Kritik

Jabberwocky

„Jabberwocky“ // Deutschland-Start: 15. Dezember 1977 (Kino) // 18. Dezember 2020 (Mediabook)

Die Handlung spielt im Mittelalter, zu einer Zeit, da ein fürchterliches Monster durch die Lande streift und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. In dieser Zeit fliehen viele in die Städte, versprechen sie sich dort Ruhe und Sicherheit hinter den Burgmauern. Doch Dennis Cooper (Michael Palin) zieht es noch aus einem ganz anderen Grund dorthin, denn der gelernte Küfer will sich endlich von seinem Vater emanzipieren, welcher ihn wegen seines mangelnden handwerklichen Talents verachtet. Darüber hinaus will er endlich das Herz Griselda Fishfingers (Annette Badland) erobern, Tochter eines schmierigen Händlers, die Dennis‚ Werben bisher immer ignoriert hat. Als dann jedoch Dennis’ Vater stirbt und ihn mit seinen letzten Worten enterbt, sieht Dennis keine andere Wahl, als sich nun endlich in die Stadt aufzumachen und sein Glück dort zu suchen. Als „Abschiedsgeschenk“ bekommt er von Griselda eine angekaute Kartoffel, eigentlich ein Küchenabfall, was Dennis jedoch falsch interpretiert. In der Stadt und damit im Hoheitsgebiet König Brunos des Fragwürdigen (Max Wall), der, wie auch die anderen Adeligen der Stadt, wegen des Terrors des Monsters, kurz „Jabberwocky“ genannt, eine Zeit großen Reichtums erlebt. Als jedoch der Wille der Menschen, endlich frei von dem Monster zu sein, lauter wird, veranstaltet er ein Turnier, dessen Sieger nicht nur gegen das Monstrum antreten soll, sondern auch die Hälfte seines Königreichs sowie die Hand seiner Tochter bekommen soll.

Das dunkle Zeitalter
Zwei Jahre nachdem er zusammen mit Terry Jones, der einen kurzen, aber denkwürdigen Gastauftritt in Jabberwocky hat, sich die Regie bei Die Ritter der Kokosnuß geteilt hatte, verschlug es Terry Gilliam für seine erste Regiearbeit abseits der Monty Python-Truppe abermals in das tiefe Mittelalter. Inspiriert wurde Gilliam dabei von dem gleichnamigen Gedicht, welches an einer zentralen Stelle von Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln vorkommt, ein scheinbares Nonsens-Gedicht, welches aber Alice dazu antriebt, die Welt aus einer anderen Sicht zu sehen und diese aus das Fundament der rational-fassbaren Wirklichkeit befreit. Mit Jabberwocky legt Gilliam einen Film vor, der, ähnlich wie Die Ritter der Kokosnuß, sich nicht nur als albern-absurde Komödie versteht, sondern ein Bild des Mittelalters zeigt, welches an mehr als nur einer Stelle auf Entwicklungen in der realen Welt verweist.

Vielleicht liegt es in der Natur der Filme, die er macht, doch Gilliam ist in erster Linie ein Regisseur, der stets eine für die Menschheit dunkle Zeit porträtiert. Egal, ob es die Zukunft ist wie Brazil oder eben das Mittelalter in Jabberwocky, es ist nie eine Zeit, die etwas gemein hat mit der Art und Weise, wie sie das Mainstream-Kino gerne zeigt, so geordnet, prächtig und heldenhaft. Vielmehr sind es die Tölpel, die Bürokraten oder die einfachen Handwerker, die letztlich unfreiwillig zu Helden werden und sich gegen das System auflehnen, doch ob ihnen einen Sieg gewiss ist, bleibt fragwürdig, denn das System scheint ebenso schrecklich und unbezwingbar zu sein wie eben jenes Monster, welches in der Welt von Jabberwocky sein Unwesen treibt. Den prächtig ausgestatteten Kostümfilmen setzt Gilliam eine Welt der Dunkelheit, des Drecks, des Verfalls, der Aberglaubens und des Machtmissbrauchs entgegen, in der die Komik immer auch eine bittere Note hat. Bisweilen hat dies mehr gemein mit der Werken eines Ingmar Bergman wie Das siebente Siegel in der Art und Weise, wie die Welt dargestellt wird.

Ein Spiegel der heutigen Welt
Mag uns die Welt durch ihre Komik und ihre Ästhetik auch abstoßen und fern erscheinen, ist sie doch bei Gilliam immer auch ein Spiegel unserer Wirklichkeit. Der von Michael Palin mit großer Unschuld gespielte Dennis träumt von einer neuen Zukunft, einem neuen Leben in der Stadt, einer Sicherheit und einer Arbeit, wie so viele andere auch, was sich aber letztlich als Trugschluss herausstellt. Nur die Angst vor dem Monster hält die Menschen in Schach und damit in der Hand eines, wie sein Titel schon andeutet, eher fragwürdigen Königs, der nichts von einem aufgeklärten Herrscher an sich hat, sondern mit brutaler Härte seinen Willen durchsetzt, mag dieser auch noch so absurd sein.

Das Turnier, in vielen Ritterfilmen der Ort, an dem die Helden geboren werden, wird enttarnt als ein zermürbendes Mühlrad, welches viele mutige Männer zum Preis für einen Moment der Gewalt in den Tod treibt. Gilliam inszeniert dies mit der für ihn bisweilen üblichen wenig subtilen Art als eine Abfolge von Blutfontänen, die dem König und seinem Gefolge in die erstaunten Gesichter spritzt. In diesen Bildern zeigt sich Grausamkeit einer Welt, in der viele Herrscher auf die Angst ihres Volkes bauen, sie mit billiger Unterhaltung und hohlen Gesten abspeisen und die dem ein oder anderen Zuschauer seltsam vertraut erscheinen wird.

Credits

OT: „Jabberwocky“
Land: UK
Jahr: 1977
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles Alverson, Terry Giliam
Musik: Modest Mussogorsky, Hector Berlioz, Nikolai Rimsky-Korsakov, Jacques Ibert
Kamera: Terry Bedford
Besetzung: Michael Palin, Herry H. Corbett, John Le Mesurier, Warren Mitchell, Deborah Fallender, Annette Badland, Max Wall

Bilder

Trailer

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Jabberwocky
„Jabberwocky“ ist eine Mischung aus Komödie und Fantasy über den Kampf gegen ein schreckliches Monster. Terry Gilliam zeigt eine von Angst definierte Welt, in der Aberglaube, Bosheit und Chaos herrschen und welche bisweilen erschreckende Parallelen zu unserer Wirklichkeit aufzeigt.
8von 10

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