(„Patong Girl“ directed by Susanna Salonen, 2014)

Patong Girl

„Patong Girl“ ist seit 11. September auf DVD erhältlich

Ein schöner gemeinsamer Urlaub hätte es werden sollen, am Ende kam es für Familie Schröder dann aber doch ein bisschen anders: Erst landen sie bei ihrer Ankunft in Thailand im falschen Hotel, dann regnet es dauernd. Nur Sohn Felix (Max Mauff) hat damit kein Problem, hat er doch auf diese Weise die schöne Fei (Aisawanya Areyawattana) kennengelernt und sich auch gleich Hals über Kopf in sie verliebt. Seine Eltern Annegret (Victoria Trauttmansdorff) und Ulrich (Uwe Preuss) sind alles andere als angetan davon, schließlich muss es sich bei dem Mädchen um eine Prostituierte handeln, die es nur auf sein Geld abgesehen hat.

Parallel zum Tourismusboom, der aus dem einstigen Geheimtipp Thailand eine Massendestination gemacht hat, ist auch die Zahl der filmischen Darstellungen in die Höhe geschossen. Exotisch, ärmlich, ein bisschen verrucht, ein wenig gefährlich, etwas durchgeknallt – das südostasiatische Land wurde zum Sinnbild großer Abenteuer des kleinen Mannes. In Patong Girl ist das ein wenig anders, denn hier sollen Klischees gerade nicht bedient, sondern nach und nach zerlegt werden.

Ohnehin stehen hier erst einmal nicht die Einheimischen im Mittelpunkt, sondern die westlichen Besucher. Typisch deutsch, möchte man meinen, als sich Familie Schröder über Unterkunft, Wetter und Leute aufregt, weil diese nicht ihren Erwartungen entsprechen und sie sich um ihren Urlaub betrogen fühlen. Auch andere Touristen bestehen auf die Einhaltung der in ihrem Geiste abgegebenen Versprechen, setzen sich einfach darüber hinweg, wenn ein Mädchen an der Bar nicht zur persönlichen Bespaßung bereit ist. Aus Zuschauersicht ist das mitunter aber durchaus spaßig, diese Mischung aus Culture Clash und Gesellschaftskritik, aus Missverständnissen und unberechtigter Überheblichkeit.

Was Regisseurin und Drehbuchautorin Susanna Salonen im Einzelnen gelungen ist und auch viele Sympathiepunkte sammelt, funktioniert als ganzer Film jedoch weniger. Gerade als die Romanze zwischen Felix und Fai zunehmend in den Vordergrund rückt, gerät Patong Girl immer mehr ins Schlingern, wird ähnlich orientierungslos wie der junge Deutsche, der vehement auf seine Selbstverwirklichung pocht, ohne jedoch genau zu wissen, was dieses Selbst eigentlich ist.

Dramaturgisch fehlte Salonen daher irgendwo der Plan, ihre gut gemeinten Ideen auch in eine Geschichte zu packen, zu verstreut sind die einzelnen Punkte. Wenn später noch die Themen sexuelle Identität und Stadt-Land-Gefälle kommen, ist es dann fast unmöglich noch zu sagen, wovon der Film eigentlich handeln will – es mangelt an einem klar zu erkennenden Konzept. Erschwerend kommen die Dialoge hinzu: Die fangen zwar sehr schön das Sprachenwirrwarr ein, wenn mehrere Nationen aufeinandertreffen, inhaltlich sind viel davon aber schon sehr holprig. Nett ist der Film am Ende schon, aber weder wirklich satirisch-beißend noch emotional bewegend, eine Reise, von der am Ende nur ein paar schöne Bilder und Ernüchterung übrig bleiben.

Patong Girl
4 (80%) 8 Artikel bewerten

Patong Girl
„Patong Girl“ bemüht sich sehr, Thailand-Klischees und westliche Überheblichkeit gleichermaßen anzugreifen, was anfangs auch gut gelingt. Später verliert sich der Film aber in zu vielen Themen, ist unentschlossen und aufgrund der holprigen Dialoge zu unnatürlich, um überzeugend im Ziel anzukommen.
5von 10

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6 Responses

  1. no

    dass jemand, der ladyboys „falsch“ und „unnatürlich“ bezeichnet, mit diesem film nichts anfangen kann, ist ziemlich klar – und sagt schon alles über den autor aus, der weder den film verstanden hat, noch sich mit dem thema je wirklich auseinandergesetzt hat. epic fail!

