(„Hayatboyu“ directed by Aslı Özge, 2014)

Lifelong

„Lifelong“ erscheint am 30. Januar auf DVD

Von außen betrachtet wirken Ela (Defne Halman) und Can (Hakan Çimenser) wie ein Bilderbuchpaar. Sie ist eine renommierte Künstlerin, er verdient als Architekt eine Menge Geld. Zusammen wohnen sie in einem schicken Haus in der besten Gegend Istanbuls. Doch hinter der makellosen Fassade herrscht Ödnis, die Leidenschaft des Ehepaares ist schon lange erloschen. Aber man hat sich arrangiert, eine Trennung kommt für keinen wirklich in Frage. Bis Ela eines Tages ein Telefongespräch mithört, welches den Eindruck vermittelt, Can habe eine Affäre. Darauf ansprechen möchte sie ihn nicht, aber ganz auf sich beruhen lassen, das kann sie ebenso wenig.

Kaum einem Moment fiebern frische Paare und romantikaffine Kinogänger wohl annähernd stark entgegen wie dem ersten „ich liebe dich“. Doch nicht nur die Entwicklung von Gefühlen, auch deren Verlust ist ein schleichender Prozess. Wann wird aus Liebe wieder Freundschaft? Wann aus echtem Begehren reine Gewohnheit? Wie der Fall bei Ela und Can aussieht, kann keiner sagen, vermutlich nicht einmal die beiden selbst. Das liegt nicht nur an der grundsätzlichen Schwierigkeit, Emotionen festzulegen, sondern auch daran, dass die beiden dieser Frage aus dem Weg gehen. Aneinander vorbei statt nebeneinander, so sieht der Alltag des Ehepaares aus. Diese Distanz drückt sich bereits in den Bildern aus: Wir sehen die beiden nur selten zusammen, und wenn dann oft nur mit dem Rücken oder angeschnitten, so als wären nur Fetzen eines früheren Lebens.

Überhaupt fand Lifelong sehr schöne Wege, das Innenleben auf den Bildschirm zu bringen. Gleich zu Beginn sehen wir, wie Ela für das Foto einer Ausstellung posiert, versucht ein Lächeln aufzusetzen, während sie sich gleichzeitig um die Platzierung eines ihrer Kunstwerke streitet – der Schein ist wichtig, in diesem Moment, im Leben des Ehepaares. Oft stehen wir in dem Drama der türkischen Regisseurin und Drehbuchautorin Aslı Özge in leeren Zimmern, vor Fenstern, später auch an Orten, die durch das Erdbeben zerstört wurden und jetzt ohne Leben sind. Die unterkühlte Trostlosigkeit, sie ist der Spiegel der Protagonisten, die Verbildlichung der Stille zwischen ihnen. Ob Can ein Ehebrecher ist, wird dann auch nie abschließend geklärt, denn darum geht es hier gar nicht, sondern um zwei Menschen, die verlernt haben, miteinander zu reden.

Still ist dann auch der Film an sich: In Lifelong wird kaum gesprochen, noch weniger gehandelt. Selbst geduldigere Naturen stoßen da manchmal an ihre Grenzen, auch durch die fehlende Synchronisierung – das Drama liegt ausschließlich auf Türkisch mit deutschen Untertiteln vor – ist die Geschichte um eine erkaltete Liebe nicht sehr zugängig. Nur selten passiert etwas, zum Beispiel bei besagtem Erdbeben oder wenn Tochter Nil (Gizem Akman) auftaucht. Wo andere vielleicht auf große Szenen gesetzt hätten, zieht Özge die kleinen Momente vor, flüchtige Augenblicke. Ein derart bewusst unspektakulärer Ansatz ist natürlich weniger geeignet für Menschen, die von ihren Filmen Spannung oder zumindest Unterhaltung fordern. Wer jedoch auch die ruhigeren Vertreter zu schätzen weiß, der findet in dem kleinen Lifelong einen Beitrag, der gerade durch seine Leblosigkeit einiges über das Leben zu sagen hat.

Lifelong
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Lifelong
Sie liebt mich, sie liebt mich nicht – das weiß man hier nie so genau. In symbolisch wunderbaren Bildern tauchen wir ein in das Leben zweier Menschen, die verlernt haben miteinander zu reden. Vielleicht auch verlernt haben zu lieben. Um Antworten darauf geht es hier jedoch nicht, stattdessen wählt das dialog- und handlungsarme Drama einen Rahmen, der so unterkühlt und still ist wie das Verhältnis zwischen den beiden Protagonisten.
7von 10

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