(„Vyssí princip“ von Jirí Krejcík, 1960)

1942. Die Nazis haben Tschechien fest im Griff. Überall patrouillieren Soldaten, die alles niederreißen, was nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ein jeder tschechischer Bürger, der gegen das nationalsozialistische System rebelliert wird erschossen – unabhängig von Familienstand, Alter oder Geschlecht. Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges versuchen Jugendliche, ihr Abitur zu machen. Abgelenkt vom Terror, der sich vor ihren Fenstern abspielt, versuchen Schüler und Lehrer mit der Situation angemessen umzugehen und der Film ist immer dann am besten, wenn die Schüler und Lehrer kammerspielartig beobachtet werden, wie sie auf die Tumulte reagieren. Im Lehrerzimmer sich wie die zwölf Geschworenen versammelnd, sehen sich die Lehrkräfte mit den Schwierigkeiten konfrontiert, politisch korrekten Unterricht abzuhalten, um nicht in das Visier der Nazis zu gelangen, eingeschüchtert vor Furcht, ein geliebtes Familienmitglied oder das eigene Leben durch Nichtigkeiten zu verlieren.

Die Schüler hingegen haben mit Scherzen, die sie zu verbergen versuchen, einen ganz eigenen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen. So ist „Das höhere Prinzip“ in der ersten halben Stunde eine stille, kluge Beobachtung der Schüler und Lehrer, die sich in ihren Ängsten gegenseitig beeinflussen und sich nicht scheuen, ihre Schwächen zu maskieren. Der Film schafft es, durch die Darstellung der Verzweiflung und des daraus resultierenden Zusammenhalts zwischen Lehrern und Schülern eine menschliche Wärme aufzuzeigen, die dem Werk zugutekommt, da es nicht in Kitsch überzeichnet wird. Jirí Krejcíks Film wandelt sich, das Konzept  von der einfühlsamen Schilderung einer Jugend in Angst als abgefilmtes Theaterstück verändernd, zu einem Familiendrama über Lügen und Verrat, das den Film in seiner sich stetig zuspitzenden Handlung jedoch nicht weiter voranzutreiben vermag, sondern als kurz abgehandeltes Melodram – als Sub Plot – nicht funktioniert.

So droht, der interessanteste Aspekt des ganzen Films – wie ein jeder Bürger die Wirren des Krieges zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen versucht – stets in überzeichnetem Familiendrama verkitscht zu werden, konfrontiert die Tochter, in Tränen aufgelöst, ihren Vater mit dessen Verbindungen zur Gestapo. Das ist deshalb bedauerlich, weil Krejcíks vorhergehende Beobachtungen ihren tiefen Humanismus und somit ihre Wärme durch das zurückhaltende Beobachten der Menschen und ihrer Reaktionen gewann. Hierzu passt – leider – das verkitschte Ende als vorgreifende Variation auf den „Club der toten Dichter“, indem der geachtete Professor – mit eindringlichem Schauspiel als eines der besten Elemente dieses Films – als Held einer ganzen Generation gefeiert wird. „Das höhere Prinzip“ bleibt ein konzeptionell interessantes Zeitdokument mit starken Schauspielern, das die Erwartungen, die es durch den starken Beginn weckt, durch den aufkeimenden Sozialkitsch nicht vollständig erfüllen kann.

Das höhere Prinzip erscheint am 10. August auf DVD

Das höhere Prinzip
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