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    • Oliver Armknecht

      Habe den Halbsatz jetzt gestrichen, weil es da offensichtlich zu einem Missverständnis kam. Es ging gar nicht darum, die Ladyboys an sich zu kritisieren. Deren Lebensstil ist ihre Sache. Vielmehr war der Kommentar auf das Bild der Ladyboys bezogen, wie es in westlichen Filmen immer wieder auftaucht, wo sie als Leute dargestellt werden, die sich als etwas anderes ausgeben, als sie in Wahrheit sind, um arme, nichtsahnende Touristen übers Ohr zu hauen. Deswegen hatte ich auch von den „vielbeschworenen Ladyboys“ geschrieben. Es ging um das Image der Ladyboys. Da man den Satz aber offensichtlich auch anders verstehen kann, lasse ich ihn lieber weg.

      Auf den Film und dessen Qualität hat das aber keine Auswirkungen, da die Probleme einfach ganz andere sind. „Patong Girl“ spricht so vieles an, ohne irgendwas davon auch mal konsequent durchzuziehen und verbindet das dann auch noch mit grauenvoll konstruierten Dialogen. Ich hätte es ja sogar überaus spannend gefunden, wenn der Film sich des Themas der Ladyboys angenommen hätte, um darüber auch mal mit etwas mehr Tiefe zu sprechen. Das tut er aber nicht, er ist durch seine Unentschlossenheit am Ende genauso oberflächlich wie die leicht rassistischen Thailand-Filme aus den USA.

      Anders gesagt: Nur weil ein Thema gut oder auch wichtig ist, macht es den Film noch nicht automatisch gut. Und das zeigt sich leider besonders oft im LGBT-Bereich, wo sich die Filmemacher darauf ausruhen, etwas Wichtiges angesprochen zu haben, aber keine Idee haben, was man aus dem Stoff machen kann. Beispiel „Freeheld“ neulich, dem zu dem wichtigen Thema der Gleichberechtigung homosexueller Beziehungen nur Klischees einfallen. Und die vielen völlig austauschbaren Coming-out-Filme. Dass der Bereich tolle Geschichten erzählen kann, steht völlig außer Frage. „Laurence Anyways“ ist ein fantastischer Film über einen Mann, der eine Frau sein will, „Lichtes Meer“, „Blau ist eine warme Farbe“ und „Feriado“ zeigen sehr schön, wie kompliziert eine erste gleichgeschlechtliche Liebe sein kann, „Duke of Burgundy“, „Xenia“, „52 Tuesdays“ und „Animals“ gehen inhaltlich oder formal auf sehr originelle Weise mit dem Thema um. Die sind nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht. Und zwischen beidem muss man dann schon noch unterscheiden können.

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      • no

        zunächst mal… es gibt zwar ein paar filme, wo das thema vorkommt, aber dann doch eher als randnotiz. bisher fand ich noch keinen (westlichen) film, der das thema über die ganze spielzeit aufrecht erhält.

        es stimmt schon, dass der film kein großes Meisterwerk ist, aber du scheinst mir da auch ein wenig zu kritisch zu sein. es ist ein film, der im fernsehen gesehen durchaus dem zuschauer etwas geben kann. für mich ein film, der durchaus mehr positives und unterhaltendes hat, als Negatives, also schon eine 6/10 – und wer das thema besonders interessant findet, kann auch noch einen punkt drauflegen.

