(„Let Us Prey“ directed by Brian O’Malley, 2014)

Let Us Prey

„Let Us Prey“ erscheint am 27. März auf DVD und Blu-ray

Den ersten Tag in ihrer neuen Stelle hat sich die junge Polizistin Rachel (Pollyanna McIntosh) sicher anders vorgestellt. Oder besser: die erste Nacht. Als sie nachts Streife fährt, wird sie Zeuge, wie der bekannte Kleinverbrecher Caesar (Brian Vernel) einen Mann über den Haufen fährt. Vom Opfer ist anschließend nichts mehr zu sehen, dennoch schleift sie den Verkehrsrowdy auf die Polizeiwache. Ihr Chef Sgt. MacReady (Douglas Russell) ist nur wenig begeistert über ihren Arbeitseifer, zumal sie keinen Beweis für den Unfall hat. Dann aber taucht der Angefahrene auf der Wache auf. Einfacher macht das die Geschichte jedoch nicht, denn er spricht nicht, keiner weiß, wer der verwahrloste Mann ist. Dafür scheint er umso mehr über die Anwesenden zu wissen, vor allem über deren dunkle Geheimnisse.

Schon bei seinem ersten Film zeigt Regisseur Brian O’Malley großes Geschick beim Umgang mit Genrestandards: Der Himmel ist duster, wir sehen aufbrausende Wellen, ein Schwarm Krähen sorgt zusammen mit der atmosphärischen Elektromusik für eine schaurig-schöne Stimmung. Dass sich in dem kleinen schottischen Kaff etwas Böses anbahnt, daran besteht kein Zweifel. Nur was genau, das lässt O’Malley offen. Horrorfreunde werden zwar schon eine Ahnung haben, wer dieser mysteriöse Fremde ist, aber auch sie dürften anfangs recht gespannt der Dinge harren, die da kommen.

Packend ist Let Us Prey nämlich, über weite Strecken sogar. Beinahe den ganzen Film in einer kleinen Polizeiwache spielen zu lassen, während die Uhr unbarmherzig tickt, die Apokalypse immer kommt, ist dabei ein richtig geschickter Schachzug. Beengend, regelrecht klaustrophobisch ist der Schauplatz, umso mehr da diverse Protagonisten dem Geschehen nur von der Zelle aus zusehen können. Auf diese Weise stellt sich sehr schön das Gefühl ein, gefangen zu sein, ausgeliefert was auch immer da passiert – die britisch-irische Produktion bekommt kammerspielartige Qualitäten.

Protagonisten, die sich an einem Ort vor einer Bedrohung von außen verbarrikadieren, das ist nicht unbedingt neu. Anders als bei vielen Horror-Kollegen verschwimmen bei Let Us Prey jedoch schnell die Grenzen zwischen außen und innen, zwischen Freund und Feind. Wer ist der Böse? Wer der Gute? Allein bei Rachel ist die Antwort eindeutig, der Rest ist deutlich ambivalenter. Wo nach außen hin friedliche Kleinstadtkulisse herrscht, bricht zunehmend das wahre und deutlich hässlichere Gesicht hervor.

Zum Ende hin übertreibt es der Beitrag vom letztjährigen Fantasy Filmfest jedoch damit, der Blick in den Abgrund wird zwanghaft und verliert dabei jedes Augenmaß. Menschen mit finsteren Geheimnissen schön und gut, wenn sie aber derart zum Selbstzweck werden wie hier, schadet das der Stimmung mehr als dass es ihr nützt. Nachvollziehbar ist hier nichts mehr, die Charaktere nicht, die Dialoge nicht, die Handlungen nicht. Mitfiebern wird so erschwert, denn das Horrorwerk ist da längst zu forciert und gekünstelt, die tragischen durch Flashbacks erzählten Hintergrundgeschichten hätten ebenfalls nicht unbedingt sein müssen.

Und auch in anderer Hinsicht büßt Let Us Prey später an Wirkung ein: Das Unheilvolle wird zugunsten eines hohen Splatterfaktors geopfert, es darf gemetzelt werden, was das Zeug hält. Wer seinen Horror gern etwas blutiger hat, wird das eventuell freuen, inhaltlich wird es bis zum abrupten Schluss jedoch eher unbefriedigend. Wenn O’Malley sich das nächste Mal dem Genre zuwendet, dann hoffentlich auf der Basis eines besseren Drehbuchs, damit sein Inszenierungstalent und die Geschichte nicht ganz so sehr auseinanderklaffen.

Let Us Prey
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Let Us Prey
Das Böse sucht die Polizeiwache einer kleinen schottischen Stadt heim: Das ist atmosphärisch inszeniert und auch aufgrund des begrenzten Schauorts über weite Strecken spannend. Zum Ende hin verliert sich „Let Us Prey“ jedoch in einer zu forcierten Abgründigkeit und tauscht seine unheilvolle Stimmung gegen billigen Splatter.
6von 10

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