(„Alice in Wonderland“ directed by Cecil Hepworth and Percy Stow, 1903)

Traum oder Wirklichkeit? Ganz sicher ist sich Alice (May Clark) da nicht, als sie ein mannsgroßes weißes Kaninchen an ihr vorbeilaufen sieht. Flugs hinterher folgt sie diesem durch einen langgezogenen Bau hinein in eine Halle voller Türen, die sie erst nach einiger Mühe durchquert. Doch damit endet die Aufregung nicht, in der Folge trifft sie eine Reihe seltsamer Kreaturen und muss am Ende sogar um ihr Leben fürchten.

Je älter und bekannter eine literarische Vorlage, umso zahlreicher ihre Adaptionen. Ein Wunder ist es also nicht, dass das 1865 erschienene „Alice im Wunderland“ in so vielen verschiedenen Fassungen zu sehen war wie kaum ein anderes Buch – gehört es doch zu den erfolgreichsten Werken der gesamten Literaturgeschichte, ist darüber hinaus durch seinen Ausflug ins Fantastische auch noch absolut zeitlos. Und so finden sich dann auch rund 50 verschiedene Interpretationen im Laufe der Filmgeschichte, manche davon originalgetreu, viele auch nicht.

Die 1903 entstandene Version von Cecil Hepworth und Percy Stow hat dabei eine gewisse Sonderstellung, handelt es sich doch um die erste aller Filmfassungen überhaupt. Gerade einmal neun Minuten ist sie lang, schwarz-weiß und stumm – nicht unbedingt die besten Voraussetzungen. Tatsächlich ist die Adaption, mit heutigen Maßstäben betrachtet, kaum empfehlenswert. So muss man aufgrund des fehlenden Tons auf einen Großteil von Lewis Carrolls absurdem Humor verzichten, welcher das Buch auszeichnete, eine wirkliche Persönlichkeit gewinnt das Mädchen auf diese Weise ebenfalls nicht. Auch von der farbenfrohen Szenerie ist durch die technischen Zwänge kaum mehr etwas übriggeblieben.

Die dritte große Einschränkung liegt in der Kürze: Viele Ereignisse aus der Vorlage wurden komplett gestrichen oder zumindest stark verstümmelt. Was gezeigt wird, ist eine wahllose Aneinanderreihung von Szenen, bei denen man ohne Kenntnis der Vorlage manchmal auch gar nicht weiß, was da genau geschieht. Die fehlenden Übergänge sind teilweise durch die Vorlage bedingt, teilweise aber auch durch die technischen Vorgaben dieser Zeit. Neun Minuten, das klingt für heutige Ohren wie ein schlechter Witz, viele Blockbuster brauchen das schon, um den Abspann zu zeigen. Für die damaligen Verhältnisse war das aber eine Menge, Alice in Wonderland sogar der bis dato längste britische Film. Oftmals konnte er auch nur szenenweise verkauft werden, da es nicht überall die Möglichkeit gab, ihn in seiner vollen Länge zu zeigen – was den Machern bei der Konzeption auch bewusst war.

Fair ist ein direkter Vergleich mit späteren Versionen daher natürlich nicht, Alice in Wonderland heute noch rezensieren zu wollen, letztendlich eine willkürliche Angelegenheit. Da der Film so kurz und in voller Länger auf YouTube zu sehen ist, sollten zumindest historisch interessierte aber einmal hineinschauen: Gerade die verschiedenen Spezialeffekte – das Schrumpfen und Wachsen von Alice, die körperlose Grinsekatze – sind für einen inzwischen 112 Jahre alten Film sehenswert. Fans dürfen sich darüber hinaus auf Kostüme freuen, die den Originaldesigns von John Tenniel sehr nahekommen und auch ohne Relativierung heute noch gut abschneiden.

Alice in Wonderland (1903)
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Alice in Wonderland (1903)
Die erste Filmversion von „Alice in Wunderland“ ist aus heutiger Sicht kaum mehr zumutbar: Humor, Persönlichkeit und Farbe blieben auf der Strecke, die einzelnen Szenen sind verstümmelt und ohne Zusammenhang. Für historisch interessierte ist die neun Minuten lange Adaption aber sehenswert, für die frühe Tricktechnik und auch die originalgetreuen Kostüme.
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