        das interessanteste am film ist die hauptdarstellerin, der ladyboy, der hier nun auch mal wirklich einer ist, was in anderen westlichen filmen meist eine frau macht. allein ihr aussehen, ihr verhalten, ihre mimik und gestik verzaubert selbst einen hardcore-hetero und das macht den film als erlebnis für den zuschauer schon interessant. das hat jetzt wenig mit dem film zu tun, da hast du schon recht, denn sie spielt nicht mal so besonders gut, aber das allein konfrontiert den zuschauer mit gefühlen, die er so nicht erwartet hätte und könnte zu einer liberaleren einstellung führen.
        was die kritik am film anbelangt: du hast schon recht, dass die dialoge manchmal recht holprig werden, manchmal hat man dann auch wirklich das gefühl, dass es sich um eine dt. fernsehproduktion handelt, nichtsdestotrotz passiert das nicht allzuoft auch zu unangenehm, denn letztlich sind die meisten gespräche zwischen zweien, die einfach nicht die muttersprache sprechen. dergleichen gespräche sind auch in der realität eben oft „holprig“ und schließlich reagiere ich auf dramaturgische kritikpunkte immer etwas allergisch, denn dergleichen regeln sind eben oft auch dazu da, dass sie gebrochen werden. diese regeln werden vom hollywoodkino und im langweiligen mainstream ernst genommen, nicht aber bei arthouse oder indie-filmen, bei denen man diesen kritikpunkt sehr oft anbringen könnte, aber oft gerade das verweigern solcher formelhaften erzählstrukturen deren seele ausmacht. Patong Girl als arthouse zu bezeichnen, geht zwar wohl viel zu weit, aber dass sich die Regisseurin am Indie orientiert hat, ist offensichtlich, wenn ihr dabei auch kein wirklich herausragender gelungen ist. die geschichte als solche ist aber dennoch durchaus glaubwürdig, als eigentlich oberflächliche urlaubsromanze und einer träumerei, die noch nicht ganz in der realität angekommen ist, als auch der umstand, dass sie nach nordthailand zurückkehrt und da kommt eben auch in der realität das thema armut im norden auf, das im schnitt rauszuschneiden nur um eine straightere story zu haben, würde den film zwar leichter konsumierbar machen, ihn mehr in richtung mainstream verschieben, aber sogar unnatürlich wirken, denn das ist bei dergleichen gesprächen zwischen thais und touris sehr oft halt auch thema.
        ich fand den film jetzt auch nicht großartig, aber okay, wenn nicht gar empfehlenswert wegen des themas bzw der hauptdarstellerin. er ist irgendwo zwischen tv-film und indie, aber noch fürs dt. fernsehpublikum verklickerbar. als film zwischen den stühlen kann er so durchaus beim seher was erreichen. bei einem arthouse oder echtem indie hätte der zuschauer wohl schon abgeschaltet bevor der ladyboy ins bild gekommen wäre.

  2. no

    und wenn ich im ersten absatz schreibe, dass ich noch keinen film gefunden habe, der sich mit dem thema auseinandersetzt, dann mein‘ ich explizitbdas thema „thailändische ladyboys“ und nicht crossdressing, travestie und ähnliches… und ja, klar ist „laurence anyways“ der klar bessere film, aber selbst der hat mich nicht vollends überzeugt; auch „blau ist eine andere farbe“ nicht, auch wenn er mit diesem thema schon gar nichts mehr zu tun hat. klar, diese filme sind weit besser, das sind auch arthouse-filme, die ein immenses positives feedback auf den großen anspruchsvollen festivals erzeugt haben, aber dafür fand ich beide eigentlich sogar enttäuschend. das hier ist eine tv-produktion zwischen mainstream und möchtegern-indie, aber meine erwartungshaltung war auch gering. die beiden oben genannten fand ich gut bis sehr gut, den hier okay bis gut.
    was dem film allein durch den echten ladyboy gelingt, ist faszination und irritation beim zuschauer auslösen, etwas dass man sonst nur erfährt, wenn man selbst in thailand war und dort offenherzig rumläuft. er schafft es einem mainstreampublikum zu zeigen, dass ladyboys nicht nur irgendwelche tunten sind, sondern dass sie eben durxh und durch frauen sind, was man letztlich auch auf menschen in unserer gesellschaft ummünzen kann. das macht den film als film nicht besser, aber wenn man davon ausgeht, dass dieser film auch ein gesellschaftspolitisches ziel hat die breitere masse zu erreichen, so hat er dieses erfüllt. die beiden anderen cannes-gewinnerfilme flimmern beim dt./österr. tv-zuseher vermuttlich gerade mal 5 minuten auf dem schirm bevor er zu rosamunde pilcher switcht

