(„Tiger Girl“ directed by Jakob Lass, 2017)

Tiger Girl

„Tiger Girl“ läuft ab 6. April 2017 im Kino

Für Maggie (Maria Dragus) gibt es nur einen großen Traum in ihrem Leben: Polizistin werden! Der zerschlägt sich zwar während der Aufnahmeprüfung, als ihr im Sportteil ein peinliches Missgeschick widerfährt. Aber vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal. In der Zwischenzeit kann sie sich ja schon einmal anderweitig nützlich machen und beginnt eine Ausbildung bei einem privaten Sicherheitsdienst. Und vielleicht hätte auch alles geklappt, bei der Ausbildung, später der Polizei. Gäbe es sie nicht: Tiger (Ella Rumpf). Die ist selbstbewusst, risikofreudig und wild – alles, was Maggie nicht ist. Und plötzlich ist alles anders, die Freundschaft zwischen den beiden zeigt der angehenden Gesetzeshüterin eine ganz andere, aufregende Welt.

Das deutsche Kino sei bieder, liest man immer wieder. Brav. Mutlos. Berechenbar. Dabei gibt es sie, die hiesigen Filmemacher, die Genre- und Inszenierungskonventionen aufbrechen, anders sind, als es das gängige Klischee uns weismachen will. Das berauschende Coming-of-Age-Monster Der Nachtmahr zum Beispiel. Der verwirrend-hypnotische Abgrund in Wild. Und natürlich auch das sogenannte Berlin Mumblecore, wo Nachwuchsregisseure wie Axel Ranisch (Alki Alki), Aron Lehmann (Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel) und Nico Sommer (Silvi) eine weniger streng durchdeklinierte Fassung des deutschen Spielfilms zeigen. Eine, wo Skurrilität auf Authentizität trifft

Kritikerliebling und Massenfeind
Auch Jakob Lass zählt hier dazu, seitdem er mit seinem weitestgehend improvisierten Film Love Steaks die Herzen (fast) aller Kritiker eroberte. Das ist bei seinem dritten Spielfilm Tiger Girl nicht anders, der schon auf der Berlinale zu sehen war und nun regulär in die deutschen Kinos kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Drama dort auf viel Gegenliebe stoßen wird, ist dabei leider gering. Denn die Forderung, dass man sich hierzulande doch bitte ein bisschen mehr trauen und nicht immer den gleichen Scheiß abliefern solle, die wird hier erfüllt. Jedoch auf eine Weise, die nur schwer einem Massenpublikum zu vermitteln ist.

Tatsächlich: Selbst wer mit diesem Bereich des deutschen Kinos vertraut ist, wird hier ab und zu seinen Augen nicht trauen wollen. Improvisiert wird noch immer viel, Tiger Girl hat auch keine wirklich durchgehende Handlung. Während dies zuvor jedoch oft mit eher beschaulichen, betont unspektakulären Szenen und Alltagsgeschichten einherging, wagt Lass nun den Angriff auf alles und jeden. Lara in Love Steaks zeigte bereits, dass der gebürtige Münchner eine Schwäche für starke, unangepasste Frauen hat. Die gibt es hier nun im Doppelpack und mit einer lustvollen Aggressivität, die einen gleichermaßen fasziniert und abstößt. Eigentlich kann jeder zum Opfer der beiden werden. Menschen aus ihrem Umfeld. Menschen, denen sie begegnen. Menschen, die es „verdient“ haben. Menschen, die einfach nur das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Da wird gestohlen, verprügelt, ausgenutzt und gedemütigt, was das Zeug hält. Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Manchmal auch nur etwas Geld oder eine coole Uniform.

Schlagfertiges Duo in einem widersprüchlichen Film
Die interessantere der beiden Figuren ist dabei die der Maggie. Der Film mag Tiger Girl heißen. Mit Tiger mag auch alles begonnen haben. Jener jungen Frau, die mal in einem Speicher haust, mal in einem Wohnwagen, sich von nichts und niemandem etwas gefallen lässt. Aber es ist die unscheinbare Polizistenanwärterin, die mit der Zeit eine unheimliche Entwicklung durchmacht, wenn aus einer netten, sozial eingestellten und fleißigen Jugendlichen ein Monster wird, das es einem eiskalt den Rücken hinunterlaufen lässt. Furchteinflößend und witzig, hypnotisch und widerwärtig, dokumentarisch direkt und doch irgendwie surreal – die schnelle Abfolge von immer heftigeren, unberechenbareren Szenen muss man nicht mögen. Man kann sie sogar richtig doof finden. Gekünstelt selbstverliebt. Aber sie hinterlässt Eindruck, ob man will oder nicht.

Das verdankt das vor Energie sprühende Drama neben der kunstvollen Verbindung von Bild und Musik auch den beiden umwerfenden Hauptdarstellerinnen. Ella Rumpf (Chrieg) als furchtlos-anarchische Kämpferin, Maria Draguș (Töte mich) als sehnsuchtsvolle, später grausame Träumerin. Neben ihr verblasst die Welt. Verblassen vor allem alle Männer. Enno Trebs darf als erfolgreicher Polizistenanwärter Theo nur selbstverliebter Schnösel sein, Franz Rogowski – ein weiteres Bindeglied zu Love Steaks – ein rückgratloser Mitschüler, den keiner ernstnehmen kann. Tigers Mitbewohner (gespielt von Swiss und Benjamin Lutzke) sind bestenfalls Katalysatoren, um das Schlechte aus den Mädels hervorzuholen. Ernstnehmen sollte man jedoch Jakob Lass, der hier ein Werk abgeliefert hat, für das man dankbar ist, selbst wenn man es so bald kein zweites Mal wiedersehen möchte.

Tiger Girl
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Tiger Girl
Zwei Mädels lassen so richtig die Sau raus. Und alle schauen zu. „Tiger Girl“ ist ein wild-anarchisches Drama, das mitreißt und abstößt, dank der umwerfenden Hauptdarstellerinnen einen Eindruck hinterlässt, den man so bald nicht wieder los wird – ob man will oder nicht.
8von 10

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