figur des Kamelien-Mädchens wurde früher gern im Theater aufgegriffen, Suehiro Maruo machte daraus 1984 einen Manga, der nicht unbedingt zimperlich bei der Darstellung von nackter Haut oder Brutalität vorging. Schon einmal wurde diese Fassung adaptiert, ein Anime aus dem Jahr 1992. Nun ist es die Regisseurin Torico, die sich an diesen kontroversen Stoff heranwagt. Die Möglichkeiten bei einer Realfassung sind im Gegensatz zu Manga und Anime natürlich eingeschränkt, manches kann oder will man nicht mit echten Menschen zeigen. Manches sieht auch unfreiwillig komisch aus, wenn man es 1:1 übernehmen möchte – siehe auch die mitunter enttäuschend billigen Effekte, welche Midori einen Teil des Grauens berauben.

Der Abgrund nach dem Alptraum
Aber trotz dieses etwas undankbaren Umfelds und der leichten Abschwächung: Midori – The Camellia Girl ist böse, ist brutal, ist verstörend. Ob sich die Menschen ihren sexuellen Gelüsten hingeben, manchmal auch andere dazu zwingen, ob sie aufeinander losgehen mit der Absicht, sich gegenseitig zu schaden – die Mitglieder des Zirkus lassen den Alltag zu einem Alptraum werden. Dabei wandelt der Film lange Zeit allein auf Horrorpfaden, bevor auch eine persönlichere Note hinzukommt. Die Mangaadaption, die bis zu dem Zeitpunkt Schmerz und Lust als reinen Selbstzweck ansah, verknüpft diese dann stärker mit einer unheilvollen Abhängigkeit der beiden Figuren. Die bizarre Ansammlung von Einzelszenen verwandelt sich in eine nicht weniger bösartige Tragödie.

Zum Ende hin wird es dadurch noch einmal spannend, kleinere Höhepunkte zwischendurch gibt es auch. Was dem Film jedoch fehlt, ist etwas, das die Momente zusammenhält. Zudem hat man zwischenzeitlich das Gefühl, dass nichts wirklich vorangeht – was auch damit zusammenhängt, dass sich viele Szenen zu ähnlich sind, man sich schnell an das Gezeigte gewöhnt. Aber selbst wenn die Geschichte um das Waisenkind nicht kontinuierlich fesselt, so dürfen sich Freunde des Düster-Grotesken an diversen Szenen erfreuen, die das Publikum in einen alptraumhaften Strudel stürzen und deren Anblick man so bald nicht wieder vergisst. Davon können sich die Besucher des 18. Japanischen Filmfests Hamburg selbst ein Bild machen, wo Midori – The Camellia Girl Anfang Juni 2017 seine Deutschlandpremiere feiert.

Midori – The Camellia Girl
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Midori – The Camellia Girl
Die Geschichte um das blumenverkaufende Waisenkind, das in einem Zirkus landet, ist eigentlich ein alter Hut – allerdings einer, der hier farbenfroh und schauerhaft zugleich ist. Vor allem Freunde des Düster-Grotesken werden an der Mangaadaption ihre Freude haben, müssen sich aber darauf einstellen, dass die Geschichte zwischenzeitlich auf der Stelle tritt und die grausigen Szenen zum Selbstzweck werden.
6von 10

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