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  3. no

    was du vielleicht nicht weisst… selbst in thailand ist es nicht so, dass man ladyboys wirklich kennenlernt. sie treffen sich meist in gruppen und stehen oft (vom europ. touri) auch unbemerkt irgendwo am rand. das hat mehr von jugendlicher subkultur bei uns, wenn zb goths oder punks zb bei veranstaltungen sind. ich hatte, weil mich wohl subkulturen immer irgendwie anziehen, das glück dass ich da mehr einblick bekam und es war faszinierend und für mich ein durchaus veränderndes erlebnis. seither, wenns um thailand geht, ist das für mich oft ein gesprächsthema, weil ich anderen einen schimmer von meinen erfahrungen vermitteln möchte. in worten gelingt das jedoch nicht so gut, wie mit bildern und zb meine freundin war erstaunt, wie zutreffend meine worte waren, auch wenn sie mir wohl ursprünglich nicht so wirklich geglaubt hat.
    der film ist keine große filmkunst, aber so schlecht nun auch wieder nicht, und er erreicht etwas, trotz der etwas seltsamen mischung aus oberflächlichkeit & konstruiertheit, aber auch ehrlichkeit. als film zwischen den stühlen ist er vielleicht kein einstieg zu anspruchsvolleren filmen, aber sehr wohl in das thema für jene, die entweder nichts darüber wissen oder dergleichen sogar ablehnen… es ist eine deutsche produktion, und jetzt mal ehrlich, es braucht jahrzehnte bis mal ein junger deutscher filmemacher auftaucht und sowas zusammenbringt wie die beiden anderen filme oben. ich kann mich an keinen jungen filmemacher erinnern, der in cannes so abgeräumt hätte. wenn dann muss das in den 70ern gewesen sein als ein wim wenders noch jung war. so ein ausnahmetalent ist sie vermutlich ziemlich sicher nicht, oder sie sucht noch ihren weg… drehbuch und dialoge sind im deutschspr. raum meist eine katastrophe, aber auch wenn das hier ebenso nicht grossartig war, so war es nicht so schlecht, denn wie gesagt, die beiden würden auch „in Echt“ mit „händen und füssen“ miteinander diskutieren und deutsche familien sind auch in der realität ähnlich oberflächlich… ganz so schlimm fand ich dass alles nun wirklich nicht

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  4. no

    es folgen viele SPOILER:

    „viele themen“, „wovon er eigentlich handeln will“:

    auch wenn er in der mitte wirklich einen hänger hat, so ist das konzept durchaus durchdacht und nicht orientierungslos:
    der film zerfällt in zwei teile.

    wobei in teil 1 die ferienromanze im süden thailands im vordergrund steht. dort wird auch sein background durch seine familie betrachtet, sowie das scheinbare leben in einer tourismusgegend. die mutter, die sonst schon etwas nerven kann, vertritt dabei den typischen touristen, der eigentlich mit dem sextourismus nichts am hut haben will und auch deren scheinmoral wird angedeutet, sowie die probleme mit den proletarischen sextouristen. das dient der zeichnung der welt in der sich die protagonisten bewegen. es erklärt in erster linie ihn, aber deutet auch bereits auf vorurteile hin, die sie betreffen.

    der zweite teil startet mit seiner entscheidung zu bleiben und seiner liebe auf den grund zu gehen. es wird ernster und dabei fallen einige vorhänge, aus einer oberflächlichen ferienromanze soll nun doch mehr werden und man blickt nun hinter die kulissen der scheinbar heilen tourismuswelt, sie outet sich und auch das land outet sich, zeigt nun mehr von ihrer tatsächlichen welt und auch ihren problemen. auch hier werden probleme angeschnitten, die das umfeld besser andeuten, dinge die auf die menschen und insbesondere auf sie rückwirken.

    dass der film all diese dinge nicht löst, liegt daran dass diese auch nicht so einfach gelöst werden können. sie dienen letztlich einem besseren verständnis der beiden protagonisten. dass der film recht komplex viele dieser dinge anschneidet, rechne ich ihm sogar als etwas Gutes an. eine allzu straighte story nach lehrbuchdramaturgie wirkt dann doch vielmehr gekünstelt als das hier der fall ist. dass er sich in sie verliebt ist nachvollziehbar und glaubwürdig, ebenso dass er nach dem „vorhang fallen“ es akzeptiert, denn eigentlich wars dann schon zu spät. die entscheidung zu bleiben, heisst gleichzeitig auch eine intensivere und ernstere auseinandersetzung mit land und kultur, was im zweiten teil dann doch ganz gut zum vorschein kommt.
    das macht den film nun noch kein meisterwerk, aber ich finde nachwievor, dass er ganz gut ist.

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