(„Alice in Wonderland“ directed by W. W. Young, 1915)

Alice im Wunderland 1915Als Alice (Viola Savoy) und ihre ältere Schwester bei einem Spaziergang an einen Fluss kommen, beschließen sie dort Rast zu machen und aus einem Buch zu lesen. Schon bald fallen dem Mädchen dann die Augen zu und sie entdeckt ein großes, weißes Kaninchen, das es einlädt, ihm zu folgen. Alice lässt sich hierbei nicht lange bitten, läuft dem unbekannten Tier hinterher, durch einen Kaninchenbau bis ins Wunderland, wo sie eigenartigen Kreaturen begegnet und Abenteuer überstehen muss.

Aller guten Dinge sind drei? Zumindest bei Alice im Wunderland könnte man das – mit Abstrichen – sagen. Nach der doch recht rudimentären ersten Adaption von 1903 und einer zweiten aus dem Jahr 1910, die keiner wirklich kennt, folgte 1915 die dritte Verfilmung des Kinderbuchs von Lewis Carroll. Und zum ersten Mal dürfen wir hier eine Version sehen, welche die Bezeichnung Film auch tatsächlich verdient. Immerhin 52 Minuten dauert das Werk, was Regisseur und Drehbuchautor W. W. Young die Möglichkeit gab, tatsächlich eine durchgängige Geschichte zu erzählen. Oder zumindest so durchgängig, wie es die literarische Vorlage erlaubte, denn wirkliche Übergänge von Szene zu Szene gibt es kaum.

Tatsächlich wird hier das Traumhafte stärker betont als bei anderen Fassungen. Ließen diese es meistens offen, ob Alice’ Abenteuer nun real oder nur eingebildet waren, sind sie hier recht eindeutig das Produkt ihrer Phantasie. „Things we do and things we see shortly before we fall asleep are most apt to influence our dreams“, heißt es zu Beginn. Auf dem Weg zum Fluss sieht sie Kaninchen, Katzen und Schweine, die ebenso später im Wunderland auftauchen wie die kleinen Törtchen, die Alice am Anfang stibitzen will. Und auch die Begegnung mit dem Wunderland-Kaninchen ist eindeutig als Traum inszeniert, wenn Alice ihren Körper verlässt, um dem Tier zu folgen.

Dieser Transparenzeffekt ist aber auch der einzige nennenswerte Griff in die Trickkiste hier. Anders als 1903 noch verzichtet Young auf die berühmten Wachs- und Schrumpfszenen von Alice, wohl weil ihn die technischen Möglichkeiten nicht überzeugten. Stattdessen zeichnet sich seine Interpretation durch die ausgefeilten Kostüme aus, die sich eng an den Originalzeichnungen von John Tenniel orientieren. Ein bisschen kurios ist der Anblick der zahlreichen menschengroßen Tierkostüme schon, die zum Teil riesigen Pappmaché-Köpfe sind sogar grotesk, für einen inzwischen 100 Jahre alten Film ist das Ergebnis aber doch erstaunlich sehenswert.

Auch einige andere Details lassen Alice im Wunderland aus den zahlreichen Adaptionen hervorstechen. So inszeniert Young beispielsweise das im Buch rezitierte Gedicht „Father William“ als Realszene, während die meisten seiner Kollegen den Punkt ganz rausließen. Und auch sonst versuchte der Amerikaner, die spielerische Sprache des Originals rüberzuretten, einige der Wortspiele und absurden Dialoge haben es als Texttafeln in den Film geschafft. Dennoch heißt es in dem Stummfilm natürlich von vielem Abschied nehmen, einige Szenen wurden ganz gestrichen oder stark verkürzt. Das betrifft etwa das Ende, welches hier doch sehr abrupt ausgefallen ist. Einiges wird man hier auch eher nicht verstehen, sofern man nicht zuvor die Vorlage schon einmal gelesen hat. Mehr als passabel ist das Frühwerk damit nicht, mit den gerade optisch sehr viel aufwendigeren Adaptionen der späteren Jahre kann man es hier nicht aufnehmen. Ein bisschen historische Neugierde vorausgesetzt hat die Verfilmung aber durchaus ihren Charme.

Alice im Wunderland (1915)
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Alice im Wunderland (1915)
Die erste Langfilmversion von „Alice im Wunderland“ zeigt sich erstmals als eine tatsächliche Geschichte. Nennenswerte Spezialeffekte gab es 1915 nicht, dafür aber bleibt die Adaption durch ihre hübsch-kuriosen Kostüme in Erinnerung und auch den Versuch, die sprachlichen Spielereien des Buches zu bewahren.
5von 10

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