(„Melinda and Melinda“, directed by Woody Allen, 2004)

„She’s gorgeous. Hard to believe a Republican could be that sexual.”

Ist das Leben komisch oder tragisch? Liegt es im Auge des Betrachters? Woody Allen legt dem Zuschauer mit diesem Spätwerk die Geheimnisse des Filmemachens dar und erläutert, aus welchem Stoff Dramen und Komödie gemacht werden. Es ist ein interessantes Konzept, ein originelles Experiment, das auch als abendfüllender Spielfilm hervorragend funktioniert, wenn zwei Schriftsteller abends in einem Lokal sitzen, um über die Tragik bzw. Komik des Lebens zu philosophieren. Sie erzählen beide dieselbe Geschichte – einmal als Drama und einmal als Komödie, um aufzuzeigen, dass die Beurteilung der menschlichen Existenz – eingeordnet in ein (Film)-Genre – stets im Auge des Betrachters liegt. Einer der Schriftsteller beginnt zu erzählen – es ist die Geschichte von Melinda (Radha Mitchell) und es ist eine Tragödie, weil die Figur der zerbrechlichen Melinda eine Tragödie ist. Eines Abends stürmt sie in die Wohnung ihrer alten Freunde. Sie ist kaum noch bei Bewusstsein, angespannt, nervös, vollgepumpt mit Alkohol und Schlaftabletten. Sie hat eine bewegende Geschichte hinter sich, die sie ihren Freunden Lee (Johnny Lee Miller) und Laurel (Chloe Sevigny) erzählt.

Diese können nicht anders, als ihrer Freundin für zunächst unbestimmte Zeit Unterschlupf zu gewähren, denn Melinda ist gerade erst in New York angekommen und hat keine Wohnung oder ein Hotelzimmer. Die Perspektive wechselt – die Ausgangssituation bleibt die gleiche. Es ist wieder die Geschichte von Melinda, die 28 Schlaftabletten zu sich genommen hat und in die Wohnung von Personen stürzt. Dieses Mal sind es Fremde in der Gestalt von Susan (Amanda Peet) und Hobie (Will Ferrell). Der Hintergrund und das Schicksal Melindas ist dabei jedoch nahezu das gleiche. Auf diese Weise begleitet Woody Allen diese ungewöhnliche Frau durch zwei Geschichten, die sich immer abwechseln, sich von Tragödie zu Komödie wandeln um auf dieser Weise dem schlussendlichen Fazit näher zu kommen.

Ist die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz komisch oder tragisch? Beides, denn Woody Allens Spätwerk ist ein Wechselbad der Gefühle in diesem ungewöhnlichen Film, der zu den besten des New Yorker Regisseurs gezählt werden kann. Dabei ist die tragische Version derselben Geschichte wesentlich intensiver und es wird deutlich spürbar, bei welcher Episode Allen mehr Herz in die Geschichte gesteckt hat. Die Tragödie ist von einer bedrückenden Intensität, wenn der Zuschauer Melinda kennen lernt, eine verzweifelte junge Frau, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat und deren größter Feind sie selbst ist. Ein minutenlanger Monolog dieses unglücklichen Wesens und fast unmerklich nähert sich die Kamera ihrem tränenreichen Gesicht, je mehr wir über diese Person erfahren. In unangenehmer Nähe wird man Voyeur der Selbstzerstörung dieser Frau, die bald nur noch von Alkohol und Zigaretten zu leben scheint, die herumwirbelt wie eine Furie, die leidet, weint und zerbricht.

Ursprünglich sollte Winona Ryder die Hauptrolle der Melinda übernehmen, doch da sie zu jener Zeit aufgrund ihrer Kleptomanie niemand versichern wollte, griff Allen auf die australische Radha Mitchell zurück, die sich hier als brillante Schauspielerin erweist und die gesamte Palette eines schauspielerischen Könnens sowohl in der Komödie, als auch in der Tragödie abdecken muss. Ihr Spiel ist derart intensiv, dass Mitchell selbst in beiden Fällen mit der tragikomischen Figur der Melinda verschmilzt, was in einigen Fällen zu einem unangenehmen Erlebnis des Zuschauers wird, der nicht anders kann, als der unglücklichen Frau zuzusehen, ohne ihr dabei helfen zu können – wohl auch im Bewusstsein, dass es unmöglich zu sein scheint, Melinda glücklich zu machen.

Der interessanteste Aspekt an diesem Werk ist vielleicht das Spiel des Regisseurs und Drehbuchautors Allen, der in beiden Geschichten Änderungen und Gemeinsamkeiten eingebaut hat. Je weiter man in den Film selber vordringt, desto mehr Symbole begegnen einem, die vorher in der jeweils verschiedenen Version (Komödie – Tragödie) bereits auftauchten, um früher oder später auch stärkere Änderungen in der entgegengesetzten Fassung zu entdecken. Den Gemeinsamkeiten der beiden Versionen ist es zu verdanken, dass der Zuschauer in der Komödie ähnlich viel über das Innenleben der Charaktere weiß, wie in der Tragödie. Ein in der Filmwelt seltenes Phänomen, durch das wir in diesem Fall jede Aktion der Personen in der Komödie nachvollziehen können und aufgrund der Art und Weise, wie Woody Allen die Version aufgebaut hat, nicht mit den Charakteren leiden, obwohl sie uns nüchtern betrachtet Anlass dazu gäben.

Beeindruckend ist auch die Sensibilität, mit welcher der Regisseur seine Charaktere seziert, denn zu keinem Zeitpunkt verurteilt er die schuldbeladene Melinda in der Tragödie, während er in der komischen Version hauptsächlich auf zurückhaltenden, mal mehr, mal weniger subtilen Humor setzt, was die Charaktere sympathischer macht, sodass eine Identifikation des Zuschauers mit den Figuren beider Versionen möglich gemacht wird. Wie Radha Mitchell als Melinda in ihrer Tour de Force der Gefühle überzeugt, so sorgt Will Ferrell als seine eigene Version des typisch neurotischen Woody Allen-Charakters für den nötigen Spaßfaktor. Melinda und Melinda ist ein interessantes filmisches Experiment, das hier in seinem Konzept voll aufgegangen ist und als gleichzeitig tief tragische und urkomische Philosophie über das menschliche Streben funktioniert – sehenswert vor allem aufgrund Radha Mitchells, die sich hiermit als eine der talentiertesten, noch lebenden Schauspielerinnen bewiesen hat, wenn sie mit einem lachenden und einem weinenden Gesicht ihren Streifzug durch das schön bebilderte New York beginnt.

Melinda und Melinda
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